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Sie wollen menschliche Brücken bauen

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Maximilian Bieri, Saida Hashemi und Amin Jebabli (von links) sitzen für die SPD-Fraktion im Hanauer Stadtparlament. Sie gehören zu dem einen Drittel Fraktionsmitglieder, die keine deutschen Wurzeln haben.
Maximilian Bieri, Saida Hashemi und Amin Jebabli (von links) sitzen für die SPD-Fraktion im Hanauer Stadtparlament. Sie gehören zu dem einen Drittel Fraktionsmitglieder, die keine deutschen Wurzeln haben. © Foto: Detlef Sundermann

Die 26-Jährige lacht, wenn sie vom „Klassiker“ erzählt. „Wegen meiner schwarzen Haare kommt schon mal die Frage auf, wo ich geboren bin“, sagt sie. Vielleicht ist es auch ihr Name, der Leute zu dieser Frage bewegt und Saida Hashemi sagen lässt: „Ich bin gebürtige Hanauerin“. Hashemi ist seit März 2021 jedoch auch Stadtverordnete.

Hanau - Gleichwohl gut 40 Prozent der Menschen in Hanau ausländische Wurzeln haben und zumeist deutsche Staatsbürger sind, findet sich diese Quote im Stadtparlament nicht wieder. Seit der Kommunalwahl 2021 hat die SPD durch Neuzugänge wie etwa mit Hashemi aufgeholt – von 19 Fraktionsmitgliedern haben ein Drittel keine deutschen Wurzeln. Und wie es aussieht, stellt sich dies für die SPD als Zugewinn etwa bei den sozialen Kompetenzen in der Politik und der Debattenkultur heraus.

„Eine Unterscheidung ob der Herkunft gibt es bei uns nicht“, sagt Fraktionschef Maximilian Bieri, der – sein Nachname lässt es erahnen – halb Schweizer ist. „Jeder Mensch hat einen sozialen Hintergrund, der aber nicht das Argument für eine politische Entscheidung oder Zuweisung von Aufgaben sein kann.“ Ziel müsse es sein, die gesamte Stadt im Blick zu haben. Fraktionsvize Amin Jebabli stimmt darin überein: „Ich möchte nicht zu jedem Thema auf meinen Migrationshintergrund hinweisen.“ Die Hanauer SPD sei im Vergleich zu anderen Stadtverbänden und Fraktionen jedoch „überdurchschnittlich undogmatisch“. Dennoch heißt es, Dinge nicht schönreden, die mit Migration zu tun haben. Probleme müssen benannt werden können, so Bieri. „Wenn eine Statistik von einer hohen Arbeitslosigkeit bei Migranten berichtet, dann muss man den schwierigen Zugang dieser Menschen zum Arbeitsmarkt thematisieren und nicht mit Wegschweigen die Statistik irgendwelchen Idioten überlassen.“

Novizin Hashemi will für alle Bürger der Stadt da sein. „Die Leute kennen mich mittlerweile gut. Ich spreche mit unterschiedlichen Menschen und habe stets ein offenes Ohr für ihre Belange“, sagt sie. „Im Stadtparlament halte ich meine private Meinung zurück. Denn ich sitze dort als Vertreterin der Bürgerinnen und Bürger, die mich gewählt haben“, sagt sie auf die Frage nach kontroversen Themen, die sie berühren, wie die Diskussionen über das künftige Mahnmal zum 19. Februar 2020. An dem Tag ermordete ein rassistisch-motivierter Täter in Hanau neun Menschen mit Migrationshintergrund. Unter den Opfern war auch Hashemis Bruder Said Nesar. Die Eltern der beiden waren vor 40 Jahren aus dem kriegsgeschundenen Afghanistan geflüchtet.

Die Tat am 19. Februar war für die Junglehrerin der Anlass, in die Politik zu gehen – nicht aus Zorn. Sie habe mit ihren vielen öffentlichen Reden, in denen sie über das Leid ihrer Familie und der anderen Betroffenen erzählte, gemerkt, dass man ihr zuhöre, dass sie etwas mit Worten und Engagement erreichen könne. Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) habe sie gefragt, ob sie sich nicht in die Stadtpolitik einbringen wolle. Motiviert habe sie auch die positive Entwicklung der Innenstadt samt der Stadtteile.

Den vor wenigen Jahren beendeten Stadtumbau benennt auch der promovierte Mathematiker Bieri als Grund, sich politisch zu engagieren. „Über die Jusos rutschte ich in die SPD“, sagt Bieri, der in der IT-Branche tätig ist. 2019 rückte er aus der Warteposition in die Stadtverordnetenversammlung auf. Ein Jahr später wird er zum Fraktionschef gewählt. Ein Wunschkandidat von Cornelia Gasche, die nach 20 Jahren das Amt abgab. Der 31-Jährige ist obendrein Mitglied im Haupt- und Finanzausschuss. Amin Jebabli bekleidet den Vorsitz des Ausschusses für Frauen, Jugend, Soziales und Integration. Der Doktor der Politikwissenschaft arbeitet als Geschäftsführer der SPD Offenbach.

Der 40-jährige Hanauer mit tunesischem Vater gehört der SPD-Fraktion seit 2011 an. Klassensprecher, Jusos, als Kind das Interesse an Bundestagsdebatten und der Vater als Stadtverordneter bewegten ihn, in die Politik zu gehen. Brücken zwischen Menschen bauen sieht er als seine Passion. Manchmal sei das einfach. „Beim Besuch in einem Lokal in Hochstadt habe ich ein bisschen breiter Hessisch gesprochen, das hat gleich das Eis gebrochen“, erzählt er.

„Wie bunt ist Hanau?“: Alle bisherigen Teile unserer Serie „Wie bunt ist Hanau?“ sind nachzulesen unter hanauer.de.

(Von Detlef Sundermann)

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