Tatort Philippsruher Allee: Das Hanauer Landgericht hat am Freitag den Schwurgerichtsprozess gegen einen 33-jährigen Mann eröffnet, der im September 2013 zwischen der Bushaltestelle an der Friedenskirche und der Mittelstraße eine Frau brutal attackiert hat.  
+
Tatort Philippsruher Allee: Das Hanauer Landgericht hat am Freitag den Schwurgerichtsprozess gegen einen 33-jährigen Mann eröffnet, der im September 2013 zwischen der Bushaltestelle an der Friedenskirche und der Mittelstraße eine Frau brutal attackiert hat.  

AUS DEM GERICHT

Prozess um versuchten Mord in Hanau - Angeklagter gesteht brutale Attacke auf Frau

  • Thorsten Becker
    VonThorsten Becker
    schließen

Viele Jahre rätselten Hanauer Kripo und das Landeskriminalamt: Jetzt ist der mysteriöse überfall im September 2013 auf eine 25-jährige Frau an der Philippsruhe Allee offenbar geklärt. Ein 33-Jähriger hat vor dem Hanauer Schwurgericht ein Geständnis abgelegt.

Hanau – Mehr als acht Jahre nach der grauenvollen Attacke auf eine junge Frau an der Philippsruher Allee hat der Prozess gegen einen 33-jährigen Hanauer vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts begonnen. Die fünf Richter unter Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel dürften kaum Schwierigkeiten haben, den Täter zu überführen. Denn der Mann, der seit Freitag auf der Anklagebank sitzt, legt bereits zum Auftakt der Verhandlung ein umfassendes Geständnis ab. Nur das Motiv scheint weiterhin sehr mysteriös.

Hanau: Staatsanwältin erhebt Anklage wegen Mordversuchs aus Heimtücke

Die Vorwürfe sind schwerwiegend: „Der Angeklagte hat das Opfer aus nichtigem Grund angegriffen und ihr von hinten dreimal mit einer Kurzhantelstange auf den Kopf geschlagen“, fasst Juliane Thierbach das schreckliche Geschehen vom Abend des 15. September 2013 zusammen. Kurz nach 22 Uhr sei die Frau in Höhe der Bushaltestelle Friedenskirche auf dem Heimweg gewesen, als sie vom Angeklagten angegriffen wurde. Die Staatsanwältin stuft das Verbrechen als versuchten Mord aus Heimtücke ein.

Die Anklägerin nennt auch die fürchterlichen Folgen für junge Rechtsreferendarin, die bei der Hanauer Justiz in Ausbildung war. „Das Opfer trug lebensgefährliche Frakturen am Schädel davon und befand sich mehrere Monate im Krankenstand.“ Es hätte wohl noch schlimmer gekommen können, denn nach dem Stand der Ermittlungen soll der damals 25-Jährige sein Opfer anschließend in Richtung Mittelstraße getragen haben. Doch zwei aufmerksame Zeugen, die einen Schrei gehört hatten, eilen zum Tatort – der zunächst Unbekannte flüchtet ins Dunkel der Nacht.

Frau in Hanau-Kesselstadt auf offener Straße mit Hantelstange lebensgefährlich verletzt

Die Kriminalpolizei sichert zahlreiche Spuren und die Tatwaffe, die 1,7 Kilogramm schwere Metallstange. Fieberhaft sucht die Kriminalpolizei nach Hinweisen. Doch es gibt weder Motiv noch einen dringenden Tatverdacht, eine DNA-Reihentestung führt nur dazu, dass Unschuldige festgestellt werden. Selbst die Ausstrahlung des Falls im Jahr 2015 in der ZDF-Fahndungssendung „Aktenzeichen XY . . .“ bringt keine entscheidende Hinweise. Mit einem großen Transparent am Tatort bittet das Landeskriminalamt mögliche Zeugen, sich zu melden – ohne Erfolg.

Im Frühjahr dieses Jahres wendet sich das Blatt. Die Computersysteme der Ermittlungsbehörden melden einen „DNA-Treffer“. Genetische Spuren vom Tatort sollen mit denen von Benjamin F. übereinstimmen. Nach weiteren Ermittlungen stellt das Amtsgericht Hanau einen Haftbefehl aus. Der Hanauer wird am 14. April von einem Spezialeinsatzkommando in München verhaftet (wir berichteten). Dort hatte sich F. freiwillig in einer Therapieeinrichtung aufgehalten.

Sofort nach der Festnahme im April gesteht F. den Ermittlern in Hanau das Verbrechen in den ersten Vernehmungen und rekonstruiert das Geschehen für die Ermittler freiwillig. Es gibt kaum noch Zweifel an der Täterschaft. Rund zehn Tage vor der Tat wird er aus einer Klinik entlassen, weil er nach langjähriger Drogen- und Alkoholabhängigkeit wieder einen Rückfall erleidet. Dann kommt es zu dem plötzlichen Angriff. „Mein Mandant will auf jeden Fall ein Geständnis ablegen“, kündigt sein Verteidiger Dr. Hans-Jürgen Kost-Stenger an. Und so kommt es auch. Jetzt, auf der Anklagebank, bezeichnet sich F. nach einem halben Jahr Untersuchungshaft als „abstinent und drogenfrei.“

Völlig offen ist derweil die Frage nach dem Motiv. Warum hat F. die Frau an der viel befahrenen und im Bereich rund um die Friedenskriche belebten Phillipsruher Allee angegriffen? Er hat keine Antwort darauf: „Ich frage mich bis heute, was der Auslöser war.“

Motiv für den brutalen Angriff bleibt weiterhin mysteriös

Am ersten Verhandlungstag beschäftigt sich die Kammer daher zunächst ausführlich mit dem Leben des Angeklagten, der zunächst Konditorlehrling war und sich dann mit Jobs durchs Leben schlug. Mehrfach begibt er sich freiwillig in Therapie, dann wird er bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt. Die Schwurgerichtskammer hat zunächst bis Mitte Dezember drei weitere Verhandlungstage anberaumt. Der Prozess wird im Dezember fortgesetzt. (Von Thorsten Becker )

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema