Ihr Fleiß hat sich ausgezahlt: Amira Alhamad hält ihr Abschlusszeugnis in den Händen - mit einem Durchschnitt von 2,1 ist sie die beste Absolventin des Hauptschulzweigs der Hessen-Homburg-Schule. Foto: Jasmin Jakob

Hanau

Schwester des ersten "Flüchtlingsbabys" ist Jahrgangsbeste

Hanau. Viele Leser erinnern sich noch gut an die Geschichte von Zoubeida Alsahou und ihrem Mann Yasser Alhamad, die mit ihren Kindern aus Syrien geflohen waren. Die älteste Tochter der Familie, Amira, ist jetzt Jahrgangsbeste an der Hessen-Homburg-Schule geworden.

Von Jasmin Jakob

Ihre Mutter, Zoubeida, hatte in Hanau das erste Flüchtlingsbaby zur Welt gebracht und war bei der Entbindung gestorben.

Sie hatte den kleinen Jungen, der den Namen Hamza bekommen sollte, fast 4000 Kilometer unter dem Herzen von Syrien durch die Türkei, über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn und Österreich getragen, bis sie schließlich im Oktober 2015 in Hanau ankamen. Zoubeida starb im Alter von 35 Jahren an einer Fruchtwasserembolie und hinterließ ihrem Mann die fünf gemeinsamen Kinder, Amira, Roj, Ammar, Jamm und Hamza.

Vor zwei Jahren hatten wir darüber berichtet, wie es der Familie nach dem schweren Schicksalsschlag erging. Wie sie sich in ihrer neuen Wohnung in der Hanauer Innenstadt eingerichtet hatten und langsam wieder so etwas wie Normalität einkehren konnte. Nach ihrer Ankunft in der August-Schärttner-Halle, die sie sich mit 1000 Fremden aus verschiedenen Ländern teilen mussten, zogen sie in eine Wohnung der Erstaufnahmeeinrichtung auf dem Gelände von Sportsfield Housing. Dort teilten sie sich zu zwölft mit der Familie von Yassers Bruder eine Vierzimmerwohnung.

2016 konnten sie dann endlich in eine eigene Wohnung in der Stadtmitte ziehen. Yasser war damals rund um die Uhr damit beschäftigt, sich um seine fünf Kinder zu kümmern, die in der Schule Fuß fassen mussten. Sie alle sprachen bei ihrer Ankunft noch kein Deutsch und waren auf Übersetzer angewiesen.

Mittlerweile 17 Jahre alt

Hamza ist heute dreieinhalb Jahre alt und geht in eine Kindertagesstätte, sodass Yasser seit einem halben Jahr einen Deutschkurs besuchen kann. Vor ein paar Tagen schrieb er uns eine E-Mail, in der er stolz davon berichtete, dass seine älteste Tochter Amira als Jahrgangsbeste ihren Hauptschulabschluss in der Hessen-Homburg-Schule bekommen hat. Das wollten wir genauer wissen und fragten nach, wie es der Familie heute geht. Daher haben wir uns mit Amira auf einen Kaffee getroffen.

Sie ist mittlerweile 17 Jahre alt und eine starke junge Frau geworden. Durch den Tod ihrer Mutter musste sie schon sehr früh Verantwortung übernehmen, half beim Saubermachen und kümmerte sich mit ihrem Vater um den kleinen Bruder. „Als Baby war Hamza fast die ganze Zeit bei mir. Ich hab' ihn sogar gebadet, mein Vater war immer dabei und hat mir viel zugetraut. Und nachts hat mein Bruder immer bei mir geschlafen.“ Morgens ging sie dann in die Schule, wo sie teilweise von ihren Mitschülern gehänselt wurde und erstmal neue Freunde finden musste. „Das war nicht einfach. Die Lehrer haben mich aber immer sehr unterstützt“, sagt sie.

