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Videosprechstunde in der Praxis: Die Allgemeinmedizinerin Nadia Buchholz aus Bad Orb demonstriert das System.

SARS-COV-2-PANDEMIE

Ärzte setzen nun auf das Internet: Videosprechstunden sind in der aktuellen Coronakrise groß im Kommen

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Die Videosprechstunde als Mittel gegen volle Wartezimmer in Arztpraxen und gegen den Ärztemangel? Die Idee ist nichts Neues. Seit über zwei Jahren dürfen niedergelassene Ärzte das Internet in der Kommunikation und Behandlung ihrer Patienten einsetzen. Doch interessiert hat es dort kaum jemanden.

Ende Februar gab es nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen im Main-Kinzig-Kreis gerade einmal eine Allgemeinärztin und einen Psychotherapeuten, die auch Videosprechstunden angeboten haben. Aber ausgerechnet die Coronavirus-Epidemie scheint bei den Ärzten und Therapeuten zu einem Umdenken zu führen. Ebenso wie bei den Spitzenverbänden der Krankenkassen und Ärzte in Berlin, die just in diesen Wochen die Regeln für den Umgang mit dieser telemedizinischen Leistung vereinfacht haben. 

Der Zugriff auf Videokonferenzanbieter steigt rasant. Nadia Buchholz, eine Fachärztin für Allgemeinmedizin in Bad Orb, bietet diesen Service seit Anfang Februar an. „Ich bin offen für jede Neuerung, die einen Fortschritt darstellt und eine sinnvolle Ergänzung in der Arzt-Patienten-Beziehung bringt.“ Was mit Videokonferenzen in Wirtschaft und Verwaltung und sowieso im privaten Bereich schon vor vielen Jahren Einzug gehalten hat, hält sie in der ambulanten medizinischen Versorgungslandschaft für unabdingbar. „Wir werden in Zukunft ohne eine noch intensivere Nutzung des Internets nicht mehr auskommen.“ Buchholz ist sich sicher, dass gerade die augenblickliche Coronavirus-Krise den Einzug der Videosprechstunde in Arztpraxen beschleunigen wird. 

Spezielle Software zur Wahrung des Arztgeheimnisses

Am Puls der digitalen Zeit: Psychotherapeut Dr. Klaus Paul setzt in Zukunft voll und ganz auf Videosprechstunden.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung bestätigt auf Nachfrage, dass das Interesse an Videosprechstunden in den letzten Wochen ganz erheblich gestiegen sei. Nun können Ärzte und Psychotherapeuten wegen des Datenschutzes (Arztgeheimnis) nicht auf gängige Videosysteme im Internet zurückgreifen, sondern müssen einen dafür speziell zertifizierten Softwareanbieter wählen, von denen es bereits etliche gibt. Seit einige dieser Dienstleister den Service „wegen der Coronakrise“ vorerst kostenlos und werbewirksam anbieten, scheint es einen regelrechten Ansturm auf deren Server zu geben, was zu technischen Problemen führen kann. 

Doch die Orber Allgemeinärztin ist sich trotzdem sicher, dass dieser Online-Service bei ihren Kolleginnen und Kollegen langfristig an Akzeptanz gewinnt. In der aktuellen Krise kann er, genauso wie das Telefon, helfen, den Kontakt zu Patienten auch außerhalb der Praxis herzustellen und besonders älteren oder nicht mobilen Patienten lange Anfahrtswege zu ersparen. Und das auch in normalen Zeiten. Buchholz: „Bedenken Sie, dass in unserer Umgebung reihenweise Praxen schließen und Patienten bei uns aufschlagen, die händeringend eine anderweitige ärztliche Betreuung suchen. Wir reden hier“, so sagt sie, „von Menschen, die bis zu 20 Kilometer von Bad Orb entfernt wohnen.“ 

Misstrauen gegen die Technik bei einigen Patienten

Oder von Patienten in einem Pflegeheim, welche die Ärztin ebenfalls betreut. Da seien es Pflegekräfte, die anrufen, die dringenden Rat oder gar einen Hausbesuch benötigten, wenn sich der gesundheitliche Zustand eines Bewohners akut verändern würde. „Dann“, so sagt sie, „wäre es natürlich gut, wenn sich die Mitarbeiterinnen mit dem betreffenden Patienten vorab online an mich wenden können.“ Hier und da reichten ja vielleicht schon Hinweise, wie bis zum nächsten regulären Besuchstermin verfahren werden soll. Anderenfalls könnte zumindest der Hausbesuch besser vorbereitet werden. 

Bei alledem kommt es aber auf die Akzeptanz der Patienten an. Viele ihrer Patienten, die in der Praxis auf die Möglichkeit der Videosprechstunde angesprochen würden, fänden die Idee zwar gut, aber sie misstrauten der Technik, sagt die Allgemeinmedizinerin. 

Internetausbau auf dem Land könnte ein Problem darstellen

Der Psychotherapeut Dr. Klaus Paul aus dem Hanau-Klein-Auheim ist da schon einen Schritt weiter: Ein Großteil der Patientenkontakte findet bei ihm jetzt schon online statt. Mit erstaunlichen Ergebnissen: „Ich habe den Eindruck, dass die per Internet zugeschalteten Patienten in den Gesprächen noch sehr viel konzentrierter sind und dass Sprechpausen bewusster gesetzt werden als im unmittelbaren Gesprächskontakt“, sagt Dr. Paul. Und mit Blick auf die aktuelle Epidemie unterstreicht er: „Gerade in dieser Situation ist es für alle Patienten wichtig, dass die therapeutische Betreuung fortgesetzt wird.“ Aber sie sollen durch persönliche Präsenz nicht einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt werden. Paul sieht weitere Vorteile: „Der Online-Kontakt bietet sich aber auch an, wenn aus bestimmten Gründen ein vereinbarter Termin sonst ausfallen müsste, etwa wegen eines kranken Kindes oder eines defekten Autos.“ 

Immer vorausgesetzt, dass die Technik funktioniert. Ein Teil seiner Patienten wohnt schließlich in Gebieten des Spessarts, in denen die Internetverbindung nicht zuverlässig funktioniert. Doch selbst eine stabile Datenverbindung ist kein Garant für eine störungsfreie Online-Sitzung. Genauso wie die „Videoärzte“ ist auch Paul als Psychotherapeut auf einen der zertifizierten Softwareanbieter angewiesen. Und bei denen ist zurzeit „Land unter“.

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