Robert Weißenbrunner (Mitte) führt die streikende VAC-Belegschaft an. Deren Arbeitskampferfahrung bringt beste Voraussetzungen mit, um einen Streik zu organisieren. Archivfoto: Kalle

Robert Weißenbrunner: Nach dem Streik ist vor dem Streik

Hanau. Robert Weißenbrunner, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Hanau-Fulda, ist zufrieden mit den Ergebnissen der Warnstreiks und Tarifverhandlungen. Doch zurücklehnen ist auch jetzt nicht, die Gewerkschaftsarbeit geht immer weiter.

Von Elfi Hofmann

4,3 Prozent mehr Lohn und die Möglichkeit, die wöchentliche Arbeitszeit auf 28 Stunden zu reduzieren – das sind die wichtigsten Errungenschaften der IG Metall nach den Warnstreiks und Tarifverhandlungen.

Gewerkschaften nehmen Außenstehende meist erst dann wahr, wenn sie zum Streik aufrufen. Und wenn dann alles in trockenen Tüchern ist, verschwinden sie wieder von der Bildfläche. Robert Weißenbrunner muss lachen, wenn man ihn fragt, was die Gewerkschaftvertreter eigentlich machen, wenn sie gerade nicht in Tarifverhandlungen stecken. „Im Moment stehen Betriebsratswahlen an, dann unterstützen wir die Wahlvorstände, indem wir zum Beispiel bei Versammlungen sprechen“, erklärt er.

Persönlich und politisch gut aufgehobenAuch die Rechtsberatung einzelner Mitglieder und Seminare für in der Jugendbewegung Engagierte stehen auf der Agenda. Im Fokus stehe aber gerade, die Tarifbindungen in den Betrieben zu erhöhen, schließlich seien lediglich in zwölf von rund 90 Unternehmen in der Region die Verhandlungsergebnisse gültig.

Trotz der oft fordernden Arbeit – bereut hat der 39-Jährige seine Berufswahl noch nie. „Ich bin genau da, wo ich mich persönlich und politisch gut aufgehoben sehe“, sagt er. Der gebürtige Österreicher zog als Kind in den Raum Stuttgart, wo er als 16-Jähriger eine Ausbildung zum Industriemechaniker begann. Dort war er als Jugendvertreter engagiert, später dann auch ehrenamtlich in der IG Metall. „Irgendwann wurde ich gefragt, ob ich das auch hauptberuflich machen möchte“, erinnert er sich. 2003 wurde er dann in Offenbach Gewerkschaftssekretär, 2006 kam er zur IG Metall Hanau-Fulda.

Politisch sozialisiertNachdem sein Vorgänger Michael Pilz 2010 aus dem Amt schied, übernahm Weißenbrunner dessen Aufgaben. Alle vier Jahre finden Wahlen statt, die ihn bisher immer recht solide im Amt bestätigt haben. „Ich scheine also nicht alles falsch gemacht zu haben“, erzählt er lachend. Eine politische Vorprägung gibt es in seiner Familie allerdings nicht. „Ich bin durch die Anti-Kohl-Bewegung in den 90ern sozialisiert worden“, erklärt er. Eigentlich habe er damals schon einen Juso-Mitgliedsantrag ausgefüllt gehabt, aber den hat er nie abgeschickt. Grund: Oskar Lafontaine.

Als der damalige Finanzminister im Frühjahr 1999 zurücktrat, verwarf Weißenbrunner den Gedanken und entschied sich für die WASG, die er in Offenbach mitgründete. Heute ist er Mitglied bei der Linken. Auch, wenn er über die Entscheidungen der SPD in den letzten Jahren nicht glücklich ist, wünscht er der Partei nichts Schlechtes: „Wir brauchen eine starke Sozialdemokratie in Deutschland.“

VAC-Mitarbeiter erfahren im ArbeitskampfIn Hanau hat man Weißenbrunner in den letzten Wochen vor allem vor den Werkstoren der Vacuumschmelze gesehen. Dort waren die Warnstreiks der IG Metall in der Region zentriert. Die Mitarbeiter der VAC hätten die meiste Arbeitskampferfahrung – die besten Voraussetzungen also, um einen Streik zu organisieren, was allerdings nicht so einfach ist, wie es von außen oft scheint. „Das ist nicht nur die Arbeit niederlegen, man muss die Arbeiter auch überzeugen, mitzumachen“, erklärt Weißenbrunner.

Dazu gehöre auch, in die jeweiligen Unternehmen zu gehen und Vorbereitungen zu treffen. Dass sich die IG Metall auf die VAC konzentriert habe, heiße aber nicht, dass es nicht auch in anderen Betrieben geklappt hätte. „Hätten wir die Streiks ausgedehnt, wären auch andere Unternehmen mit eingebunden worden“, so Weißenbrunner.

KopfschüttelnDass es mit den Tarifverhandlungen besonders bei der Vacuumschmelze nicht getan ist, zeigt ein Blick in die jüngere Geschichte, denn das Geschäft bei VAC brummt zwar im Moment – laut eigenen Angaben wurde das Geschäftsjahr 2017 mit einem Umsatzplus von zehn Prozent beendet –, allerdings herrscht ein großer Investitionsstau, besonders in den Gebäuden und bei den Produktionsanlagen ist einiges marode und zu alt.

Auch die Fluktuation innerhalb der Geschäftsführer gibt Weißenbrunner zu denken. Er selbst erlebt mit Reiner Beutel bereits den vierten Vorsitzenden. Einer seiner Vorgänger hätte mit dem geplanten Stellenabbau vor rund drei Jahren eine rote Linie überschritten. Damals wurde ein Zukunftstarifvertrag durchgesetzt, der die Arbeitsplätze und den Standort auf fünf beziehungsweise zehn Jahre gesichert hat. „Und jetzt wird händeringend Personal gesucht“, kann Weißenbrunner nur den Kopf schütteln.

Nach dem Streik ist vor dem StreikEin weiteres Problem stellen für den 39-Jährigen die oft wechselnden Tochterunternehmen dar. Im Oktober 2015 wurde die VAC das letzte Mal verkauft, diesmal an die private Kapitalanlagegesellschaft Apollo Global Management. Langfristige Planungen sind so natürlich nicht machbar. „Apollo ist nicht bekannt dafür, dass sie lange an einem Unternehmen festhalten“, sagt Weißenbrunner. Gerüchte gebe es immer, natürlich auch innerhalb der Belegschaft.

Jetzt genießt der Vater von zwei Kindern allerdings erst einmal die Ergebnisse und freut sich über den für die IG Metall sehr guten Abschluss. Die nächsten Tarifverhandlungen kommen bestimmt.

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