Gut gelaunt trotz komplizierter Bedingungen: Elias Asfaw lässt sich so schnell nicht unterkriegen. â€… Foto: Per Bergmann

Hanau

Schwieriges Geschäft: Elias Asfaw verkauft Hanfprodukte

Steinheim. Es gehört Mut dazu, ein Geschäft zu eröffnen – Ehrgeiz, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Insbesondere dann, wenn man ein ungewöhnliches Produkt verkauft. Elias Asfaw hat diesen Mut bewiesen. An der Ludwigstraße betreibt er seit einiger Zeit einen Laden, in dem nichtberauschende Hanfprodukte angeboten werden.

Von Per BergmannHanf und Cannabis sind zwei Bezeichnungen für eine der ältesten Nutzpflanzen der Erde. Seine berauschende Variante, besser bekannt als Marihuana, wirkt ähnlich wie Alkohol und ist in Deutschland nach wie vor verboten beziehungsweise wird sie nur von Apotheken an wenige Cannabispatienten legal verkauft.

Rechtslage ist unübersichtlich

In den vergangenen Jahren machte eine EU-Verordnung den Verkauf zahlreicher nicht psychoaktiver Cannabis-Produkte möglich. Sie sollen eine beruhigende Wirkung auf den Körper haben. Die Käufer brauchen kein Rezept vom Arzt. Doch die rechtliche Lage bleibt unübersichtlich – für Verkäufer, Kunden und selbst für die Polizei. Das bekam auch Ladenbesitzer Asfaw vor einiger Zeit zu spüren, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet.

Der junge Mannheimer, der jeden Morgen mit dem Zug nach Steinheim fährt, um seinen Laden zu öffnen, hatte im Oktober des vergangenen Jahres mit Lieferengpässen zu kämpfen. Der Paketdienst UPS „hat mehrere Pakete von uns geöffnet und sie der Polizei übergeben“, berichtet der 24-Jährige: „1,5 Kilogramm CBD-Blüten, mehrere Dutzend Öle und CBD Pollinat“. Warenwert: „mehr als 5000 Euro“.

Ware wurde beschlagnahmt

Die Folge für ihn und weitere Läden in Offenbach und Mainz, mit denen er kooperiert, sei ein „Geschäftsausfall von eineinhalb Wochen“ gewesen.

„Die Polizei war eigentlich ziemlich höflich und verständnisvoll. Die Beamten sagten, wir würden unsere Ware zurückbekommen“, zeigt Asfaw Verständnis. Vielmehr ärgere ihn die „rechtlich unnötig komplizierte Lage, die unsere Existenz als junge, motivierte Unternehmer gefährdet“. Rund vier Monate sei die Beschlagnahmung her, bis heute warte er vergeblich auf die Rückgabe seiner Ware.

Hessen gilt als tolerantes Bundesland

Der Baden-Württemberger wählte Steinheim als Standort für sein Geschäft, weil Hessen als Bundesland gilt, das die wohlgemerkt legalen Produkte weniger restriktiv behandelt. Seit Juli 2019 verkauft er an der Ludwigstraße30 bis 40 unterschiedliche Hanfprodukte wie beispielsweise Tee, Honig, Blüten, Badesalz, Massageöle, Bodylotion, Lippenbalsam, Cremes und weitere Kosmetika. „Alles bio“, geliefert von Großhändlern aus Deutschland und dem europäischen Ausland.

Rund 30 bis 40 Produkte mit sogenanntem CBD gibt es im Ladengeschäft an der Steinheimer Ludwigstraße. Foto: Holger Hackendahl

Proaktiv hatte er sich vor der Eröffnung seines Ladens an die Hanauer Behörden gewandt. Neben dem notwendigen Gang zum Gewerbeamt, kontaktierte er von sich aus das Rauschgiftdezernat der Hanauer Polizei. „Von dort bekam ich grünes Licht.“

Tatsächliche Wirkung nur schwer nachzuweisen

Seine Waren beziehe er ausschließlich von zertifizierten Großhändlern, verkauft werden sie an Kunden ab 18 Jahren, die „maximal zehn Gramm pro Tag“ erhalten – ausdrücklich „ohne jegliche Heilversprechen“. Überhaupt sei die Wirkung der CBD-Produkte nur schwer nachzuweisen, gibt er zu, doch seine Kunden schwören darauf.

