Erneut auf der Anklagebank: Der 22-jährige Nidderauer muss sich seit Dienstag wegen des Vorwurfs des versuchten Mordes vor dem Schwurgericht verantworten. Foto: Thorsten Becker

Nidderau/Hanau

Prozessauftakt um versuchten Mord - Angeklagter schweigt

Nidderau/Hanau. „An deiner Stelle würde ich mir gut überlegen, ob ich vor Gericht die Wahrheit sage.“ Das ist eine klare Drohung. Und diese ist vor wenigen Wochen über Instagram an die 19-jährige Zeugin geschickt worden.

Von Thorsten Becker

Absender ist offenbar die aktuelle Freundin von „Joe“. Und dieser „Joe“ (22) aus Nidderau sitzt seit gestern auf der Anklagebank vor der 1. Schwurgerichtskammer des Hanauer Landgerichts. Der Vorwurf: versuchter Mord. Er soll am 20. November vergangenen Jahres an der Bahnhofstraße in Windecken einen 18-Jährigen absichtlich überfahren haben. Das Opfer wurde über das Dach geschleudert und erlitt glücklicherweise nur leichtere Schürfwunden und Prellungen.

„Heimtückisch“ nennt Staatsanwalt Dr. Alexander Voigt diese Tat. Der Angeklagte „wollte das Opfer überfahren“ und habe dessen Tod „billigend in Kauf genommen“, so Voigt, der die Anklageschrift verliest. Zudem besitze der 22-Jährige keinen Führerschein, das Auto soll nicht versichert gewesen sein, die Kennzeichen aus dem Kreis Aschaffenburg sind gefälscht.

Das Opfer fehlt

Der Fall ist auf den ersten Blick recht seltsam. An diesem Morgen wird er jedoch zunehmend mysteriöser. Aber nicht, weil der Angeklagte zu den Vorwürfen schweigt – das ist sein gutes Recht. Vor dem Haftrichter hatte er alles abgestritten und ausgesagt: „Ich habe damit nichts zu tun.“

Als der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück an diesem Morgen den ersten Zeugen aufruft, bleibt der Stuhl leer. Das Opfer, der 18-jährige I., sollte laut Richter eigentlich ein „erhebliches Interesse an diesem Verfahren“ haben. Doch trotz Ladung kommt er einfach nicht. Nun soll er vorgeführt werden.

Dann betritt die 19-Jährige den Gerichtssaal. Die Zeugin hat sich von der harschen Drohung offenbar nicht beeindrucken lassen. Im Gegenteil: Sie ist mit ihrem Smartphone schnurstracks zur Polizei gegangen und hat Anzeige erstattet. Den Angeklagten kennt sie seit dem Sommer 2016. Damals waren es wohl „Schmetterlinge im Bauch“ – „Joe“ war ihr erster Freund. Doch das war nicht von langer Dauer.

„Nach einem Monat war alles wieder vorbei, wir haben uns getrennt.“ Erst danach erfuhr sie: Ihr „Ex“ ist erst wenige Wochen zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden. Dann kristallisiert sich langsam heraus, was da in Nidderau der Hintergrund gewesen sein könnte: „Er hat mehrere Joints am Tag geraucht und andere Drogen genommen“, so die Zeugin. Mal Marihuana, mal Ecstasy. Und Handel sei ebenfalls getrieben worden. Das war im Sommer 2016.

Mit Tatfahrzeug geflüchtet

An jenem Abend im November 2018 ist die Zeugin mit dem 18-jährigen I. zum Badminton verabredet. „Ich sollte ihn am Bahnhof abholen und habe ihn dann auf dem Gehsteig gesehen“, berichtet sie. Die 19-Jährige stoppt ihr Auto. Als sie in den Rückspiegel schaut, stockt ihr der Atem: Ein unbekanntes Auto nähert sich I. und überfährt ihn – „gezielt und ungebremst“.

Die Insassen flüchten mit dem Tatfahrzeug, fahren aber langsamer an ihrem Auto vorbei. „Ich habe ihn am Steuer gesehen“, sagt die Zeugin mit Bestimmtheit. Sie meint den Angeklagten. „Joe“ selbst vermeidet an diesem Morgen jedoch jeglichen Blickkontakt mit seiner Ex-Liebe.

Dann kommt durch die Aussage der Zeugin ein wenig Licht ins Dunkel: Der Grund, weshalb I. angefahren wurde, könnten illegale Rauschgiftgeschäfte gewesen sein. Vielleicht auch ein triftiger Grund, an diesem Tag nicht als Zeuge vor Gericht zu erscheinen.

Weiteres Verfahren läuft

Und überhaupt: In dieser Tatnacht wollte er zunächst auch gar nicht die Polizei rufen, obwohl er offensichtlich das Opfer eines Verbrechens geworden ist. „Er hatte wohl 200 Euro Schulden aus Drogengeschäften“, will die Zeugin gehört haben. Aber das sind alles nur Vermutungen. Dieser Hintergrund ist allerdings nicht so ganz aus der Luft gegriffen, denn für den 22-jährigen Angeklagten ist der Fall vor dem Schwurgericht aktuell nicht der einzige.

Die Staatsanwaltschaft Hanau hat parallel dazu ein weiteres Verfahren gegen den Nidderauer laufen: Vor dem Hanauer Schöffengericht ist „Joe“ seit Anfang Juli wegen Drogenhandels angeklagt. Er soll bei einer Freundin Rauschgift gebunkert haben.

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