Lauter kleine Künstler(innen): Die scheidende Leiterin der Gebeschusschule, Anne-Dorothea Stübing inmitten der Viertklässler, die nach einem Ausflug in Kreidetechnik tolle Bilder von der Ronneburg gemalt haben. Foto: Degen-Peters

Hanau

Schule ade: Anne-Dorothea Stübing verabschiedet sich

Hanau. Anne-Dorothea Stübing, 26 Jahre lang Leiterin der Gebeschusschule, verabschiedet sich am Mittwoch in den Ruhestand.

Von Jutta Degen-Peters

Was sie Lehrern und Schülern heute, am Tag der Verabschiedungsfeier mit auf den Weg gibt, hat sie selbst von Kindesbeinen an geprägt: Sport und Bewegung sind wichtig für einen beweglichen Geist. Einen Geist, der auch die eigene Verantwortung für die Gesellschaft sieht und danach lebt – das haben schon die Eltern, der Vater Jurist, die Mutter passionierte Sportlerin, ihr und ihren drei Geschwistern vermittelt.Als exzellente Hockeyspielerin war die gebürtige Braunschweigerin in jungen Jahren bald weltweit auch als Schiedsrichterin gefragt, wurde mit 23 Jahren Referentin beim Deutschen Sportbund. „Hockey war mein Leben damals“, schaut sie zurück. Dass sie schließlich doch in der Schule landete und nach vier Jahren Tümpelgartenschule die Leitung der Gebeschusschule übernahm, bezeichnet sie heute als „Unfall“ und lacht dabei herzhaft.

Keine Spur von LangeweileZwar hatte sie sich bewusst dafür entschieden, Sport und Biologie für das Lehramt zu studieren. Doch nach dem Examen sah sie ihre Zukunft eher an der Universität oder im Kultusministerium, wo sie über die Jahrzehnt0e immer wieder im Einsatz war und Schulpolitik machte.Die Umsetzung ihrer Pläne sorgten für einen etwas „unorthoxen“ aber um so spannenderen Lebenslauf: Bevor Stübing nach Hanau kam, sprach sie in Teheran zu Zeiten des Schahs auf einem Frauenkongress über vorschulische Gesundheitserziehung, arbeitete als Gastdozentin für Postgraduierte in Brasilien und an Universitäten in ganz Deutschland.

Die Botschaft, dass Kinder Geborgenheit, Gesundheit und Bildung brauchen, um genau das an andere weitergeben zu können, hat die 67-Jährige zu ihrem Lebensthema gemacht. Bewegung als Schlüssel zur Überwindung von Grenzen, im Kopf und auf dem Weg nach vorne – diese Idee hat sie stetig weiterentwickelt, in zahlreiche Konzepte gegossen, diese auch gegen Widerstände durchgeboxt und auf Tagungen in der ganzen Welt vorgestellt unter den Überschriften: „offene Bewegungserziehung“, „Spiel und Sport in der Eingangsstufe“ oder „Bewegung und Sprache“. „Bildungsplanung und -entwicklung waren immer schon mein Ding“, sagt die Pädagogin. Diesem Anliegen hat sie sich mit Haut und Haaren verschrieben. Dass sie keine eigene Familie gründen konnte, hat sie nie als Versäumnis oder Manko empfunden.

Wer die quirlige Schulleiterin mit dem sportlichen Kurzhaarschnitt im Alltag erlebt, merkt auf Anhieb, wie sehr ihr ihre Schüler am Herzen liegen. Ihre Schüler, das sind an der Gebeschusschule im Stadtteil Lamboy 272 Mädchen und Jungen zwischen sechs und elf Jahren. „Bei den Kleinen werden die Grundlagen dafür gelegt, ob sie später mit Selbstvertrauen durchs Leben gehen“, ist sie überzeugt.

Mit Respekt und HerzensgüteMit Herzenswärme Kinder mit ihren Stärken und Schwächen annehmen, sie fordern und gezielt fördern, waren das Rezept, mit denen die Wahl-Hanauerin an ihrer Schule schon 1991 für ein inklusives Unterrichtskonzept gesorgt hat, als das Thema Inklusion noch nicht spruchreif war: „Eigentlich sind wir die einzig echte Gesamtschule in Hanau“. Die Grundschule wird von Mädchen und Jungen aus 27 Nationen besucht, auch geistig und körperlich beeinträchtigte Kinder werden dort unterrichtet. „Das funktioniert, wenn sich die Kollegen darauf einlassen und wenn es ausreichend Ressourcen gibt“, so Stübing.Für Zweifler hat sie ausreichend Mut machende Beispiele parat: etwa den Schulbesten, der mit polnisch-italienischen Wurzeln vor zwei Jahren ohne ein Wort Deutsch an die Schule kam und heute alle überflügelt. Oder die junge Frau, die mit fünf Jahren als Kann-Kind an ihrer Schule aufgenommen wurde und heute als eine von dreien unter 1800 Bewerbern ein Stipendium an der renommierten Oxford-Universität erhielt.Bei Eltern hat Stübing den Ruf, offen und (manchmal brutal) direkt zu sein. „Klare Worte sind wichtig, damit Eltern begreifen“, weiß sie. Besonders heute in einer Zeit, da die Schere zwischen Überbehütung und Vernachlässigung weit auseinander klaffe. „Wir haben doch ein gemeinsames Interesse, und das sind die Kinder“.Wenn Stübing jetzt in den Ruhestand geht, wird sie keine Langeweile haben. Das Staatliche Schulamt wird auch künftig auf sie als Beraterin setzen, Fachtage wollen organisiert sein, Verpflichtungen im Ministerium warten ebenfalls. Freunden, Haus und Garten, für die sie viele Jahre lang zu wenig Zeit hatte, will sie sich mehr zuwenden. Auch die Bürger für Hanau (BfH), bei denen sie politisch aktiv ist, werden auf sie zählen.Einen Lehnstuhl als Abschiedsgeschenk muss Anne-Dorothea Stübing sicher nicht befürchten. Sie ist ohne Bewegung gar nicht vorstellbar und wird ihre Fußstapfen in der Stadt sicher weiter setzen.

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