Stets unter Beobachtung: Der Angeklagte aus Langenselbold verbringt in einer derartigen Zelle des Gerichts in Hanau die Zeit während der Verhandlungspausen der Kammer. Archivfoto: Thorsten Becker

Hanau/Langenselbold

Selbolder-Prozess: Vater, Bruder und Noch-Ehefrau sagen aus

Hanau/Langenselbold. Im Prozess vor der 1. Großen Strafkammer des Hanauer Landgerichts gegen einen 47-jährigen Selbolder wegen versuchten Mordes, Kinderpornografie, sexueller Nötigung Minderjähriger und anderer Delikte sind am Dienstag verschiedene weitere Details aus dem Familienleben des Angeklagten bekannt geworden.

Von Rainer Habermann

Zur Erhellung des Hauptvorwurfs, des versuchten Mordes an seiner in Scheidung lebenden Ehefrau, trugen sie allerdings eher weniger bei. Sie warfen aber ein Schlaglicht auf eine ganz bestimmte Art von Briefen, von denen angeblich einen die Ehefrau 2017 geschrieben haben soll, und worin sie ihren Noch-Gatten angeblich bittet: „Lieber Schatzi, lieber J., schalte bitte mein schlechtes Gewissen aus und nimm mich zurück!“

Zum Hintergrund: Jener Brief, angeblich geschrieben von der Noch-Ehefrau, soll drastisch klarstellen, dass sie die Trennung von ihm zutiefst bereue, sich nichts sehnlicher wünsche als dass sie in seine Arme zurückkehren dürfe. „Ich habe großen Bockmist gebaut, bitte verzeih mir“, steht da schwarz auf weiß in Maschinenschrift. Hellblau handschriftlich unterzeichnet mit dem Vornamen der 44-Jährigen. Und ebenfalls mit Details versehen, die deutlich machen sollen und sogar explizit ausdrücken: „Ich habe das alles inszeniert, es tut mir leid.“

Briefentwurf auf PC sichergestellt

Im Jahr 2017, dem Jahr der Trennung, ging es unter anderem um einen Vorfall, bei dem die Radmuttern am Fahrzeug der Noch-Ehefrau gelöst worden waren. Ein Vorfall allerdings, der gar nicht angeklagt wurde, weil es zu keinem Schaden gekommen war und der Angeklagte ein Alibi hatte. Ein grafologisches Gutachten bezüglich der Unterschrift kommt zu dem Schluss: „Eine Fälschungshypothese überwiegt, ist aber aufgrund der unspezifischen Handschrift in Vergleichsproben nicht eindeutig.“

Der Brief erinnert allerdings, im Duktus und in all seinen orthografischen Fehlern, massiv an die Rücknahme einer Strafanzeige, welche die älteste Tochter des Angeklagten seinerzeit – angeblich – geschrieben hatte. Der Entwurf dieses Schreibens war auf einem der PCs des Angeklagten sichergestellt worden. Die Noch-Ehefrau bestritt in ihrer erneuten Zeugenvernehmung, jemals solche Briefe geschrieben zu haben.

Was die Autorschaft des Angeklagten auch bei jenem „Reue-Brief“ nahelegt: die Staatsanwaltschaft präsentierte fünf weitere Schreiben, allesamt „Hausverbote“ an Nachbarn, in denen jeweils eine Doppelanrede verwendet worden war, nach dem Motto: „Sehr geehrte Damen und Herren, lieber X“. Die Ehefrau sagt dazu: „Nie habe ich einen solchen Brief geschrieben, ich hätte ihn grammatikalisch korrekt verfasst. Die doppelte Anrede ist typisch für ihn. Es ist echt mies, so etwas zu machen.“

Die offenbare Leidenschaft des Angeklagten für Dessous, und zwar sehr frivole, kommentierte sie ebenfalls. „Die Massen von Reizwäsche, die er mir schenkte, ob in passender Größe oder auch nicht, haben mich irgendwann nach 2008, als wir Kinder hatten, nur noch angeekelt. Von Blümchenmuster bis Hurenausstattung war alles dabei.“

"Damals Erwachsenensachen"

Die Verteidigerin des Angeklagten, Rechtsanwältin Gabriele Berg-Ritter, präsentierte allerdings zwei Quittungen über einen Dildo im Wert von 53 Euro, und über Dessous im Wert von 42,33 Euro, welche die Ehefrau nachweislich selbst gekauft hätte. Zu Pornobildern auf den Rechnern ihres Mannes meinte sie: „Dass er solche Bilder in der Anfangszeit unserer Ehe hatte, wusste ich. Aber das waren damals Erwachsenensachen. Ich habe mich für die Bilder nie wirklich interessiert.“ Über Bilder und Filme mit Kinderpornografie wusste sie angeblich nichts.

Auch der Vater des Angeklagten, ein pensionierter Kripobeamter, sagte am Dienstag vor Gericht aus. Staatsanwalt Martin Links konfrontierte ihn aufgrund von Telekommunikationsprotokollen mit dem Verdacht, er hätte an einer Strafanzeige gegen die im Verfahren gegen seinen Sohn leitende Ermittlerin mitgewirkt. Vorermittlungen gegen den Vater würden erwogen, hieß es von Seiten der Staatsanwaltschaft nach Ende des Prozesstags. Der Bruder des Angeklagten sorgte wie sein Vater für ein Bild der Noch-Ehefrau innerhalb der Familie, dass nicht als positiv bezeichnet werden kann, insbesondere bezogen auf deren Verhältnis zu den Kindern aus erster Ehe.

Das könnte Sie auch interessieren