Wie Justitia am Ende entscheiden wird, das kann bisher noch niemand beantworten. Archivfoto: Thorsten Becker

Hanau

Prozess um Messerangriff: Gutachten der Rechtsmedizin vorgestellt

Hanau. „Das ist kein Spiel, wir reden hier womöglich von einer lebenslangen Freiheitsstrafe für den Angeklagten“, ermahnt der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück den Nebenkläger und die Frau des Angeklagten gleich zu Beginn des zweiten Verhandlungstages.

Von Nicolas Obst

Im Prozess um die Messerattacke vom 18. März an der Röntgenstraße sind die beiden Zeugen vermehrt durch Aussagen aufgefallen, die aus Sicht der Richter wohl nicht ganz der Wahrheit entsprechen.

Die Frau des Angeklagten berichtet an diesem Donnerstagmorgen, dass sie nach dem ersten Verhandlungstag vom Nebenkläger kontaktiert worden sei. Dieser hätte sie beschuldigt, schlecht ausgesagt zu haben. Weil der Nebenkläger am ersten Verhandlungstag mehrmals versichert hatte, unter keinen Umständen Kontakt zur Frau des Angeklagten zu halten, werden an diesem Donnerstagmorgen erstmal Chatverläufe durchforstet, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Gutachten der Rechtsmedizinerin

Doch schnell tritt Ernüchterung ein. Durch Geheimchats auf dem Messengerdienst „Viber“, bei dem geschriebene Nachrichten wohl nach kurzer Zeit automatisch gelöscht werden, kann nicht geklärt werden, ob es wirklich zu einem Kontakt zwischen den beiden kam: „Immer dann, wenn es spannend wird, werden hier Nachrichten weggelöscht“, ärgert sich Richter Graßmück. Letztlich wird dieser Nebenschauplatz, der mit der Tat vom 18. März dieses Jahres an sich überhaupt nichts zu tun hat, ergebnisoffen geschlossen.

Denn viel wichtiger an diesem zweiten Verhandlungstag ist das Gutachten der Rechtsmedizinerin Stefanie Plenzig. Noch ist nämlich nicht geklärt, wie schwer das Opfer in der Tatnacht verletzt wurde. Zudem steht nach wie vor die Frage im Raum, ob der Angeklagte Hakan Y. wirklich mit voller Tötungsabsicht auf sein Opfer einstach oder ob die Wunden durch ein lockeres Gefuchtel mit dem Messer ohne Absicht entstanden.

Notoperation

Plenzig erklärt, dass durch die Messerstiche zwei Nerven, sowie die Muskulatur im Arm des Opfers durchtrennt wurden. Außerdem wurde eine Schlagader getroffen, deshalb verlor das Opfer sehr schnell Blut. Hätte der Notarzt die Wunde nicht zügig mit einem Druckverband behandelt, wäre von einer akuten Lebensgefahr die Rede. In der Notaufnahme des Klinikums Hanau wurde sofort eine Notoperation eingeleitet.

Der Notarzt schätzte den Blutverlust direkt nach der Tat auf rund einen Liter. Plenzig kommt zum Ergebnis, dass die Version des Angeklagten, wonach er mit dem Messer rumgefuchtelt und dabei das Opfer aus Versehen getroffen habe, eher nicht nachvollziehbar sei. Die Stichverletzungen wären nur durch eine gewisse Wucht und Kraftaufwand möglich.

Zeuge im Türkeiurlaub

Zudem hatte das Opfer einen dicken Parka und ein Sweatshirt an. Unklar bleibt weiterhin, ob das Messer ganz durch den Arm gestochen wurde, da es zwei Wunden am Arm des Opfers gibt. Genaueres soll ein Experte aus dem Klinikum am 10. September, dem dritten Verhandlungstag klären. Besonders die Frage, wie lange das Opfer in Zukunft eingeschränkt sein wird und ob eine vollständige Heilung überhaupt möglich ist, soll am nächsten Termin erläutert werden.

Ohnehin wird der Prozess um zwei Verhandlungstage erweitert, denn ein geladener Zeuge verweilt aktuell im Türkeiurlaub und ist bislang trotz Ladung nicht erschienen. So bleiben weiterhin einige Fragen offen, obgleich das Gutachten von Rechtsmedizinerin Plenzig an der Version des Angeklagten ernsthafte Zweifel zulässt.

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