Gepflegt wird der Weinberg von ehrenamtlichen Helfern, die von Vocko Relfs angeleitet werden. Foto: Holger Hackendahl

Hanau

Seit 300 Jahren: Kesselstadter Trauben werden zu feinen Tropfen

Hanau. 2009 ließ der Hanauer Geschichtsverein in einem Feldversuch die historisch nachgewiesene Tradition des Weinanbaus in Kesselstadt wieder aufleben. Seitdem werden in den Kesselstädter Wingerten wieder Grauburgunder-Reben angebaut. Am Sonntagnachmittag bekamen die Rebstock-Paten ihre Weinflaschen aus der Rekordernte 2018.

Von Holger Hackendahl

Das Kesselstädter Weinbau-Revival erfolgte 2009 und 2010 in drei Chargen je 99 Reben – unterstützt von Paten, die für jeweils 50 Euro einen der dort gepflanzten Grauburgunder-Weinstöcke finanzierten. In Kürze – in der Regel gegen Ende September – wird mit der Weinlese begonnen. Und 2019 ist wieder mit einem guten Ertrag zu rechnen. „Wir hatten bisher in Bezug auf die Ernte alles – von null Ertrag bis fast zu einer Tonne Trauben“, blickt Hanspeter Geibel auf die zehn Jahre Kesselstädter Wingert zurück. „Drei Jahre hatten wir so gut wie gar nichts, zwei Jahre waren sehr gut (650 und 950 Kilogramm Trauben).“

In normalen Ertragsjahren rechnet man eine dreiviertel-Liter-Flasche Wein pro Rebstock – diese wurde auch am Sonntag an die Paten ausgegeben. „In schlechteren Jahren ist es dann eine 0,5-Liter-Flasche“, erläutert Geibel.

Rekordernte 2018

Der diesjährige Wein wurde im Herbst 2018 gelesen, über den Winter ausgebaut und in Flaschen mit dem kunstvoll gestalteten Etikett der Kesselstädter Künstlerin Doris Schmidt-Haub abgefüllt. Das Motiv ist immer das Gleiche, nur die Farbe wechselt. Im aktuell 312 Reben zählenden Wingert wurde im Herbst 2018 eine Rekordernte von knapp einer Tonne Trauben (950 Kilogramm) eingefahren, erläuterte der Geschichtsvereins-Vorsitzende Michael Sprenger.

Auf dem Grundstück an der Landstraße nach Maintal wurde bereits vor rund 300 Jahren von Dörnigheim bis in Höhe des damals noch nicht erbauten Schloss Philippsruhe an den flach zum Main hin abfallenden Hängen Weinbau betrieben. Die Lizenz für den Weinanbau „In den Wingerten“, so die Flurbezeichnung im sieben Prozent Gefälle aufweisenden Kesselstädter Weinberg, wurde 2009 wieder erteilt.

Helfer gesucht

„Wein darf nur dort angebaut werden, wo er einst wuchs. Ich habe eine Karte von 1750 gefunden, die belegt dass hier ein Wingert war“, erläuterte Historiker Erhard Bus. Ab 2009 wurde die Erlaubnis erteilt – im Zusammenhang mit dem 950-jährigen Kesselstädter Ersterwähnungsjubiläum – von der Wingert AG des Hanauer Heimat- und Geschichtsvereins jährlich 99 Grauburgunder-Reben zu pflanzen. Paten, die pro Rebe 50 Euro spendeten, machte den Kauf der 297 Reben in zehn Reihen à 30 Pflanzen möglich.

Derzeit wachsen auf dem Wingert 312 Weinreben, die auch im Rekordsommer 2019 einen guten Fruchtbehang aufweisen. Die Pflege übernimmt derzeit eine fünfköpfige Gruppe unter der Leitung von Vocko Relfs. „2010 waren wir noch zehn Personen, die hier im Wingert körperlich aktiv waren“, erinnert sich Hanspeter Geibel, der ebenso wie Ehefrau Christa im Weinberg bei der Hege und Pflege der Reben mithilft. „Um die Weinstöcke zu pflegen, brauchen wir dringend Mithilfe.“

Nicht käuflich zu erwerben

Für den Kesselstädter Wingert werden wieder ehrenamtliche Mitarbeiter gesucht, die unter Anleitung Rebstocktriebe an Drähte binden und beim Ausschneiden mithelfen (Mai bis Juli). Auch regelmäßiges Mähen des Grases unter den Reben steht im Wingert an, erläutert Geibel. „In zwei Wochen wollen wir die Traubenlese starten. Zehn bis 15 Traubenperkel sind es in diesem Jahr im Schnitt pro Rebe“, blickt Relfs voraus.

Hilfe gibt es jedoch beim Verarbeiten der Trauben, der 1. Hochstädter Winzerverein kümmert sich um die Weiterverarbeitung der Grauburgunder-Trauben. „Derzeit haben die Trauben 75 Oechsle. 80 Oechsle wollen wir noch bekommen“, ist Relfs überzeugt, dass auch der Grauburgunder-Jahrgang 2019 ein wohlschmeckendes Tröpfchen wird. Zu kaufen ist der Kesselstädter Grauburgunder indes nicht – das ist nicht erlaubt und würde gegen die Lizenz verstoßen.

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