Wolken über der Elisabeth-Schmitz-Schule: Die Schule in Hanau-Wolfgang ist eine der größten Förderschulen Hessens mit lernschwachen Schülern von sechs bis 16 Jahren und einer Abteilung für 54 Körperbehinderte. Eltern und Schüler befürchten jetzt Personalkürzungen. Foto: Reinhard Paul

Hanau

Schmitz-Schule: Eltern befürchten Streichung von Lehrerstellen

Hanau. Für den zwölfjährigen Merlin und viele weitere Kinder ist die Elisabeth-Schmitz-Schule ein Segen. Hier werden 130 Mädchen und Jungen mit Förderschwerpunkt Lernen und 52 Kinder mit Körperbehinderung unterrichtet,

Von Jutta Degen-Peters

Hier wird den Beeinträchtigungen der Schüler besonders Rechnung getragen: Die Klassen sind klein, die Zahl der Lehrer und Unterstützungskräfte groß. Jetzt fürchten Eltern und Schüler der teils mehrfach gehandicapten Kinder eine Verschlechterung: Die Klassen sollen vergrößert, die Lehrerstunden im nächsten Schuljahr verringert werden.

Beeinträchtigte Schüler brauchen besondere Aufmerksamkeit

Erfahren haben die Eltern diese Hiobsbotschaft wenige Wochen vor den Sommerferien bei einer Elternbeiratssitzung vom 27. Mai. Die Eltern, die sich an unsere Zeitung gewandt haben, befürchten nach der Präsentation der Zahlen, dass die Größe der Klassen von acht auf 16 heraufgesetzt werden soll. In den Klassen aber werden unter anderem geistig und körperlich beeinträchtigte Schüler gemeinsam unterrichtet. Mehrfach gehandicapte Kinder wie ein Mädchen, das nur mit den Augen kommunizieren kann, brauchen aber vielmehr Unterstützung als andere in ihrer Klasse.

Offenbar besteht das Problem darin, dass die Elisabeth-Schmitz-Schule in die Kategorie Förderschule fällt. Und Schülern mit dem Förderschwerpunkt Lernen steht nur ein Drittel dessen an pädagogischem Personal zu, was Schüler mit dem Förderschwerpunkt körperlicher und motorischer Entwicklung brauchen. Die 52 Kinder mit körperlich-motorischen Behinderungen sind allerdings „nur“ in einer Abteilung der Schule zusammengefasst.

54 Lehrkäfte im Einsatz

Nach Aussage von Schulleiter Gerd Lux wird die Elisabeth-Schmitz-Schule von Schülern der ersten bis zwölften Klasse besucht. Die Kinder kommen aus der ganzen Region. 26 Lehrer unterrichten an der Schule selbst, 28 weitere sind nach Aussage von Lux im Beratungs- und Förderzentrum der Schule im Einsatz. Sie beraten Schüler und Eltern und begleiten inklusive Schüler an Allgemeinbildende Schulen, wo diese ihren Hauptschulabschluss machen können. Als Unterstützung der zum Teil mehrfach beeinträchtigten Mädchen und Jungen sind darüber hinaus FSJ'ler, Physiotherapeuten und Erzieher im Einsatz.

„Das Besondere an der Elisabeth-Schmitz-Schule ist, dass hier in Zusammenarbeit mit anderen Regelschulen (etwa der Hessen-Homburg, Anm. d. Red.) Schulabschüsse gemacht werden können“, sagt Silke Adam. Die Mutter des 14-jährigen Luis, ebenfalls Elisabeth-Schmitz-Schüler, ist beunruhigt über die Pläne des Staatlichen Schulamtes. Sohn Luis sammelt als stellvertretender Schulsprecher Unterschriften gegen eine Verschlechterung der Personalausstattung. In der Klasse ihres Sohnes würden zwölf Kinder unterrichtet, sagt Adam, drei davon mit Teilhabe-Assistenten. Die Mutter findet es ein Unding, die Klassengröße auf 16 Kinder heraufzusetzen. Körperbehinderte bräuchten mehr Zeit und Hilfe. Und wenn der Lärmpegel durch mehr Kinder steige, sinke die Aufmerksamkeit der Kinder. Außerdem benötigten diejenigen Schüler, die mit Rollator und Elektro-Rollstuhl unterwegs sind, mehr Platz.

Elternabend soll Klarheit schaffen

Die Leiterin des Staatlichen Schulamtes, Susanne Meißner, versucht zu beschwichtigen. Am Mittwoch kommender Woche würden die Eltern in einem Elternabend „über die Verordnungsgrundlage informiert“, heißt das mit ihren Worten und „Der Status quo kann so nicht bleiben“. Denn die Elisabeth-Schmitz-Schule sei keine kmE-Schule (Schule mit dem Schwerpunkt körperlicher und motorischer Entwicklung).

Doch die Aufregung unter den Eltern und die Dynamik, die das Thema entwickelt hat, führt möglicherweise bei der Schulbehörde zu einem Umdenken. Ob es bei den Zahlen bleibe, die auf der Elternbeiratssitzung genannt wurden, bleibe abzuwarten, so Meißner weiter. „Wir müssen gucken, ob und wie sich das abmildern lässt“, kündigt sie an. Von Kürzungen könne keine Rede sein. In der Vergangenheit sei vielmehr die Verordnungs-Grundlage falsch ausgelegt worden.

OB Kaminsky sichert Unterstützung zu

Diese Darstellung bringt Oberbürgermeister Claus Kaminsky auf die Palme. Er betont in einem Schreiben an die Schulamtsleiterin die Bedeutung der Schule für die Region und macht seinem Ärger über angekündigte Beschneidungen Luft. „Es ist nicht hinnehmbar, dass ein körperbehindertes Kind, das zusätzlich noch eine Lernbehinderung hat, aus Kostengründen weniger Förderung erhält“, bittet der OB die Schulamtsleiterin, für die Rechte körperbehinderter Kindern einzutreten.

„Einen derartigen sozial- und bildungspolitischen Rückschritt würden wir von hier nicht unkommentiert hinnehmen“, kündigt der Stadtchef an. Es könne nicht sein, dass hier mit bürokratisch-technischer Finesse versucht werde, Ressourcenprobleme beim Thema Inklusion zu lösen, erklärte Kaminsky gestern gegenüber unserer Zeitung. Solange Inklusion in den Schulen noch nicht über ausreichende finanzielle und personelle Mittel verfüge, müssten Kinder mit mehrfachen Beeinträchtigungen die bestmögliche Förderung erhalten. Die Elisabeth-Schmitz-Schule sei mit ihrem Konzept ein Segen für diese Kinder.

Politik fordert Aufklärung über Rechtslage

Das sieht auch Stefan Müller so, dessen Sohn Merlin seit drei Jahren auf die Schule geht. Merlin ist schwer hörgeschädigt, leidet an Diabetes und kann sich schlecht konzentrieren. „Unserem Sohn macht die Schule Spaß, er fühlt sich hier wohl“, freut sich Müller und betont: „Die Schüler haben ein Anrecht auf eine anständige Beschulung". Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Christoph Degen, hat angekündigt, in einer parlamentarischen Anfrage Aufklärung über die Rechtsgrundlage der angekündigten Entscheidung zu fordern. „Das Problem betrifft auch die Bergwinkel-Schule in Schlüchtern“, so Degen.

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