Eine Stammkundin des „Green House“ in Steinheim, die durchaus auch Erfahrung mit THC-haltigem Cannabis – der berauschenden, illegalen Variante – habe, „wollte es zunächst als Alternative testen“. CBD-Produkte würden bei ihr zu einer „Muskelentspannung“ führen. „Ich werde dadurch müde und kann schneller einschlafen“, erklärt die 21-Jährige, die unerkannt bleiben möchte, weil sie eine „Stigmatisierung“ befürchtet. Dabei sind CBD-Produkte für sie „wie alkoholfreies Bier“.

Polizei beschlagnahmt auch nichtberauschende Produkte

Während immer mehr Staaten selbst die THC-haltige, berauschende Variante von Cannabis legalisieren, bleibt Deutschland bei seinem restriktiven Umgang mit der Pflanze, der vor rund 80 Jahren seinen Anfang nahm.

In einem Land, in dem das Feierabendbier selbstverständlich erscheint und das Glas Rotwein am Abend sinnbildlich für einen gepflegten Lebensstil steht, werden selbst nicht berauschende CBD-Produkte von der Polizei beschlagnahmt. Wer mit ihrem Verkauf seinen Lebensunterhalt verdienen möchte, braucht deshalb neben Geschäftssinn auch eine Menge Mut. Elias Asfaw hofft, dass sein Mut irgendwann belohnt wird.

Aus CBD wird beispielsweise Öl hergestellt. Es soll beruhigend wirken. Foto: Julia Teichmann/Pixabay

So ist die rechtliche Lage in Sachen CBDRechtsanwalt Kai-Friedrich Niermann, der auf seinem Blog über die rechtlichen Aspekte rund um das Thema Cannabis informiert, fasste die Entwicklung im Jahr 2019 kürzlich in einer Kolumne zusammen.Der Abschnitt über CBD-Produkte verdeutlicht die rechtlich komplizierte Lage und ihre Dynamik: Das Jahr habe mit einer Änderung des sogenannten Novel-Food-Kataloges der Europäischen Kommission begonnen, der bislang nicht verbreitete Lebensmittel, beispielsweise exotische Früchte behandelt. „Ab sofort sollten sämtliche Extrakte aus der Hanfpflanze als Novel food gelten, die Cannabinoide enthalten“, schreibt Niermann.Drogeriediscounter wie DM und Rossmann nahmen ihre zuvor angebotenen CBD-Produkte mit Verweis auf die Änderung im Juni aus ihrem Sortiment. Aber „auch kleine und innovative Hanfläden“ waren betroffen, deren CBD-Produkte im Rahmen von Polizeiaktionen beschlag-nahmt wurden. Ende September hätten zwei Verwaltungsgerichte die Einordnung entsprechender Produkte als „neuartige Lebensmittel“ bestätigt, berichtetNiermann.„Eine Lösung über die Rechtsprechung“ sei demnach derzeit nicht zu erwarten. Das behördliche Handeln sei in seiner Gesamtheit für den Verbraucher nur schwer verständlich. Es sei „nur schwer vermittelbar, warum in manchen Städten hart, in manchen ein bisschen, in vielen Regionen gar nicht und im Internet überhaupt nicht durchgegriffen“ werde, so der Anwalt. „Die Etablierung von Qualitätsstandards durch Industrie und Handel, die vor allem die großen Handelsketten hätten gewährleisten können, ist 2019 jedenfalls ausgeblieben.“Quelle:

https://www.leafly.de/cbd-medizinisches-cannabis-jahresrueckblick/

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