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Sylvia D. wird vorgeworfen, einen Jungen ermordet zu haben.

Grund ist nicht die Corona-Pandemie

Kindermord-Prozess geht erst im Mai weiter

  • Thorsten Becker
    vonThorsten Becker
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Der spektakuläre Prozess vor dem Hanauer Landgericht gegen die mutmaßliche Sektenanführerin Sylvia D. muss weiter pausieren. Wie bekannt wurde, ist der zunächst für den morgigen Freitag anberaumte 15. Verhandlungstag von der 1. Schwurgerichtskammer aufgehoben worden.

Grund dafür ist ein Krankheitsfall, der jedoch nicht mit der Corona-Pandemie in Verbindung steht. Wie berichtet, muss sich D. seit Oktober 2019 wegen Mordes verantworten. Sie soll am 18. August 1988 den damals vierjährigen Jan H. in einen Leinensack gepackt und das Kind seinem Schicksal überlassen haben. Das Kind soll an Erbrochenem erstickt sein. Mord aus niedrigen Beweggründen und Grausamkeit lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft Hanau.

Zeugen aus der Gemeinschaft haben zum Teil Angeklagte entlastet

Bislang haben zahlreiche Zeugen aus dem inneren Zirkel der obskuren Gemeinschaft ausgesagt, die zum Teil immer noch daran glauben, dass D. direkt von Gott Befehle und Hinweise bekommt und diese durch „Briefe“ an ihre „Anhänger“ weiterleitet. Das haben zumindest die Eltern des getöteten Jungen sowie andere Mitglieder der Gemeinschaft als Zeugen behauptet. Ihre übereinstimmenden Aussagen: Der kleine Jan sei „von Gott geholt“ worden.

 In den angeblichen „Briefen“ sowie Tagebucheinträgen, die vor Gericht mehrfach verlesen worden sind, wird der Vierjährige von den Sektenmitgliedern als „Schwein“ und „Reinkarnation Hitlers“ bezeichnet. Der kleine Bub sei von „den Dunklen“ besessen gewesen.

Kinder erheben schwere Vorwürfe

Ganz anders die leiblichen sowie adoptierten Kinder von D., die in ihren Aussagen schwerste Vorwürfe gegen ihre Mutter erhoben haben. Von schweren psychischen und körperlichen Übergriffen ist dabei die Rede gewesen, Kinder sollen in selbst genähte Leinensäcke gesteckt worden sein, um sie ruhigzustellen. Ausführlich berichteten die Zeugen über Misshandlungen, Vernachlässigungen, Schläge, übelste Beschimpfungen, Erniedrigungen, bis hin zur Isolation.

 Zuletzt hatte die Schwurgerichtskammer am 11. Februar verhandelt und dabei mit der Vernehmung der Zeugin E. begonnen. Die 61-Jährige hatte krampfhaft versucht, die Angeklagte in ein gutes Licht zu rücken und von einer „Rufmordkampagne“ gegen die Gemeinschaft sowie die gemeinsame Medienfirma A. gesprochen. Die Söhne beider Familien hätten sich gegen Sekte und Unternehmen „verschworen“.

Unterbrechung darf höchstens zwei Monate dauern

Die Vernehmung von E. hätte nun fortgesetzt werden sollen. Doch wegen des Krankheitsfalls waren die Termine zunächst aufgehoben worden. Gemäß Strafprozessordnung ist eine Unterbrechung der Hauptverhandlung, die bereits länger als zehn Prozesstage dauert, in einem solchen Fall „längstens für zwei Monate“ seit der Hemmung möglich. 

Inwiefern nun auch eine weitere Verschiebung wegen der Corona-Pandemie hinzukommen könnte, ist bislang offenbar noch kein Thema. Der Bundestag hatte erst in der vergangenen Woche ein entsprechendes Gesetz erlassen, wonach Prozesse aus Gründen des Infektionsschutzes auch bis zu drei Monaten pausieren dürfen.

Sonderregelung wegen Corona-Krise möglich

Angesichts des Alters einiger Beteiligter im Kindermord-Prozess könnte diese Regelung ebenfalls angewendet werden, um Gesundheitsgefahren auszuschließen. Zunächst werde die Möglichkeit geprüft, einen neuen Verhandlungstermin „im Mai“ anzuberaumen, verlautete aus Justizkreisen. Ohnehin hatte das Gericht den ursprünglich auf zehn Verhandlungstage angesetzten Prozess bereits deutlich ausgeweitet und bis in den August hinein terminiert, weil noch zahlreiche Zeugen vernommen werden wollen.

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