Der Angeklagte (im Bild ganz rechts) soll sein Opfer als Geisel genommen und dabei erheblich verletzt haben. Foto: Rainer Habermann

Hanau

Prozess um Geiselnahme nimmt Fahrt auf - das Opfer sagt aus

Hanau. Gestern war der erste, konkrete Prozesstag im Verfahren gegen den zur Tatzeit 33-jährigen Roman R. wegen Geiselnahme und Körperverletzung an seiner früheren Schwägerin und späteren Lebensgefährtin vor der 2. Schwurgerichtskammer des Hanauer Landgerichts.

Von Rainer Habermann

Den Vorsitz führt Richterin und Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel.

Das Opfer sagte aus, eine 36-Jährige, die in Begleitung ihres Rechtsanwalts Angelo Bologna als Nebenklägervertreter auf dem Zeugenstuhl Platz und kein Blatt vor den Mund nahm. Zuvor hatte allerdings die neue Verteidigerin des Angeklagten, die Frankfurter Fachanwältin für Strafrecht Olivia Ulbrich, wieder für etwas Furore im Gerichtssaal gesorgt, weil sie ein „Rechtsgespräch“ vor Verhandlungsbeginn anregte: wegen der „schwierigen verwandtschaftlichen Verhältnisse“ ihres Mandanten. Bei Wetzel erntete sie damit „Verblüffung“. Bei der angeklagten Tat gehe es um einen Mindeststrafrahmen von fünf Jahren, meinte die Richterin. Und der Prozess solle doch gerade auch diese Familienverhältnisse etwas erhellen.

Zur Orientierung: Die angeklagte Geiselfahrt, bei der das Opfer von ihm nicht unerheblich verletzt wurde, sollte Roman angeblich dazu dienen, den Aufenthaltsort seiner Schwester herauszufinden. Weil er angeblich mit ihr habe reden wollen, sie aber nicht mit ihm. Oder doch? Damit sind wir mitten in der Problematik dieses Falles, denn alles spielt sich in einem Umfeld ab, das man durchaus als etwas kurios bezeichnen kann. Wie ebenso die Begleitumstände des Prozesses zu Beginn, der an den beiden ersten Prozesstagen lediglich von der Verlesung der Anklageschrift durch Staatsanwältin Sarah Lehmann und einem Verteidigerwechsel geprägt war (wir berichteten).

Opfer sagt ausführlich über den Tattag aus

Das Opfer nun, eine 36-jährige Hausfrau, die mit dem Bruder des Angeklagten verheiratet war und zwei Kinder mit diesem hat, fünf und zehn Jahre alt, berichtete in aller Ausführlichkeit und vielen Details von jenem Abend des 13. Januar 2019, dem Tattag. Allerdings in einer Art „Slang“, der teilweise kaum verständlich wart; auch Wetzel hatte manchmal Mühe, der Zeugin zu folgen. Sie sei von Romeo regelrecht vermöbelt worden, zweimal. Erst in ihrer Wohnung und dann auf der Fahrt nach Bad Orb, wo Romans Mutter lebt. Und später auch wieder auf der Rückfahrt, die aber nicht in Hanau endete, sondern bei Nieder-Olm in Rheinland-Pfalz. Dort wurde der Wagen, den sie lenken musste, von der Polizei gestoppt, die weitere Zeugen zuvor alarmiert hatten.

Die Hausfrau trug Hämatome und Prellungen davon, wie eine Untersuchung in einer Mainzer Klinik am nächsten Morgen bestätigte. Außerdem sei sie vom Angeklagten mit einem Messer bedroht worden, das sie ihm in der Wohnung hätte aus der Küche besorgen müssen, und das er zwischenzeitlich im Kofferraum verstaut, aber in Bad Orb wieder hervorgeholt habe. „Wenn uns jetzt die Polizei anhält, kriegst du das Messer quer durchs Gesicht. Ich habe schon einen Haftbefehl“, habe Roman ihr gedroht. Schläge und Tritte bereits in der Wohnung, ein Hundehalsband, das sie plötzlich um den Hals gespürt habe, das aber nicht zugezogen wurde: In seiner mehr als einstündigen Aussage schildert das Tatopfer etliche Details, bei denen auch die Mutter des Angeklagten schlecht wegkommt. Diese habe – auf ihre Bitte um Hilfe hin – sich lediglich passiv verhalten, „nach dem Motto: Er hat ja Recht“.

Wie ist die Motivlage?

Wie ist die Motivlage in der ganzen Angelegenheit? Auf eine gewisse Spur könnte das Gericht die Tatsache bringen, dass beide, die Hausfrau wie auch Roman, ihre Beziehung vor allem vor dem Bruder und Ex-Mann geheim halten wollten. „Tschechische Zigeuner machen sowas nicht, was mit dem Bruder des Vaters meiner Kinder anfangen, auch nicht nach zwei Jahren“, sagt sie an einer Stelle wörtlich. Und ob die Schwester tatsächlich mit ihrem Bruder Roman nicht reden wollte, und warum: Das fragte zwar auch die Verteidigerin Romans, der es im Übrigen vorzieht, zu schweigen.

Das tut allerdings auch seine Schwester: Als Zeugin geladen, macht sie von ihrem Aussageverweigerungsrecht für Angehörige Gebrauch. Sie soll angeblich „immer Geld gehabt haben“, so das Opfer. Und Roman habe wohl vermutet, dass sie dieses Geld mit „Anschaffen“ verdient.

Er habe seiner Schwester sogar „Hanau-Verbot“ erteilt, woraufhin die sich einen anderen, ihrem Bruder nun unbekannten Aufenthaltsort besorgt hatte. Ob es tatsächlich um so etwas wie „Familienehre“ geht, bei diesem Fall: Das wird (vielleicht) der weitere Prozessverlauf etwas aufhellen. Oder auch nicht.

Der Prozess wird fortgesetzt am Donnerstag, 13. Juni, um 9.30 Uhr im Saal A215 des Landgerichts.

Der FallAm 13. Januar 2019soll der Angeklagte Roman R. seine Lebensgefährtin und frühere Schwägerin als Geisel genommen und erheblich verletzt haben, um dadurch den Aufenthaltsort seiner Schwester zu erfahren. Die Geiselfahrt wird von der Polizei gestoppt, R. verhaftet.20. Mai 2019: Der Prozess beginnt vor der 2. Schwurgerichtskammer des Landgerichts Hanau unter Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel. Die Anklage auf Geiselnahme und Körperverletzung wird vertreten von Staatsanwältin Sarah Lehmann.22. Mai 2019: Der Angeklagte verlangt einen neuen Pflichtverteidiger. Rechtsanwalt Dr. Andreas Bensch wechselt die Robe mit Rechtsanwältin Olivia Ulbrich.6. Juni 2019: Das Opfer sowie weitere Zeugen sagen aus. Der Angeklagte schweigt. Die Schwester des Angeklagten, um die es bei der Tat ging (der Angeklagte wollte ihren Aufenthaltsort erfahren), macht von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.rh

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