Symbolbild: Thorsten Becker

Hanau

Prozess um Messerangriff: Chirurg erklärt die Heilungschancen

Hanau. Ein Facharzt für Unfallchirurgie soll am dritten Verhandlungstag im Prozess um die Messerattacke in der Röntgenstraße neue Erkenntnisse bringen. Nach wie vor ist unklar, wie lange das Opfer mit den massiven Einschränkungen, die es durch die Messerstiche in seinen Arm erlitten hat, leben muss.

Von Nicolas Obst

Im Raum steht außerdem die Frage, ob eine Heilung überhaupt möglich sei. Bevor der Chirurg in den Zeugenstand gerufen wird, berichtet an diesem Dienstagnachmittag aber zunächst ein Polizeibeamter von seinen Beobachtungen im Zusammenhang mit der Tat.

Der Polizist hatte das Opfer einige Tage nach der Messerattacke vernommen. Seinem Eindruck nach seien die Aussagen des Opfers verständlich gewesen, er hätte keinen Zweifel am beschriebenen Tathergang gehabt. Gegenüber der Polizei hatte das Opfer die Tat fast genauso geschildert wie später vor dem Gericht. Nur in der Frage, ob das Opfer den Angeklagten mit zwei Händen auf Distanz gehalten hatte oder sogar an einem Arm gepackt habe, stimmen die Aussagen des Opfers in der Vernehmung mit denen vor Gericht nicht überein.

Notoperation anatomisch erfolgreich

Doch an dieser vergleichsweise kleinen Unstimmigkeit hält sich das Gericht rund um den Vorsitzenden Richter Dr. Peter Graßmück nicht lange auf. Facharzt Dr. Klemens Braun vom Klinikum Hanau beginnt im Zeugenstand von den festgestellten Verletzungen in der Tatnacht zu sprechen. Genau wie die Rechtsmedizinerin Stefanie Plenzig, die am letzten Verhandlungstag ihr Gutachten vorgestellt hatte, spricht der Chirurg von zwei durchtrennten Nerven im Arm des Opfers. Zudem seien mehrere Beugemuskeln durchtrennt worden.

Die Notoperation noch in der Tatnacht sei anatomisch erfolgreich abgelaufen, erklärt der Mediziner. Genaueres zur Heilung könne man jetzt, zirka ein halbes Jahr nach dem Vorfall, aber noch nicht sagen. Dazu sei auf jeden Fall eine neurologische Untersuchung notwendig. Etliche Fingerfunktionen sind nicht mehr möglich, die Sensibilität des Arms ist verloren, genau wie die Bewegungsfunktion der Finger, so der Chirurg. „Eine 100-prozentige Regeneration wird nicht erfolgen“, resümiert er. Gegebenenfalls steht noch eine weitere Operation bevor, sagt der Facharzt.

12 000 Euro gefordert

Möglicherweise könne das Opfer aber in Zukunft wieder seiner Arbeit als Lagerist nachgehen. Noch kann das Opfer nicht arbeiten, die Kraft in der Hand fehlt nach wie vor komplett, eine erkennbare Besserung ist bis heute nicht eingetreten.

Auch deshalb fordert der Anwalt des Opfers eine Zahlung von mindestens 12 000 Euro vom Angeklagten. Ob, der Beschuldigte Hakan Y. überhaupt so viel Geld habe, wird am Ende dieses Prozesstages erfragt. Über den Dolmetscher erklärt Hakan Y., dass er durch seine Tätigkeit als Friseur in Frankfurt am Main 600 Euro im Monat verdiene. Zusätzlich kommen noch rund 400 bis 500 Euro Trinkgeld, heißt es. Er würde lediglich drei Stunden pro Tag arbeiten.

Prozess geht am Mittwoch weiter

„Was machen Sie denn am restlichen Tag?“, fragt der Vorsitzende Richter Dr. Graßmück. Immerhin hatte die Frau von Hakan Y. am ersten Verhandlungstag berichtet, dass er von morgens bis spätabends in Frankfurt arbeiten würde. Die restliche Zeit des Tages verbringe er in Cafés oder mit Freunden, lässt der Angeklagte über den Dolmetscher verlauten.

„Wir haben hier von allen beteiligten Seiten schon wirklich komische Dinge gehört“, kommentiert Richter Graßmück die Aussagen des Angeklagten und vertagt die Verhandlungen auf kommende Woche Mittwoch.

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