Sie wollen unerkannt bleiben: Mit Aktendeckeln verbergen die fünf Angeklagten, mutmaßlichen Menschenhändler ihre Gesichter zum Prozessauftakt vor dem Hanauer Landgericht. Ihnen wirft die Staatsanwaltschaft über 300 Taten vor. Foto: Mike Bender

Hanau

Prozessauftakt: Sind das die Köpfe der "Thai-Connection"?

Hanau. Dieses Staatsanwalt-Duo hat einen langen Atem: Kathrin Rudelt und Tobias Wolff tragen über vier Stunden die Anklage gegen die mutmaßlichen Köpfe der „Thai-Connection“ vor. Menschenhandel, Ausbeutung, Zwangsprostitution, Zuhälterei sowie die Hinterziehung von Steuern und Sozialabgaben lauten die massiven Vorwürfe.

Von Thorsten Becker

Die Staatsanwälte Rudelt von der Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt und Wolff von der Hanauer Staatsanwaltschaft haben der 5. Großen Strafkammer am Hanauer Landgericht die insgesamt 228 Seiten umfassende Anklageschrift vorgelegt.

An diesem Tag müssen sie aber nur 78 Seiten vorlesen. Eigentlich ist es dabei vor Gericht üblich, dies im Stehen vorzutragen, doch der Vorsitzende Richter Andreas Weiß hat ein Einsehen: „Sie dürfen im Sitzen vortragen.“ So werden nur die Stimmbänder strapaziert.

Rudelt und Wolff haben sich gut vorbereitet, wie ein Duett teilen sie sich den Anklagemarathon, sprechen die zahlreichen, komplizierten thailändischen Namen aber sehr gut aus. Und sie haben vorgesorgt, wie eine kleine Pillenpackung beweist. „Das ist Isländisch Moos – für alle Fälle. Das teilen wir uns auch“, erklärt die Staatsanwältin das Mittel gegen Husten und Heiserkeit.

Doch beide werden nicht müde, den Angeklagten, vier thailändischen Frauen und einem deutschen Mann, Punkt für Punkt vorzuhalten – insgesamt über 300 Fälle.

Vor allem beschuldigen sie die 60-jährige Daeng B., zusammen mit Martin J. das internationale Netzwerk geleitet und dabei mindestens 39 Frauen und Transsexuelle (sogenannte Ladyboys) eingeschleust und in ganz Deutschland in Bordellen zur Prostitution gezwungen zu haben, darunter „Massage-Salons“ wie das „Sunthai“ an der Wilhelm-Röntgen-Straße 22 in Maintal-Dörnigheim, das von zwei mitangeklagten Schwestern betrieben worden sein soll.

„Die Frauen und Transsexuellen mussten dort ihre angeblichen Schulden abarbeiten, meist Beträge zwischen 15 000 und 23 000 Euro“, so Rudelt. Dabei sei „psychischer Druck ausgeübt worden“. So seien in mehreren Fällen Gerüchte gestreut worden: Wer sich nicht fügt, wird getötet. So sei eine Frau angeblich „umgebracht und eingemauert worden“.

„Drohkulissen“ aufgebaut

Einem Transsexuellen soll die 60-Jährige gedroht haben, es „werden nur noch Knochen“ von ihm übrig bleiben. So seien die Prostituierten auch zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr und anderen Praktiken gezwungen worden. Ebenso sei in einem Fall das Essen verweigert worden.

D. habe den Spitznamen „Mae“ getragen, was übersetzt „Mutter“ bedeutet. Sie soll von Siegen aus die Fäden in der Hand gehalten, immer wieder „Drohkulissen“ aufgebaut haben.

Apropos Namen: Sämtliche Frauen und Transsexuelle seien unter „Arbeitsnamen“ vermarktet worden, die Wolff und Rudelt nennen: Anita, Tanja, Michelle, Candy sind nur einige davon.

Wie gezielt das Netzwerk der „Thai-Connection“ vorgegangen sein soll, zeigt sich bei den Einschleusungen. Und es zeigt, dass die Grenzkontrollen offenbar Mängel haben. Denn die Frauen und Transsexuellen sind meist über die Schweiz, Frankreich oder Italien nach Deutschland gebracht worden. Dabei seien erschlichene Touristen-Visa der verschiedenen Staaten genutzt worden.

Deutschlandweit bislang größte Bordell-Razzia

Nach den ersten 40 Minuten ist eine erste Pause nötig. Die vier thailändischen Dolmetscher kommen mit dem Übersetzen nicht nach. Auch zur Mittagszeit legt die Kammer eine Pause ein und unterbricht die Verhandlung – selbst einige Anwälte wirken bereits erschöpft.

Zeit zum Durchschnaufen für die beiden Ankläger und alle anderen Beteiligten, denn der Landgerichtssaal erreicht an diesem Tag seine Kapazitätsgrenze. Fünf Angeklagte mit insgesamt elf Verteidigern sitzen auf der einen, zwei Staatsanwälte sowie drei Rechtsanwältinnen der Nebenklage auf der anderen Seite.

Hinzu kommen die Dolmetscher und die Wachtmeister in Gruppenstärke, denn alle fünf Angeklagten werden in Handschellen vorgeführt – beobachtet von einem Großaufgebote der Medien, denn der Prozess in Hanau ist dasErgebnis der deutschlandweit bislang größten Bordell-Razzia, an der sich im April vergangenen Jahres rund 1500 Polizisten und Zöllner beteiligt hatten.

Diplomaten im Zuschauerraum

Über alldem thront die Richterbank, die ebenfalls personell verstärkt wurde. Neben dem Vorsitzenden und beiden Richterinnen am Landgericht sind offiziell zwei Schöffen sowie zwei Ersatzschöffen aufgeboten.

Doch neben den Juristen sitzen an diesem Morgen sogar Diplomaten im beengten Zuschauerraum. Es sind Mitarbeiter des thailändischen Generalkonsulats in Frankfurt. „Wir beobachten den Prozess, weil das auch in unserem Land ein sehr interessanter Fall ist“, sagt einer der Konsulatsmitarbeiter. Sein Land habe großes Interesse daran, „den Menschenhandel zu stoppen“.

Nach der Mittagspause geht es dann für das Anklägerduo weiter. Und nun zeigt sich, dass die Generalstaatsanwaltschaft der organisierten Rotlichtkriminalität mit allen verfügbaren Mitteln zu Leibe rücken will.

Ging es um Millionen?

Neben den schweren Straftaten werden vor allem D. und J. auch die Hinterziehung von Sozialbeiträgen (1,7 Millionen Euro) sowie Gewerbe- und Umsatzsteuer (2,7 Millionen Euro) vorgeworfen.

Und so geht das Vorlesen munter weiter, jeder einzelne Fall muss benannt werden. Schier endlose Zahlenkolonnen werden von Rudelt und Wolff vorgetragen. Kurios: Selbst die Profite aus dem illegalen Einschleusen der Prostituierten werden als Einkommen angesehen und seien zu versteuern gewesen.

Nach rund vier Stunden Netto-Redezeit können die beiden Ankläger ihre Stimmbänder schonen. Als die Anklage verlesen ist, wird schnell klar, dass dieser Prozess nicht an wenigen Tagen beendet sein wird. Die 5. Große Strafkammer hat bereits 41 weitere Verhandlungstage – bis kurz vor Weihnachten – anberaumt.

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