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Für die offiziellen Fotos und Plakate hat sich Dieter Gring vor einigen Wochen in den Rattenfänger von Hameln verwandelt. Nach der Absage der Brüder-Grimm-Festspiele wird er dieses Jahr nicht in der Rolle zu sehen sein.

Abschied vom Rattenfänger

Schauspieler Dieter Gring trauert abgesagter Festspiel-Saison nach, hat aber Hoffnung

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Dieter Gring ist die Enttäuschung immer noch anzuhören. Er hatte sich gefreut auf die Festspiele, die neuen Kollegen, die Zeit in Hanau. Doch dann die Absage.

Vor einer Woche hatten Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky und Intendant Frank-Lorenz Engel bekannt gegeben, dass die Brüder-Grimm-Festspiele wegen des Coronavirus in diesem Jahr ausfallen müssen. Wie den Verantwortlichen blutet auch den Schauspielern das Herz. „Ich hatte damit gerechnet“, räumt Gring im Telefongespräch ein, „aber ich hatte irgendwie immer noch gehofft, dass es nicht passiert.“ 

Schock für den Schauspieler

Als die Schauspieler per E-Mail aus dem Festspielbüro über die Absage informiert wurden, „war ich erstmal geschockt“, so der Frankfurter. Und mehr noch: „Ich muss gestehen: Mir hat es den Boden unter den Füßen weggerissen.“ Dieter Gring, der viele Jahre als Schauspieler, Regisseur und Intendant für die Festspiele gearbeitet hat, hätte diese Saison gleich in drei verschiedenen Stücken auf der Bühne gestanden: als Rattenfänger von Hameln im gleichnamigen Werk, als Gerichtsdiener „Licht“ in Kleists' „Der zerbrochene Krug“ und als Hölderlin. 

Das Ein-Personen-Stück „Ich, Hölderlin“ – eine Herzensangelegenheit des Schauspielers – hätte im Rahmenprogramm stattgefunden. Probenbeginn für den „Krug“ wäre am 4. April gewesen. Gring, der bis Ende Juli unter Vertrag stand, steckte bis vergangene Woche mitten in der Textarbeit, hatte seine Figur studiert, sich mit ihren Beziehungen zu den anderen Protagonisten im Stück auseinandergesetzt. 

Alle im selben Boot

Allen Schauspielern landauf und landab geht es gerade wie Dieter Gring und seinen Kollegen, die ab Mai die Bühne des Amphitheaters erobert hätten. Alle Theater sind zu. Keine Kleinkunst, kein Kabarett. Keine Proben. „Wir Schauspieler können bei Proben schlecht eineinhalb bis zwei Meter Abstand halten“, sagt Gring und lacht. 

Der Frankfurter, der auch als Sprecher arbeitet, hat das Glück, hierfür noch angefragt zu werden, „aber auch nur noch vereinzelt.“ Vieles komme derzeit nicht in die Vertonung, weil unklar sei, ob und wie in den Studios gearbeitet werden könne. „Auch die großen TV-Serien setzen jetzt aus“, berichtet der Schauspieler. Für Gring und viele andere frei schaffende Künstler ohne großes finanzielles Polster geht es jetzt darum, die nächste Zeit zu überleben. 

Dennoch besteht Hoffnung

Aber nicht nur für die Schauspieler sei die Situation eine Katastrophe, so Gring. „Bühnenbau, Requisite, Ton, Schneiderei – sie alle haben Zeitverträge, sie alle stehen aktuell vor dem Nichts.“ Hoffnung machen verschiedene Initiativen, die den Schauspielern über die kommenden Wochen und Monate helfen sollen. Da man nicht absehen könne, wann es wie weitergehe und welche Theater dann überhaupt noch am Markt seien, hofft auch Gring auf die Politik. Am Mittwoch hat der Bundestag ein Hilfspaket von vielen hundert Milliarden Euro über Gesellschaft und Wirtschaft gespannt. Kleine Firmen und Solo-Selbstständige wie Künstler und Pfleger sollen über drei Monate direkte Zuschüsse von bis zu 15 000 Euro bekommen. Zudem können Schauspieler die geänderte Einkommenserwartung an die Künstlersozialkasse (KSK) melden. Die Beiträge werden geänderten Verhältnissen dann auf Antrag angepasst. 

Für Dieter Gring heißt es jetzt erstmal „einen klarer Kopf behalten“ und sich „in der neuen Situation wiederfinden“. Für den „klaren Kopf“ macht er weiter viel Sport. Und künstlerisch? „Ich arbeite weiter am 'Hölderlin'. Im September ist ein Gastspiel in Oestrich-Winkel geplant und auch fürs Comoedienhaus war eines vorgesehen“, erzählt Gring. 

Anfrage des Fritz-Rémond-Theaters in Frankfurt

Für Januar hat er eine Anfrage des Fritz-Rémond-Theaters in Frankfurt. Im vergangenen Jahr stand der Schauspieler hier in „Zweifel“ auf der Bühne. Das Stück um einen Pater, der des Kindesmissbrauchs beschuldigt wird, soll von Mitte März bis April auf Tournee in Deutschland, Österreich und der Schweiz gehen. 

Ob die Brüder-Grimm-Festspiele von 2020 einfach aufs kommende Jahr adaptiert werden können, ist unklar. Denn neben Gring, der bis Mitte April auf Tour wäre, sind auch andere Schauspieler bereits für Produktionen angefragt. „Wir werden sehen“, sagt der sympathische Schauspieler. „Jetzt ist erstmal das Wichtigste, dass wir gut durch die Krise kommen.“

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