Für den Frieden und gegen Rassismus sind rund 300 Muslime verschiedener Ahmadiyya-Gemeinden auf die Straße gegangen.
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Für den Frieden und gegen Rassismus sind rund 300 Muslime verschiedener Ahmadiyya-Gemeinden auf die Straße gegangen.

Radeln gegen Rassismus: Sternfahrt für den Frieden führt auch zur wieder geöffneten Hanauer Bait ul Wahid-Moschee

  • Jan Max Gepperth
    vonJan Max Gepperth
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Rund 300 Muslime sind am Freitag alleine in Hessen mit dem Rad auf die Straße gegangen und haben Kilometer gesammelt: „Kilometer gegen Hass und für den Frieden“, und gegen den allenthalben grassierenden Rassismus in der deutschen Gesellschaft.

VON RAINER HABERMANN

Hanau – Sie fuhren von ihrem jeweiligen Wohnort zu insgesamt zehn Moscheen in verschiedenen hessischen Städten, unter anderem Hanau und Offenbach, trugen Trikots mit dem Aufdruck „Muslime für Frieden“ und „Kilometer gegen Hass“.

Bundesweit hätten insgesamt rund 1500 Menschen aus der Glaubensgemeinschaft in die Pedale getreten, so der Bundesvorsitzende der Ahmadiyya Muslim Jamaat, der Frankfurter Konvertit Abdullah Uwe Wagishauser. Dieser nahm in der Hanauer Bait ul Wahid-Moschee zwischendurch an einer Podiumsdiskussion teil, bei der unter anderem auch der hessische Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Philipp Krämer, und ein FDP-Politiker sprachen. Das Thema der Diskussion: ebenfalls Rassismus.

Der Samstag war von der Ahmadiyya-Gemeinde kurzerhand als „Tag der offenen Tür“ in der Moschee deklariert worden, was in Zeiten von Corona, des erst ein knappes halbes Jahr zurückliegenden, rechtsradikal motivierten Anschlags auf vermeintliche „Fremde“ mit zehn Opfern am 19. Februar in Hanau, und des ebenfalls in inhaltlichem Zusammenhang stehenden Attentatsversuchs auf jüdische Menschen in der Haller Synagoge im Herbst vorigen Jahres nicht ganz selbstverständlich ist.

Podiumsdiskussion am 19. März war in der Moschee geplant gewesen

Wie der Hamburger Imam Haroon Ata und der Sprecher der Hanauer Ahmadiyya Jamaat, Adnan Mustafa, im Gespräch mit dem HANAUER ANZEIGER erläuterten, sei bereits am 19. März eine Podiumsdiskussion in der Moschee geplant gewesen. Sie wurde allerdings aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt, die Behörden verkündeten den „Lockdown“, was für sämtliche Gottesdienste in Deutschland, gleich welchen Glaubens, das vorläufige Aus bedeutete.

„Für uns war das extrem hart, denn wir beten normalerweise zusammen, und das fünfmal täglich“, sagt Ata. „Die Moschee durfte rund drei Monate lang nicht betreten werden, wir alle haben jeweils einzeln zuhause in den Familien unseren Gottesdienst abgehalten“, fährt Mustafa fort.

„Unsere gemeinsamen Meetings haben wir, wie das wohl alle während der Beschränkungen gemacht haben, im Internet durchgeführt, per Videokonferenz. Unser Jahrestreffen, das mit Tausenden von Gemeindemitgliedern alljährlich in Karlsruhe stattfindet, wurde in diesem Jahr ebenfalls abgesagt. Auch dieses fand nur per Video statt.“

Abstandregeln werden innerhalb der Hanauer Moschee eingehalten

Nach Schließung aufgrund einer Terrorwarnung ist auch die Hanauer Bait ul Wahid-Moschee der Ahmadiyya-Gemeinde wieder geöffnet.

Im großen Gebetssaal stehen die Stühle in großem Abstand voneinander, hier gilt auch während des Gebets ein Mindestabstand von 1,50 Metern zwischen jedem einzelnen Gläubigen. „Unsere Männer und Frauen beten jetzt getrennt voneinander, und wir nehmen auch Rücksicht auf die über 60-Jährigen unserer Gemeinschaft. Sie sollen nicht in die Moschee kommen, sondern weiter zu Hause beten, denn sie zählen ja zur Risikogruppe in Bezug auf das Virus“,sagt Mustafa.

Seit Ende Mai sind die Corona-Vorschriften gelockert, auch für Religionsgemeinschaften. „Wir haben in Deutschland zwar Infizierte, aber bisher keinen einzigen Corona-Toten unter uns“, bekräftigt Ata. Ein weiterer Grund für die große Vorsicht der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde aber ist der rechte Terror und Rassismus, der sich nach wie vor gegen Andersgläubige, überhaupt gegen „Andere“ im Land richtet.

Erst kürzlich gab es wieder eine Terrorwarnung der Polizei an die Ahmadiyya, gerichtet gegen die Bait ul Wahid-Moschee im Hanauer Hafengebiet. Über die Hintergründe ist nichts bekannt, die Ermittlungen liefen.

„Rassismus" sollte Gegenstand der Podiumsdiskussion in der Moschee sein

Das Thema „Rassismus“ war auch Gegenstand der Podiumsdiskussion. Alle Teilnehmer waren sich darin einig, dass die gesellschaftlichen Ursachen des latenten wie auch des offenen Rassismus in der deutschen Gesellschaft tief in der Geschichte verwurzelt seien und schon im Sprachgebrauch bestimmter Begriffe lägen.

Auch in Polizeikreisen seien durchaus hin und wieder rassistische Tendenzen zu erkennen, etwa im so genannten „racial profiling“, wobei bestimmte Menschen „südländischen“ Aussehens häufiger bei Polizeistreifen kontrolliert würden als Menschen „weißer Hautfarbe“.

Um herauszufinden, ob diese These so stimme befürworteten auch Wagishauser, ebenso wie Krämer, dass eine Studie über das Verhalten und Denken der Polizei in Sachen Rassismus angefertigt wird.

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