In Kisten verpackt (links): Die sichergestellten Sachbeweise der Staatsanwaltschaft werden penibel nummeriert, und eingelagert. Mitte: Wie im Auktionshaus: der Abendmahlskelch. Rechts: Immer griffbereit: Staatsanwalt Markus Jung gibt einen Einblick in die Asservatenkammer der Hanauer Anklagebehörde. Fotos: Thorsten Becker

Hanau

"Schätze" aus der Asservatenkammer unter dem Hammer

Hanau. Alles wirkt, als ob die berühmten Auktionshäuser „Christie's“ oder „Sotheby's“ eine Filiale in Hanau eröffnet haben. Doch es sind auch keine millionenschweren Gemälde, die an diesem Tag die Besitzer wechseln. Die Adresse lautet Katharina-Belgica-Straße 2. Es ist der Sitz der Staatsanwaltschaft Hanau.

Von Thorsten Becker

Hanau. Die schwere Tür aus Spezialglas öffnet sich wie von Geisterhand. Der durchtrainiert aussehende Sicherheitsmann in der Schleuse trägt ein gestärktes weißes Hemd und bittet freundlich, den Ausweis sehen zu dürfen. Er nickt zustimmend und weist den Weg: „Da geht's lang.“ Dann öffnet sich eine zweite schwere Tür automatisch – dem Besucher wird Einlass gewährt.

Im modernen Foyer sind Männer, die weiße Handschuhe tragen, emsig damit beschäftigt, Objekte, die an diesem Tag unter den Hammer kommen sollen, zu sortieren. Dabei kommt eines der Prunkstücke ans Licht: ein silber funkelnder Kelch.

Alles wirkt, als ob die berühmten Auktionshäuser „Christie's“ oder „Sotheby's“ eine Filiale in Hanau eröffnet haben. Doch es sind auch keine millionenschweren Gemälde, die an diesem Tag die Besitzer wechseln. Die Adresse lautet Katharina-Belgica-Straße 2. Es ist der Sitz der Staatsanwaltschaft Hanau.

„Das alles sind Sachen aus Strafverfahren"

Dort schaut Gerichtsvollzieherin Mona Runzheimer in die Runde, wartet auf neue Zahlen aus dem Publikum. „Zwei Euro! Drei Euro! Vier Euro!“ Schon ist eine nagelneu aussehende Angelroute verkauft.

Dieses Gerät hatte bis eben noch eine mehrstellige Ordnungsnummer getragen, die das Kürzel „JS“ in der Mitte trägt – ein Aktenzeichen der Justiz. „Das alles sind Sachen aus Strafverfahren, die entweder abgeurteilt worden sind oder die nicht mehr den rechtmäßigen Eigentümern zuzuordnen sind“, sagt Staatsanwalt Markus Jung.

Auch der Pressesprecher der Anklagebehörde wirft einen kurzen Blick auf das „Angebot“. „Alles stammt aus unserer Asservatenkammer“, erklärt Jung. Dort müssen die Sachbeweise, die von der Polizei gefunden und von der Staatsanwaltschaft sichergestellt worden sind, aufbewahrt und zum Prozess vor dem Amts- oder Landgericht als Beweise präsentiert werden.

Einbruchswerkzeug verkauft

„Ein Brecheisen, ein Bolzenschneider, ein Schraubendreher und ein Winkelschleifer“, preist die Gerichtsvollzieherin das nächste Paket an. Für Runzheimer ist es die erste Versteigerung dieser Art. Aber sie macht ihre Sache wirklich gut, wie in einem Auktionshaus. Für fünf Euro gehen die Werkzeuge schnell weg. Bezahlt werden muss sofort, in bar. „Gekauft wie gesehen“, lautet die Ansage.

Fünf Euro sind ein Schnäppchen. Ein Heimwerker, der hoffentlich nur Gutes im Schilde führt, nennt die Werkzeuge jetzt sein Eigentum. Doch jeder im Saal weiß: Es ist Einbruchswerkzeug, das dort im staatlichen Auftrag verkauft wird. Und daher gibt es von den Justizmitarbeitern, die vorsichtshalber mit Handschuhen arbeiten, auch einen guten Rat mit auf den Weg: „Das alles ist chemisch behandelt, also bitte vorher gut abwaschen.“ Will heißen: Die Geräte sind zuvor von der Spurensicherung auf Fingerabdrücke untersucht worden.

