Bei einem Rundgang über die Baustelle bekamen Magistratsmitglieder und Presse einen Eindruck von den Eingriffen, die im Inneren des historischen Gebäudes nötig sind. Foto: Reinhard Paul

Hanau

Sanierung des Neustädter Rathauses birgt so manche Überraschung

Hanau. Scherzhaft nennen ihn alle das „Bernsteinzimmer“. Denn den bislang verborgen gebliebenen Raum in den Katakomben des Neustädter Rathauses kannte niemand. In allen Grundrissen war auf dieser Stelle nur ein schwarzer Fleck. Arbeiter entdeckten den Raum nun bei den voranschreitenden Sanierungsarbeiten.

Von Christian Dauber

Offenbar war der Raum bei der letzten Erneuerung in den 1960er Jahren zugemauert worden. Doch wer Gold oder sonstige Schätze darin erhoffte, der wurde enttäuscht. Keine Spur von unerwartetem Reichtum. Die 9,3 Millionen Euro für die seit August 2018 laufende Sanierung müssen also doch aus der Stadtkasse bezahlt werden.

Statt auf Wertvolles stießen die Arbeiter auf ein buntes Sammelsurium: Ein zerbrochener Teller lag ebenso darin wie ein altes Schloss, Reste einer uralten Zeitung – und Knochen, augenscheinlich eines Tieres.

Rathaus ist völlig entkernt

Der spannende Fund wurde am Mittwoch bei einem Rundgang auf der Baustelle präsentiert. Hiltrud Herbst, die Leiterin des Eigenbetriebs Hanau Immobilien und Baumanagement (IBM), brachte gemeinsam mit Architekten den Hanauer Magistrat auf den letzten Stand, darunter auch Oberbürgermeister Claus Kaminsky und Bürgermeister Axel Weiss-Thiel. Sie und die örtliche Presse erhielten seltene Einblicke in das völlig entkernte Rathaus. Hinter der grünen Eingangstür, die viele von ihnen schon hundertfach durchschritten haben, sieht nichts mehr aus, wie es einmal war. Der Blick fällt auf ein großes Loch.

„Genutzt wurde der Raum nie“, erklärt Diplom-Ingenieur Martin Geck von Schrammel Architekten aus Augsburg. Das Büro hat das Sanierungskonzept erarbeitet und überwacht die Arbeiten. Dass der Kellerraum vor Jahrzehnten eher eine Abstellkammer war, leuchtet ein, denn er ist relativ klein. Eher ein Räumchen. „Wir haben ihn im Inneren mit Balken gestützt, damit nichts abstürzen kann“, sagt Geck.

Kein Fundament für Treppenhaus vorhanden

Der Fund des „Bernsteinzimmers“ war nicht die einzige Überraschung, auf die die Arbeiter stießen. Bekanntlich soll eine neue Treppe samt Aufzug eingebaut werden. Deswegen wurde nicht nur die alte Treppe abgetragen, es mussten auch große Stücke des alten Tonnengewölbes zurückgebaut werden, um Platz für das Treppenhaus zu schaffen. Dabei zeigte sich: Es gibt kein Fundament.

Damals wurden Bruchsteine verwendet, die mit weichem Mörtel aufeinandergesetzt wurden. Sie abzutragen und gleichzeitig den Rest zu sichern, ist keine leichte Aufgabe. „Das sind erhebliche Eingriffe“, betonte Geck. Die historischen Steine werden mit einem Förderband nach draußen befördert. Derzeit stapeln sie sich in Containern, die im Innenhof aufgestellt sind. Ein Großteil soll wiederverwendet werden.

Auch die Stahlbetondecke aus den 50er Jahren muss für das Treppenhaus zurückgebaut werden. Wie die Fachleute den „Baustellentouristen“ erläuterten, soll die alte Decke mit Brettsperrholzdecken unterfüttert werden, da keine Betondecke vorhanden sei. Entgegen der Annahme sei Holz ein sehr gutes Brandschutzmaterial.

Zeitplan wackelt

Ob die Sanierung angesichts der neuen Erkenntnisse wie geplant im Frühjahr 2021 abgeschlossen sein wird, könne man jetzt noch nicht sagen. „Einzelne Arbeiten werden vorgezogen, um Zeit zu gewinnen“, erläuterte Hiltrud Herbst. Als erstes würden nun die Arbeiten für Treppenhaus, Aufzugsschacht und Fundament fortgesetzt, anschließend würden die Holzdecken eingezogen. Auch im Winter soll auf der Baustelle der Betrieb weitergehen.Kaminsky verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, den ursprünglichen Zeitplan halten zu können.

„Die Stadtverordneten, die die Sanierung beschlossen haben, sollen die Chance bekommen, im neuen Rathaus wieder eine Sitzung zu erleben. Das wäre schön und gerecht“, sagte er. Bürgermeister Axel Weiss-Thiel meinte aber, Anfang kommenden Jahres müsse der Zeitplan eventuell „neu gerechnet“ werden.

Uhr tickt noch nicht richtig

Nicht nur im Inneren des 1733 erbauten Gebäudes, auch außen gehen die Arbeiten voran. Zuletzt war die Uhr saniert und wieder eingebaut worden (wir berichteten). Sie sei voll funktionsfähig, allerdings sei die Elektrik noch nicht angeschlossen. Deswegen ticke sie noch nicht wieder, erläuterte Geck. Außerdem ist das schmiedeeiserne Balkongeländer abgebaut worden. Derzeit wird es von Bernhard Krönung restauriert, der auch schon dem goldenen Schwan wieder zu neuem Glanz verholfen hat.

Wie Hiltrud Herbst erläuterte, bezuschusst das Land die Restaurierung. Bürgermeister Weiss-Thiel meinte, man habe den Wert des Geländers in der Vergangenheit verkannt. „Künftig müssen wir es sorgsamer behandeln“, gab er zu bedenken. Als nächstes wird laut Geck das Dach erneuert. Schwarze Schieferplatten werden eingesetzt. Kommendes Jahr wird die Fassade saniert. Das Gerüst wird noch länger stehen bleiben. Erst bei Beginn des letzten Bauabschnitts wird es entfernt. Beim Blick von außen aufs Rathaus wies Geck zudem darauf hin, dass im zweiten Obergeschoss links ein Musterfenster eingebaut ist. Manchem Marktbesucher wird dies vielleicht schon aufgefallen sein.

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