OB Claus Kaminsky bei der Pressekonferenz am Donnerstag. Foto: Dauber

Hanau

Schwere Tage für Oberbürgermeister Claus Kaminsky

Hanau. Claus Kaminsky ist ein Mann, der selten um Worte ringt. In den vergangenen 48 Stunden die richtigen zu finden, überhaupt Worte zu finden, war für den Hanauer, der seit mehr als einem Jahrzehnt Oberbürgermeister seiner Heimatstadt ist, schwer. Sehr schwer.

Von Yvonne Backhaus-Arnold

Wir erreichen Kaminsky auf dem Weg zum Kreistag. Gemeinsam mit Landrat Thorsten Stolz will er an jenem Freitagmorgen appellieren an Menschlichkeit. Und er will der Opfer gedenken. „Ich rufe zurück“, sagt er. Um kurz vor 10 Uhr klingelt das Telefon.

„Wie eine Maschine“, beschreibt er seine Gefühle. Abarbeiten. Funktionieren. Haltung zeigen. Ruhe bewahren. Im Menschen Claus Kaminsky sieht es anders aus, da tobt es seit Mittwochabend. Um 23 Uhr erreicht ihn die erste Information. Schüsse am Heumarkt. Die Lage völlig unklar. Auch einen Täter gibt es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, so der OB. Keine Minute habe er in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag geschlafen. „Das war Adrenalin bis zum Anschlag und der Versuch, das Unfassbare fassbar zu machen“, so Kaminsky.

Er funktioniert "wie eine Maschine"

Kurz vor 2 Uhr gibt er der „Bild“-Zeitung ein Live-Interview. Schon da weiß er, dass am Donnerstag die Welt auf Hanau schauen wird. Um 7.30 Uhr am Donnerstag gibt es eine „kleine Lagebesprechung“ im Rathaus, um den Tag zu managen, Organisationsaufgaben zu verteilen. Fünf Minuten später steht fest, dass der Faschingsumzug in Hanau abgesagt, ein Kondolenzbuch ausgelegt wird. Und es ist schnell klar, dass die Stadt und ihre Bürger einen Raum brauchen, um ihre Trauer zu zeigen. Und so wird für 18 Uhr eine Mahnwache auf dem Marktplatz terminiert.

Um dem Medienauflauf Herr zu werden, soll der erste Pressetermin nach dem Amok‧lauf im Congress Park am Schlossplatz stattfinden. Wer wann kommen würde? Bouffier? Seehofer? Steinmeier? „Das war völlig unsicher“, erzählt Kaminsky. Wenig später ist Bundeskanzlerin Angela Merkel am Telefon. „Es war ein kurzes Gespräch, aber sehr Kraft spendend und voller Anteilnahme.“

Die Kraft braucht er. Am Donnerstag reiht sich Termin an Termin. Pressekonferenz. Kranzniederlegung. Und um 18 Uhr die Mahnwache. Zuvor treffen sie sich im ‧Rathaus, der OB, Bundesprä‧sident Frank-Walter Steinmeier, Ministerpräsident Volker Bouffier und 20 Angehörige der erschossenen Opfer. „Ich kann mich an keinen bittereren Moment meines Berufslebens erinnern“, sagt Kaminsky im Gespräch mit unserer Zeitung. „Diese Zusammenkunft werde ich mein Lebtag nicht vergessen.“

Auch nur ein Mensch

Die Maschine Kaminsky läuft weiter. Die Ansprache vor mehr als 5000 Menschen auf dem Marktplatz ist klar und deutlich. Wir stehen zusammen. In Hanau ist kein Platz für Rassismus. Kein Platz für Hetze. Als die Menschen gehen, spricht der OB noch einmal in Ruhe mit Volker Bouffier.

Um 23.30 Uhr macht auch Kaminsky sich auf den Weg nach Hause. ARD. ZDF. Im Fernsehen sieht er die Bilder seiner Heimatstadt. Auch in dieser Nacht kann er kaum schlafen, steht kurz nach 5 Uhr auf, prüft die Nachrichtenlage. Er weiß, dass auch der Freitag wieder ein Tag im Ausnahmezustand werden wird – mit Presseanfragen aus der ganzen Welt, mit wichtigen Entscheidungen, die getroffen werden müssen.

Wenn es kurz still ist, wenn er „aus dieser geschäftsmäßigen Situation heraustritt“, dann „schüttelt“ es ihn, weil er eben keine Maschine, sondern auch nur ein Mensch ist.

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