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Seenotretter diskutieren in Hanau die Situation im Mittelmeer

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Im Congress-Park Hanau kamen am Wochenende zahlreiche Engagierte unterschiedlichster Vereine und Institutionen zu einem Info- und Austauschtreffen zusammen.
Im Congress-Park Hanau kamen am Wochenende zahlreiche Engagierte unterschiedlichster Vereine und Institutionen zu einem Info- und Austauschtreffen zusammen. © Andrea Euler

Das Sea-Eye-Info- und Crewtreffen im Congress-Park Hanau sorgte für ein Zusammentreffen einer Vielzahl an engagierten Menschen unterschiedlichster Vereine und Institutionen, aber auch interessierter Privatpersonen. Wie Chris Orlamünder, Moderator und ehemaliger Sea-Eye-Kapitän, in seiner Begrüßung zusammenfasst, geht es bei dem Treffen „um Ungerechtigkeit in dieser Welt und im Mittelmeer – aber nicht nur dort.“

Hanau - Ein ganztägiges Programm mit Podiumsdiskussion, Info-Ständen zu verschiedenen Teilaspekten der Seenotrettung und Fachvorträgen beschäftigt die knapp 80 Besucherinnen und Besucher, die – aus der ganzen Republik kommend – der Einladung des erst 2015 gegründeten Vereins gefolgt sind. Darunter auch viele junge Menschen, die mit engagierten Redebeiträgen immer wieder den Stellenwert jedes einzelnen Menschenlebens in den Vordergrund rücken.

Erst wenige Stunden vor dem Treffen hat die Besatzung der Sea-Eye 4, ein Offshore-Versorgungsschiff, das vom Verein Sea-Eye als Seenotrettungsschiff eingesetzt wird, 24 Menschen im Mittelmeer nach mehreren Tagen in Seenot gerettet. „Was wir hier erleben, ist blanker staatlicher, struktureller Rassismus“, wie Gordon Isler, einer der beiden Vereinsvorsitzenden, betont. „Das hat mit der Hautfarbe, der Herkunft und sicher auch der wirtschaftlichen Situation zu tun. So lange das so ist, müssen wir dagegen ankämpfen.“ Bestärkt wird er in dieser Ansicht unter anderem von der grünen Hanauer Stadträtin Karin Dhonau und von Marion Bayer von „Watch the med – Alarm Phone“, dem Träger des Menschenrechtspreises der Stiftung Pro Asyl 2020/21.

Während Dhonau den Seenotrettern attestiert: „Unrecht zu mildern, sich humanitär verpflichtet zu fühlen, gehört zu den Errungenschaften unserer Demokratie (…) Behalten Sie Ihre Widerständigkeit“ und mit einer Schweigeminute aller auf der Flucht Getöteten, der neun Opfer des rassistischen Anschlags von Hanau und der zwei jüngst getöteten Kinder gedenkt, lobt Bayer die „mutigen Entscheidungen“ der Vereinsmitglieder, von denen sie für die Zukunft noch viele weitere erhofft.

Orlamünder sieht den Verein in der Pflicht: „Wir stellen uns der Aufgabe, aus Seenot zu retten; aber auch die Welt zu informieren. Wir müssen Öffentlichkeit schaffen.“ Etwa mit einer intensiven Vernetzung, die sich auch an den Diskutanten auf dem Podium ablesen lässt. Stefan Schmidt sitzt dort oben, deutscher Kapitän, Flüchtlingsbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein und bekannt geworden, als er 37 Personen aus Seenot rettete. Mit der Cap Anamur, 2004. Er unterstützt das Engagement der Seenotretter und betont: „Impulse sind immer von unten gekommen, und die Politik hat reagiert.“

Auch Peter Ruhenstroth-Bauer, Geschäftsführer der Uno-Flüchtlingshilfe in Bonn, ist der Meinung: „An erster Stelle müssen nicht die Retter in die Pflicht genommen werden, sondern die Politik. Europa hat die tödlichste Außengrenze der Welt.“ Die in der Genfer Flüchtlingskonvention definierten Fluchtgründe spiegelten „nicht das Hier und Jetzt wider.“

Autor Gerald Knaus stellt fest, dass „die Flüchtlingskonvention nicht mehr angewandt wird.“ Im Koalitionsvertrag der „Ampel“ in Deutschland stehe ein klares Bekenntnis zur staatlichen Seenotrettung, es sei in dem halben Jahr, in dem die Regierung am Ruder sei, jedoch nicht viel passiert. Ein Diskussionsansatz sei, eine intensivere Kooperation mit Tunesien einzugehen, um so zu verhindern, dass Menschen in die Vergewaltigungs- und Folterlager in Libyen zurückgebracht werden. Der Migrationsforscher, der maßgeblich an dem Flüchtlingsabkommen zwischen EU und Türkei mitgewirkt hat, fordert zudem eine Ausweitung des sogenannten „Resettlements“, bei dem mehr schutzbedürftige Flüchtlinge direkt aus den Krisenregionen aufgenommen werden. „Wir wollen, dass das Sterben aufhört. Und dafür sorgen, dass sich niemand mehr freiwillig in diese Plastikboote setzt.“

Letzterem stimmt auch Annika Fischer-Uebler, Vorständin von Sea-Eye und Juristin, zu. Für sie ist der Aspekt von besonderer Bedeutung: „Wie schaffen wir es, davon wegzukommen, dass der Diskurs vom Gedanken bestimmt wird, es sei schlecht, wenn Menschen zu uns kommen.“

Über zahlreiche Teilaspekte wird den gesamten Tag diskutiert: Vom Thema Rassismus bis zum Dublin-Verteilschlüssel reichen die Aspekte, die schon am Vormittag angesprochen werden, bevor am Nachmittag in kleineren Gruppen Fachreferate gehalten und Aspekte wie die rechtliche Position der Seenotretter, die Kommunikation mit den Politikern, die Arbeit in Werft und auf See besprochen werden.

Von Andrea Euler

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