Der Chef des Kampfmittelräumdienstes, Dieter Schwetzler, geht in Jacke und Jeans zur Bombe. "Wenn eine Bombe, wie die gestern hochgeht, dann nützt mir auch ein Schutzanzug nichts". Archivfoto: Privat

Hanau

Das sagt der Bombenentschärfer zur Sprengung auf Pioneer in Hanau

Hanau. Donnerstagabend, 21.50 Uhr. Durch Wolfgang hallt ein Knall. Aber er ist weniger laut, als er erfahrungsgemäß hätte sein müssen. Irgendetwas ist anders gelaufen als geplant. Was genau, wissen in diesem Moment weder Dieter Schwetzler, noch sein Team vom Kampfmittelräumdienst.

Von Kerstin BiehlEigentlich sollte die Gefahr jetzt vorüber sein. Doch der Bombenexperte ist misstrauisch. „Es hätte viel lauter sein müssen, als es zur Explosion kam“, erzählt er am Tag darauf dem HANAUER ANZEIGER am Telefon. Geplant war, das 50 Kilo Weltkriegsrelikt zu Staub verpuffen zu lassen. Die Bombe, die die Aliierten im Zweiten Weltkrieg über Hanau abgeworfen hatten, sollte gesprengt werden.

Um 17.45 Uhr war sie auf dem Gelände der ehemaligen Pioneer-Kaserne gefunden worden. Danach ging alles sehr schnell. Musste schnell gehen. Denn: „Sie hätte jederzeit explodieren können. Das gestern war etwas Außergewöhnliches“, sagt Schwetzler. Er muss es wissen. Er ist der Experte. Bomben entschärft er regelmäßig. Die letzte Spektakuläre Sprengung leitete er im April in Frankfurt ein, als er eine 250 Kilo Bombe im Main sprengte und für eine riesige Wasserfontäne sorgte.

Nur der Zünder wurde zerstört

Doch die Pioneer-Bombe von Donnerstagabend hatte ein anderes Kaliber. „Anders als die beiden zuletzt auf Pioneer aufgespürten 50-Kilo-Weltkriegsbomben, die einen Aufschlagzünder hatten, war der am Donnerstag freigelegte Blindgänger mit einem chemischen Langzeitzünder ausgestattet“, erläutert der Bombenspezialist. Als er diese Information am Telefon bekam, wusste Schwetzler sofort was zu tun ist: „Alarmstufe Rot“, sagt er und schildert sein weiteres Vorgehen: sofortige Evakuierung im Umkreis von 500 Metern. Sofortige Luftraumsperrung in Höhe und Radius von 1000 Metern. Sofortige Sperrung des Bahnverkehrs. „Bei dieser Zündereinrichtung hätte die Bombe jederzeit hochgehen können“, so Schwetzler.

Also entschied Schwetzler: Die Bombe muss umgehend kontrolliert gesprengt werden. Vor Ort bereitet er eine Sprengleitung vor. Bringt Sprengstoff an der Bombe an. Verlegt die Leitung mit dem Funkauslöser. Und drückt um 21.50 Uhr auf den Knopf. „Nach diesem, relativ harmlosen Knall wusste ich sofort, dass irgendwas anders gelaufen ist, als wir uns das vorgestellt haben“, erzählt er. Also geht er nachschauen. Und das, was er sieht, überrascht ihn. „Es wurde nur der Zünder zerstört. Die Bombe blieb heil. Das hatten wir so auch noch nicht. Aber die Bombe war unschädlich gemacht. Das war die Hauptsachte.“

Generell sei diese Bombe etwas Außergewöhnliches gewesen. Damit deutet der Bombenexperte die Gefährlichkeit an, die von der Bombe ausging. „In der Nähe von Limburg ist in diesem Jahr genau so eine Bombe mit chemischem Langzeitzünder von selbst detoniert. 1990 kamen mein Vorgänger und sein Kollege bei der Entschärfung einer derartigen Bombe ums Leben. Drei anderen Kollegen kostete eine solche Bombe 2010 das Leben.“ Gestern ist alles gut gegangen. Um 22.07 gibt es dann auch die offizielle Entwarnung: Die Bombe ist unschädlich gemacht, die Evakuierung aufgehoben. Der Kampfmittelräumdienst hat das 50-Kilo-Weltkriegsrelikt ins Regierungspräsidium Darmstadt abtransportiert.

Schwetzler ist mittlerweile in sein wohl verdientes Wochenende gestartet. Aber: „Ein Anruf kann trotzdem jederzeit kommen. Das ist mein Beruf. Da gibt es dann auch kein Wochenende“, sagt er. Dass er seinen Beruf mit Leib und Seele ausübt, ist dabei deutlich herauszuhören.

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