Exhumiert: 1988 ist die Leiche von Jan H. auf dem Kesselstädter Friedhof beerdigt worden. Nachdem es seit 2014 neue Hinweise auf die Sekte und einen möglichen Mord gegeben hat, ist das Verfahren von der Staatsanwaltschaft neu aufgerollt worden. Am Dienstag beginnt der Prozess. Foto: Thorsten Becker

Hanau

Prozessauftakt: Hat Sylvia D. den kleinen Jan ermordet?

Hanau. 17. August 1988: In einer Badewanne soll der vierjährige Jan H. in einem verschnürten Leinensack qualvoll gestorben sein. Am kommenden Dienstag, über 31 Jahre danach, wird der Tod des Kindes von der 1. Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht unter die Lupe genommen.

Von Thorsten Becker

Nach fast eineinhalb Jahren der Prüfung hatten die Richter die Anklage im Mai zum Hauptverfahren zugelassen..

Nach den bisherigen Ermittlungen steht aus Sicht der Staatsanwaltschaft Hanau fest: Sylvia D. (72) ist die mutmaßliche Mörderin. Sie soll den kleinen Jan grausam und aus niederen Beweggründen vorsätzlich getötet haben. Die Verteidigung hat die Vorwürfe zurückgewiesen.

Alles läuft somit auf einen spektakulären Indizienprozess hinaus, der weit zurückreicht. Die Kammer unter dem Vorsitzenden Richter Dr. Peter Graßmück hat zunächst elf Verhandlungstage anberaumt – der Prozess ist bis Mitte Januar terminiert.

Angeklagte soll Anführerin einer sektenänlichen Gemeinschaft gewesen sein

Vor allem die von der Staatsanwaltschaft angeklagten „niederen Beweggründe“ dürften für Aufsehen sorgen, denn nach den erst 2014 aufgenommenen Ermittlungen soll D. die selbst ernannte Anführerin einer obskuren, sektenähnlichen Gemeinschaft in Hanau gewesen sein, die durch Traumdeutungen ihre Anhänger an sich gebunden und diese durch eine Art Gehirnwäsche von ihr abhängig gemacht habe.

Der mutmaßliche Kindsmord soll mit den pseudo-religiösen Ansichten von D. im Zusammenhang stehen. Die heute 72-Jährige habe das Kind vor anderen Sektenmitgliedern als „Schwein“ und „Reinkarnation Hitlers“ bezeichnet. Der kleine Bub sei von „den Dunklen“ besessen. D. soll den Sektenmitgliedern erklärt haben, Gott habe das Kind „geholt“.

Mutmaßlicher Kindsmord soll in Zusammenhang mit pseudo-religiösen Ansichten stehen

Aus dem Kreis der Sekte, den D. zusammen mit ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann gegründet haben soll, gibt es zudem Schriften, in denen wirre, angeblich religiöse Botschaften verbreitet werden sollten – allerdings wurde die Zahl der Anhänger nur auf wenige Familien geschätzt.

Wie Oberstaatsanwalt Dominik Mies, der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft, im Mai berichtet hatte, soll die Mutter am 17. August 1988 Jan in die Obhut von D. gegeben haben, weil sie zum Einkaufen wollte. D. soll dem Vierjährigen einen Leinensack über den Kopf gezogen und ihn zum Mittagsschlaf in eine Badewanne gelegt haben.

Wurden die panischen Schreie des Jungen ignoriert?

Die panischen Schreie des Kindes seien anschließend ignoriert worden. Jan H. starb wenig später in dem Leinensack. Als seine Eltern zurückkamen, sei er bereits tot gewesen.

Ein Notarzt soll kurze Zeit später den Tod des Kindes festgestellt haben, schöpfte aber offenbar keinen Verdacht – H. sei an Erbrochenem erstickt. Polizei und Staatsanwaltschaft nahmen 1988 offenkundig keine eingehenden Ermittlungen auf. Der Tod des Vierjährigen wurde als tragischer Unfall angesehen, zu den Akten gelegt – und geriet in Vergessenheit.

"Frankfurter Rundschau" hatte 2014 zuerst über den Fall berichtet

Vor fünf Jahren wurde die dünne Akte von Jan H. wieder aus dem Archiv hervorgeholt. Die Staatsanwaltschaft ordnete neue Ermittlungen an, 2017 sogar die Exhumierung der Leiche, die auf dem Kesselstädter Friedhof begraben ist. Die Rechtsmedizin untersuchte die sterblichen Überreste.

Die „Frankfurter Rundschau“ hatte 2014 zuerst über den Fall berichtet. Anstoß für die Neuaufnahme der Ermittlungen waren die Angaben eines Sekten-Aussteigers, der ausführlich über die Unterdrückung in der Sekte und den angeblichen Personenkult um Sylvia D. berichtete – und über den Tod von Jan H.

Pikant sind zudem die Nebenkriegsschauplätze, die zwischen dem Hauptbelastungszeugen und einem von D. und ihrem Mann gegründeten Hanauer Medienunternehmen für Film- und Werbeproduktionen zu juristischen Auseinandersetzungen geführt haben.

Rolle des von der Angeklagten und ihrem Ehemann gegründeten Hanauer Medienunternehmens unklar

Das Unternehmen selbst wehrt sich seit Monaten vehement auf seiner Homepage gegen den Vorwurf, etwas mit mit der obskuren Sekte zu tun zu haben. Zuletzt wurde der Eintrag in der Rubrik „In eigener Sache“, wohl im Hinblick auf den Prozessbeginn, am 9. Oktober aktualisiert.

Darin heißt es: „Wir kämpfen seit mehreren Jahren gegen eine von ehemaligen Mitarbeitern initiierte Vernichtungskampagne.“ „Maßlose Forderungen“ sowie ein „für den früheren Mitarbeiter letztlich erfolgloses Arbeitsgerichtsverfahren“ seien die Ursache.

Selbst die Anklagebehörde wird von der Firma angegriffen: „Die Staatsanwaltschaft Hanau hat, ausgelöst durch die gezielte, mit falschen Behauptungen geführte Kampagne, schwerwiegende Vorwürfe gegen die Frau des Gründers von (. . .) erhoben.“

Umstände des Todes von Jan H. im Mittelpunkt der Beweisaufnahme

In der am Dienstag beginnenden Beweisaufnahme vor dem Schwurgericht steht die zentrale Frage, unter welchen Umständen Jan H. gestorben ist. Dazu sind in den kommenden Wochen zahlreiche Zeugen geladen.

Juristisch gesehen ist, mehr als 31 Jahre nach dem Geschehen, nur eine Anklage wegen Mordes möglich, denn alle anderen möglichen Verbrechen wie etwa Totschlag oder Misshandlung von Schutzbefohlenen sind nach dem Strafgesetzbuch bereits verjährt.

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