Auf unterschiedlichen Plakaten versuchten die Kinder die Eindrücke zu verarbeiten. Foto: Jasmin Jakob

Hanau

Schulen reagieren auf große Betroffenheit der Kinder

Hanau. Einige Kinder haben Schüsse gehört oder den Hubschrauber über die Stadt kreisen sehen. Am nächsten Morgen zum Schulbeginn hatte dann die breite Öffentlichkeit die traurige Gewissheit, dass am 19. Februar neun Menschen aus rassistischen Gründen getötet wurden.

Von Jasmin Jakob

Ihre Sorgen, Bedenken und ihre Trauer nahmen die Kinder und Jugendlichen mit in die Schule und auch die Schüler aus dem Hanauer Umland wurden dort mit den Ereignissen direkt konfrontiert: Einige Kinder kannten die Opfer, hatten Freunde oder Familienangehörige verloren. „Vor allem die Kleinen hatten Angst, haben geweint und sich gefragt: Kann mir das jetzt draußen auf der Straße auch passieren?“, sagt Carolin Brill, die pädagogische Leiterin der Otto-Hahn-Schule in Kesselstadt, die nur einen Kilometer vom Kurt-Schumacher-Platz, einem der drei Tatorte, entfernt liegt.

An den Tagen direkt nach dem Terrorakt war die Lehrerin eine der vier direkten Ansprechpartner, die in der sogenannten „Ansprechbar“ ein offenes Ohr für die Schüler hatten. Bei der „Ansprechbar“ handelt es sich um eine täglich geöffnete Anlaufstelle zum vertrauensvollen Gespräch mit Lehrern, die seit Jahren an der Schule etabliert ist. „Gerade bei Krisensituationen zeigt sich, wie wertvoll dieses Angebot ist und dass die Kinder es auch wirklich in Anspruch nehmen“, so Brill.

Jüngere wollten Erklärungen von den Lehrern

Der Fachunterricht wurde wegen des hohen Gesprächsbedarfs und der großen Betroffenheit der Schüler zunächst ausgesetzt, um den Kindern und Jugendlichen Raum zum Austausch zu geben. „In manchen Klassen war kaum etwas zu spüren, weil da niemand direkt betroffen war und in anderen hat man sofort gemerkt, dass hier das Thema einfach da ist“, sagt Brill. „Unter den Opfern sind zwei ehemalige Schüler von uns, einer der Toten hat einen Bruder, der bei uns zur Schule geht“, sagt Angela Kirchhoff, die stellvertretende Schulleiterin.

Namen und Bilder der zehn getöteten Menschen waren häufig auf den Plakaten zu sehen. Foto: Jasmin Jakob

Die ganz unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder zu erspüren und darauf einzugehen sei in dieser akuten Situation eine Herausforderung. „Die älteren wollten das erst mal unter sich ausmachen. Kleinere wollen eher eine Erklärung vom Lehrer, was da passiert ist“, sagt Brill. Vor allem zuhören, mal ein Taschentuch reichen, aber auch trösten sei die Aufgabe der Lehrer in den Einzelgesprächen, Raum geben, moderieren und einordnen in den großen Klassen.

„Wir wollen damit als Stadtteilschule unsere Anteilnahme ausdrücken.“

So hatte die gesamte Schule auf Anreiz der Lehrer und Schüler am Donnerstag eine Schweigeminute eingelegt sowie offen in den Klassenzimmern über die Ereignisse gesprochen. Auch am gestrigen Mittwoch war das Thema in den Klassenzimmern noch sehr präsent. In einer Doppelstunde bekamen alle Jahrgangsstufen die Gelegenheit, ihre Gedanken, Wünsche und Anteilnahme in einem kreativen Projekt auszudrücken. Auf freiwilliger Basis konnten sie in Begleitung ihrer Klassenlehrer Plakate gestalten, die nun im „Forum“ der Schule ausgestellt werden. „Uns war auch ganz wichtig, dass es hier an der Schule einen Ort zum Innehalten und Trauern gibt“, sagt Kirchhoff.

Um auch als Schule Haltung zu zeigen, hat die Schulleitung stellvertretend für die rund 2000 Schüler sowie das Lehrerkollegium für den heutigen Donnerstag gegen 8.30 Uhr einen Trauermarsch geplant. „Wir wollen damit als Stadtteilschule unsere Anteilnahme ausdrücken. Gerade im Haupt- und Realschulbereich wohnen viele unserer Schüler in diesem Stadtteil“, sagt Schulleiter Thomas Röder-Muhl. „Wir versuchen die Perspektive der Freunde und Angehörigen der Opfer einzunehmen und zeigen, dass wir als Schule an ihrer Seite stehen.“

„Jetzt müssen wir erst mal die aktuelle Situation bewältigen.“

Im Laufe der 2. Schulstunde wird eine Delegation der Schulgemeinde, bestehend aus Schulleitung, Schüler- und Elternvertretung sowie aller Klassensprecher zum Kurt-Schumacher-Platz laufen. Die etwa 100 Leute werden dort einen Kranz sowie eine Kerze von jeder Klasse niederlegen und eine Schweigeminute abhalten.

Die Hanauer Schulen stehen derzeit in einem engen Austausch mit dem Staatlichen Schulamt, das am heutigen Donnerstag in der Otto-Hahn-Schule einen Schulpsychologen zur Verfügung stellt. „Auch in den nächsten Wochen wird das Thema an der Schule präsent sein, wenn die Kinder mit ein bisschen Abstand bereit sind, sich zu öffnen“, sagt Kirchhoff. Dann wird auch das Thema Rassismus verstärkt im Unterricht aufgegriffen. Doch jetzt ist es dafür in Kesselstadt zu früh: „Jetzt müssen wir erst mal die aktuelle Situation bewältigen.“

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