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Selbstmordversuch? Herr R. bekommt 15 Monate auf Bewährung

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Vor dem Landgericht ist ein ungewöhnlicher Fall verhandelt worden. Der Angeklagte wurde mit einer Waffe am Flughafen gestoppt – er wollte im Urlaub Suizid begehen.
Vor dem Landgericht ist ein ungewöhnlicher Fall verhandelt worden. Der Angeklagte wurde mit einer Waffe am Flughafen gestoppt – er wollte im Urlaub Suizid begehen.

Hanau. Die große Liebe krank, das Unternehmen am Ende: Ein 54-Jähriger aus Hanau will sich auf Madeira das Leben nehmen. Am Flughafen wird er mit einer Waffe erwischt - und ist deshalb vor Gericht zu 15 Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Ein Happy End gibt es aber dennoch.

Von Dieter A. Graber

An einem Januartag im vergangenen Jahr, der viel zu mild war für die Jahreszeit, beschloss Herr R., zum Sterben nach Madeira zu fliegen. Warum Madeira? Nun, er hatte schöne Erinnerungen an die portugiesische Insel. Sonnige Urlaubstage. Bummeln durch das malerische Funchal. Glückliche Stunden mit Kirsten, seiner großen Liebe. Ein guter Ort, um freiwillig aus dem Leben zu scheiden, fand Herr R., der Werkzeugmacher.Worte werden gewissenhaft gewähltSchmal ist er, fast hager, 54 Jahre, das volle Haar grau meliert. In Saal 216 des Landgerichts erzählt er seine Geschichte. Er spricht bedächtig. Er wählt die Worte gewissenhaft und legt Pausen ein zwischen den Sätzen. Er will, dass man versteht, wie alles kam. Er sagt: „Wir hatten gute Jahre zusammen. Nie Streit. Eine von beiderseitigem Harmoniebedürfnis geprägte Beziehung.“Auch beruflich lief es bestens für Herrn R., der eine eigene Werkzeugmacherei in der Innenstadt betrieb. Eine kleine Werkstatt im Hinterhof. Die Auftragslage: prächtig! Alle großen Hanauer Industrieunternehmen ließen bei ihm arbeiten.Plötzlich wird Kirsten krank Stolz schwingt mit, wenn er sie jetzt aufzählt: Dunlop und Vacuumschmelze und Heraeus ... Das war, bevor Kirsten krank wurde. Eine lebensbedrohliche Diagnose. Nun zeigte ihm das Leben seine gemeine Seite. Von einem Tag auf den anderen.„Fortan kümmerte ich mich fast nur noch um sie“, erzählt er. „Ich saß an ihrem Bett. Hielt ihre Hand. Den Betrieb habe ich darüber vernachlässigt.“ Der Umsatz brach ein. Erst langsam, dann immer schneller. Und irgendwann, sagt Herr R., sei schließlich der letzte wichtige Kunde abgewandert. „Ich konnte nicht einmal mehr die Krankenkasse bezahlen. Alles war am Ende.“„Ich habe alles in mich hineingefressen“Ein Tüftler ist er, ein Entwickler, ein Macher. Einer, der diffizile technische Probleme lösen kann. Nicht aber seine persönlichen. Vielleicht stand Kirstens Krankheit zwischen den beiden. Oder sein Stolz, ihr seine scheinbar ausweglose Lage einzugestehen. „Ich habe alles in mich hineingefressen.“Als er Anfang 20 war, sagt er, habe er mal eine Dummheit gemacht. Da kaufte er bei einer Flohmarktbekanntschaft vier Feuerwaffen samt passender Munition; drei Pistolen und eine Uzi mit 75 Schuss. Das ist eine israelische Maschinenpistole, ein Rückstoßlader mit einklappbarer Schulterstütze, Feuerwahlhebel und Feder-Masse-Verschluss. Herr R. sagt, „diese Mechanik“ habe ihn fasziniert. Einfach, aber genial.Waffenarsenal in der WerkstattNicht das Schießen! „Im Gegenteil: Bei der Bundeswehr drückte ich mich immer davor.“ Das kleine Arsenal verwahrte er auf einem Regal in seiner Werkstatt. Jahrzehntelang. Er wird es da vergessen haben. „Später dachte ich mal daran, alles von einer Brücke in den Main zu werfen, befürchtete aber, unterwegs von der Polizei kontrolliert zu werden.“An diese Waffen erinnerte sich Herr R., als er sich in jenem Januar 2015 zum Suizid entschloss. Der 54-Jährige deponierte also eine der Pistolen in einem mit doppeltem Boden präparierten Kochtopf. Aber beim Durchleuchten seines Koffers am Frankfurter Flughafen wurde sie entdeckt und er festgenommen.Kommissar: "Diese Tat war mehr ein Hilferuf“Er hat der Polizei dann alles sofort gebeichtet. „Endlich war da jemand, mit dem ich reden konnte.“ Kommissar H. erinnert sich nun im Zeugenstand: „Er war richtig erleichtert. Ich glaube, diese Tat war mehr ein Hilferuf.“Im Abschiedsbrief, den er seiner Kirsten ins Auto gelegt hatte, stand: „Ich habe den Karren in den Dreck gefahren. Ich ertrage es nicht, dass bald alles aufgelöst wird. Die Werkstatt, mein Lebenstraum. Ich denke, du bist ohne mich besser dran und hoffe, dass du mir verzeihen kannst.“Hochzeit in ein paar MonatenDie 5. große Strafkammer verurteilte Herrn R. wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz zu 15 Monaten auf Bewährung. Die Geschichte nimmt übrigens ein gutes Ende: Kirsten wurde wieder gesund. Sie hat ihm verziehen. Und in zwei Monaten heiraten die beiden – nach 17 gemeinsamen Jahren, vielen glücklichen und auch ein paar bitteren.

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