"Manchmal denke ich, dass die Tür aufgeht und er nach Hause kommt", sagt Yasemin Sözen im Gespräch mit unser Zeitung. Die 44-Jährige, ihre Schwester Yadel Seidewitz und Alptugs Vater Ejder können bis heute nicht fassen, was am 13. November geschehen ist. Foto: Backhaus-Arnold

Hanau

Das sagt Alptug Sözens Familie zum Unglück an der Ostendstraße

Hanau. Da ist dieses komische Gefühl. Irgendwann am Nachmittag ist es das erste Mal da. Es gibt da diese unsichtbare Verbindung zwischen einer Mutter und ihrem Kind. So eine Sache, die man nicht beschreiben kann.

Von Yvonne Backhaus-Arnold

Es ist der 13. November. Yasemin Sözen und ihr Mann Ejder fahren noch mal kurz in die Stadt. Einkaufen im Supermarkt. Als die Mutter ihren jüngeren Sohn anruft, ist der große Bruder immer noch nicht da, dabei kommt er sonst immer direkt nach Hause. Die Unruhe wächst. Yasemin Sözen schickt eine Whatsapp: „Alptug, wo bist du?“

Alptug antwortet nicht. Auch die Anrufe bleiben ungehört. Irgendwann ist das Handy abgeschaltet. Der 17-Jährige ist zu diesem Zeitpunkt schon tot. Überfahren von einem Zug in der unterirdischen S-Bahn-Haltestelle Ost‧endstraße in Frankfurt. Dass der 17-Jährige ins Gleisbett gesprungen ist, um einem betrunkenen Obdachlosen zu helfen, der dort lag, wird erst Stunden später publik. Auch, dass es weder Videoüberwachung noch eine Notrufsäule gab, die Leben hätte retten können. Die Polizei spricht direkt nach dem Unglück von einer „Mutprobe“ unter Jugendlichen. Und einige Passanten zücken lieber ihr Handy, um das Unglück für Youtube zu filmen, anstatt zu helfen.

"Im Paradies ist er jetzt auf der höchsten Stufe"

Die Gedanken daran treiben dem Vater Tränen in die Augen. Über Facebook hat ihn kurz nach dem Unglück ein jetzt polizeilich ermittelter Mann angeschrieben: „Willst du deinen Sohn noch einmal sehen?“ Der Vater antwortet nicht. Kurz danach bekommt er ein acht Sekunden langes Video. Er öffnet es nicht, schaltet die Polizei ein. „Anstatt ein Video zu machen, hätte er helfen können“, sagt der 45-Jährige.

Vier Wochen ist es jetzt her, dass Alptug zum letzten Mal die Tür zur elterlichen Wohnung an der Freigerichtstraße hinter sich zugezogen hat, um mit der S-Bahn zum Praktikum nach Frankfurt zu fahren. Drei Tage Schule, zwei Tage Praktikum. Chemie wollte er irgendwann einmal studieren, Karriere machen. Mit seiner Mama einmal nach Amerika fliegen.

In der Hausnummer 61 hat er zusammen mit seinen Eltern und seinem 13-jährigen Bruder gelebt. Alptugs Mutter Yasemin ist in Hanau geboren, ihre Schwester und ihr Bruder auch. Einen Steinwurf entfernt sind sie aufgewachsen. Alptugs Vater Ejder kam vor 20 Jahren in die Brüder-Grimm-Stadt. Sie gründeten eine Familie. In der Wohnung ist es still. Es ist eine erdrückende Stille. „Er hatte noch so viel vor“, sagt die 44-Jährige, als wir uns zum Gespräch auf die Couch setzen. Den Führerschein machen. Japanisch lernen. Alptugs Tante Yadel Seidewitz bringt Kaffee, sein Vater schaut starr geradeaus.

Und dann beginnen sie über den 13. November zu reden. Über die Ungewissheit. Den ersten Anruf bei der Polizei, den die Tante übernimmt. Der Beamte beruhigt sie. „Uns ist kein Alptug Sözen bekannt.“ Mutter Yasemin schöpft Hoffnung, auch wenn die Angst bleibt. Längst wissen sie von dem Unfall, telefonieren die Krankenhäuser ab. Kurz nach 20 Uhr fahren sie zusammen zum Hauptbahnhof. Die erste Bahn von Frankfurt wird erwartet. Zehn Leute steigen aus – Alptug ist nicht dabei.