Heiße Bieterduelle

Bei der nächsten „Fundsache“, wie es amtlich heißt, gibt es ein heißes Gefecht zwischen den Bietern. In Ein-Euro-Schritten schaukelt sich die Stimmung hoch. Es geht um ein recht hochwertiges Fahrrad. „. . .  und 32 Euro zum Dritten!“, heißt es am Ende. Wieder ein Schnäppchen.

„Ich habe schon mehrfach Leute hier beobachtet, die sich richtig eindecken“, berichtet Staatsanwalt Jung auf dem Weg zum streng gesicherten Keller. Dort befindet sich die Asservatenkammer der Staatsanwaltschaft Hanau.

Gleich am Eingang steht ein großes Paket mit der Aufschrift „Mord“ – darin dürften sich alle Beweisstücke befinden, die zu einem Tötungsdelikt gehören, das bereits viele Jahre zuvor geschehen und offenbar noch nicht aufgeklärt ist. Mord verjährt nicht. Daher muss alles aufbewahrt werden – asserviert nennen das die Juristen.

Stücke aus den 1980er Jahren archiviert

Daneben stehen Schwerlastregale – aber sie sind leer. „Deshalb veranstalten wir auch ein- bis dreimal im Jahr eine Versteigerung von Asservaten, die aussortiert sind – damit wir wieder Platz haben“, erläutert Jung. Denn: „Pro Jahr werden hier rund 2500 neue Asservatennummern vergeben.“

Die übrigen Regale sind dagegen proppenvoll. Hier und da ist ein Baseballschläger zu erkennen, der wohl als Waffe missbraucht wurde, daneben liegt ein Schirm. Bis in die 1980er Jahre reichen die Asservate zurück.

Die meisten Gegenstände sind feinsäuberlich in Kartons verpackt und nummeriert. Penible Ordnung. Daher haben nur ganz wenige Mitarbeiter Zutritt zur Asservatenkammer. „Wenn es in einer Hauptverhandlung Fragen gibt, müssen wir jederzeit die Asservate als Beweisstücke vorlegen können“, erläutert der Pressesprecher auf dem Weg zurück ans Tageslicht.

Karpfen-Essenz, Handcreme, ein silberner Kelch

Im Foyer geht die Versteigerung munter weiter. Gerichtsvollzieherin Runzheimer wird nicht müde, neue Gebote entgegenzunehmen. Die Fundsachen werden immer skurriler: „Eine Angel, ein Schwimmer und eine Flasche Karpfen-Essenz“ lassen wieder die Anglerherzen höherschlagen. Eine Kiste mit Handcreme geht ebenfalls weg wie warme Semmeln. Ein Zuschlag nach dem anderen. Eine „Geldkassette mit passendem Schlüssel“ kommt als Nächstes an die Reihe. „Ist da auch Geld drin?“, fragt jemand scherzhaft aus dem Publikum.

Und dann ist da noch dieser silberne Kelch, dessen Geheimnis das Team lüftet: Es handelt sich um einen Abendmahlskelch, vermutlich aus einer katholischen Kirche gestohlen – und leider nicht mehr zuzuordnen. Auch dieses sakrale Stück findet schließlich einen Abnehmer.

Nach der Versteigerung ist die Gerichtsvollzieherin zufrieden. Die Arbeit hat sich gelohnt. „Es sind insgesamt 1600 Euro zusammengekommen“, berichtet Runzheimer. So haben die vielen Werkzeuge, die von „bösen Buben“ stammen, am Ende doch etwas Gutes gebracht: Das Geld fließt in die Staatskasse.

Neben den üblichen Zwangsversteigerungen der Gerichtsvollzieher werden – je nach Aufkommen – ein- bis dreimal im Jahr aussortiertes Diebesgut sowie Tatwerkzeuge im Auftrag der Staatsanwaltschaft Hanau versteigert. Die Termine sind öffentlich und werden als Bekanntmachung im HANAUER ANZEIGER sowie auf der Homepage des Amtsgerichts mitgeteilt.

›› ordentliche-gerichtsbarkeit.hessen.de/AG-Hanau

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