Von Realschule versetzt

Bevor sie eine reguläre Klasse besuchen konnte, musste sie allerdings einen Sprachkurs absolvieren. „Das war so frustrierend, weil ich gesehen habe, dass da manche Schüler zwei bis drei Jahre nur im Deutschkurs waren. Ich war da nur ein halbes Jahr, weil ich meine Lehrerin immer gefragt habe, ob ich nicht in eine normale Klasse gehen kann.“ Sie hat aus dieser Motivation heraus sehr schnell Deutsch gelernt. Auch in Syrien war sie so ehrgeizig in der Schule: „Meine Mutter hat mich immer ermutigt und gelobt. Ich sollte Medizin studieren und wir wollten gemeinsam im Krankenhaus arbeiten. Ich als Ärztin, sie als Krankenschwester“, erinnert sich Amira.

Als sie dann von der Realschule in den Hauptschulzweig versetzt wurde, war sie enttäuscht: „Ich war überzeugt, dass ich mehr kann.“ Aber angesichts dessen, dass sie sich neben der Schule so viel um die Geschwister gekümmert hat und auch während der Schulzeit oft ihren Vater zu Behördengängen und Arztterminen des kleinen Bruders begleitet hat, um für ihn zu übersetzen, „war es dann schon ganz gut, dass ich im Hauptschulzweig war“, sagt die Schülerin.

Krieg langsam verdrängt

Stolz zeigt sie ihre Zeugnisse, die von Jahr zu Jahr besser geworden sind. Im nächsten Jahr will sie ihren Realschulabschluss machen, um einen Ausbildungsplatz als Zahntechnikerin zu ergattern. Sie will erst mal Geld verdienen, um sich dann ein Studium der Zahnmedizin leisten zu können. „Ich habe viele Ziele“, sagt sie.

An den Krieg in ihrer Heimat und die Flucht denkt sie mittlerweile nicht mehr jeden Tag. „Manchmal erinnere ich mich daran, damit ich weiß, wie gut ich in Deutschland jetzt lebe, was ich durchgestanden und erreicht habe“. Aber sie hat auch sehr starke Sehnsucht nach ihrem Heimatland Syrien, in das sie gerne zurückkehren möchte, wenn der Krieg dort vorbei ist.

Rolle der Mutter eingenommen

„Es war eine schwere Zeit, die durch meinen Bruder aber irgendwie schnell vergangen ist. Ich kann manchmal gar nicht glauben, wie groß er schon geworden ist. Er spricht mittlerweile Deutsch, Englisch und Arabisch gemischt, und seine ersten Schritte waren ein unfassbar toller Moment“, erzählt sie.

Dass Amira bei ihm die Rolle der Mutter eingenommen hat, zeigt sich auch dann, wenn sie ihn von der Kita abholt. „Er nennt mich dann extra Mama, weil er das von den anderen Kindern mitbekommt, denen er zeigen möchte, dass er auch eine Mutter hat. Das tut mir sehr weh, uns beiden fehlt die Mutter, aber ich bin auch froh, dass es für ihn dadurch nicht so schlimm ist.“ Ihre anderen Geschwister gehen wie sie zur Schule, wissen aber noch nicht, was sie mal werden wollen.

Zielstrebige junge Frau

Es war vor allem Zoubeida, die damals nach Deutschland wollte, damit ihre Kinder eine Perspektive haben, erzählt Amira. „Mein Bruder war damals zwölf, wahrscheinlich wäre er auch ein Kindersoldat geworden. Meine Cousine hat mir erzählt, was die IS-Kämpfer gemacht haben, als wir schon weg waren – wir haben schon alles ausgehalten, aber das kann man nicht ertragen. In Syrien wäre ich dann vielleicht auch gezwungen worden, für den IS zu kämpfen.“

Ihr Vater wollte dort eigentlich weiter Rettungskräfte ausbilden und im Kriegsgebiet helfen, aber er hatte zu große Angst, nicht mehr für seine Familie sorgen zu können. Die ist auch heute noch für ihn das Wichtigste. Als Amira nochmal die Geschichte ihrer Flucht erzählt, wird deutlich, was diese junge Frau schon alles miterleben musste. Umso beeindruckender ist es, wie stark und zielstrebig Amira ist. Sie wird ihren Weg finden und ihre Geschichte bestimmt weitererzählt.

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