Familientherapie ab Januar

Dann klingelt das Handy der Tante. Die Bundespolizei wartet in dem Haus mit der Nummer 61. Da wissen sie, dass er nie wieder nach Hause kommen wird. Yasemin Sözen verliert das Bewusstsein und wird ins Krankenhaus gebracht.

„Nach unserem Glauben“, sagt Alptugs Tante, die vor zwei Jahren mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern von Hanau nach Offenbach gezogen ist, „ist er jetzt im Paradies auf der höchsten Ebene. Bei uns heißt es: 'Wer einem Menschen das Leben rettet, rettet die ganze Welt'.“

Die Eltern tröstet das manchmal, aber eben nicht immer. Alptugs Mutter Yasemin ist wütend und traurig und verletzt, muss mehrmals pro Woche in ärztliche Behandlung. Ab Januar wollen sie eine Familientherapie machen. Vater Ejder, der bei der Dunlop arbeitet, ist derzeit krank geschrieben. Arbeitsunfähig. Alptugs jüngerer Bruder ist 13, er redet kaum; trauert auf seine Weise.

Die Beerdigung in der Türkei

Wie in einem Film ziehen die Bilder seit diesem 13. November an ihnen vorbei. Das Totengebet an der Moschee in Hanau. Der Flug in die Türkei. Nach Nazilli, einer 110 000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Izmir, wo Mustafa Alptug Sözen am 17. November beerdigt wird – nur einen Schritt von seinem Großvater entfernt, der wenige Monate zuvor ebenfalls in Hanau gestorben ist.

Hunderte Menschen haben in den vergangenen Wochen an ihrer Tür geklingelt: Bekannte, Freunde, Politiker, Deutsche, Türken, Wildfremde. Ein Taxifahrer aus Frankfurt war dabei. Er kam mit seiner Frau und seinen Kindern, um der Familie sein Beileid auszusprechen. Manchmal hat der Platz in der kleinen Wohnung nicht ausgereicht – dann blieben die Frauen dort und die Männer gingen vor die Tür.

Am Wochenende haben sie einen Pokal entgegengenommen – nach einem Fußballturnier zu Ehren von Alptug. Am Freitag überreicht Oberbürgermeister Claus Kaminsky der Familie das Kondolenzbuch der Stadt. Dass die Haltestelle Ostendstraße nach Alptug benannt werden soll, freut die Familie. Sie sprechen von Wertschätzung für einen jungen Menschen, die nicht nur zugeschaut hat.

Bundesverdienstkreuz für Alptug?

Der Initiator des Aufrufs, Dogus Albayrak, ist der Bruder von Tugce Albayrak, jene junge Frau, die vor vier Jahren vor einem Schnellrestaurant nach einem Streit ums Leben kam. Er hat Alptug für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. „Wir danken ihm sehr dafür“, sagt Ejder Alptug. Am 18. Januar fliegt er nach Nazilli. Einen Tag später wird dort ein großer Botanischer Garten nach seinem Sohn benannt.

Neben der Trauer, die in Schüben kommt, ist da auch die Verletztheit über den einen oder anderen Facebook-Kommentar und die Unwissenheit. „Wir wissen nach wie vor nicht genau, was passiert ist an jenem Nachmittag“, sagt Alptugs Tante, die jeden Tag in Hanau ist. Sie müssen einen Anwalt einschalten, um Akteneinsicht zu bekommen.

„Das Leben“, sagt Yadel Seidewitz, „geht weiter.“ Aber die Trauer bleibt. Und der leere Platz am Tisch auch. Ihren Neffen, der am 15. Januar seinen 18. Geburtstag gefeiert hätte, wird sie nie vergessen. „Er wollte keine große Party, er wollte ein Keyboard und lernen, dieses zu spielen.“

„Manchmal“, ergänzt seine Mutter, „denke ich, dass die Tür aufgeht und er nach Hause kommt.“ Aber die Tür bleibt zu. Und auch in ihren Träumen hat er sie noch nicht besucht. Aber sie betet jeden Tag, dass er zumindest dort zu ihr zurückkommt.

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