Überlebenspaket für den bekennenden Bildungsoptimisten und Aufklärungsenthusiasten Professor Bernhard Pörksen: Der Tübinger Medienwissenschaftler nimmt aus der Hand von Stadtverordnetenvorsteherin Beate Funck und Oberbürgermeister Claus Kaminsky ein Paket mit Apfelwein entgegen. Dessen Genuss wird, wie Pörksen betont, für ihn eine neue Erfahrung sein. Foto: Degen-Peters

Hanau

Professor Bernhard Pörksen klärt in Sachen Medien auf

Hanau. Von der resignativen Aussage „Wir leben in einem postfaktischen Zeitalter“ hält Professor Bernhard Pörksen nichts. Der Medienwissenschaftler von der Universität Tübingen überzeugte seine Zuhörer beim Jahresempfang der Stadt Hanau.

Von Jutta Degen-Peters

Man könne die negativen Auswüchse der medialen Kommunikation über die sozialen Netzwerke mit einem (selbst-)kritischen Bewusstsein, aufmerksameren Umgang und einem Schulfach Medienpraxis in den Griff bekommen.

"Professor des Jahres 2008"

Warum Pörksen 2008 zum „Professor des Jahres“ gewählt wurde, davon konnten sich über 400 Besucher aus Politik und Kirche, Wirtschaft, Sozialwesen und Ehrenamt selbst überzeugen. Gleich zu Beginn seines Vortrags machte er klar, wie gewaltig die „Macht der Lüge“ ist. Der Hurrikan Irma, so erklärte er, habe 2007 in Palm Beach, Florida, viele Menschen geschädigt, die dem bekannten US-Radiomoderator, Trumpfreund und Klimawandel-Leugner Rush Limbaud geglaubt hatten. Der habe in seiner Sendung betont, der bevorstehende Hurrikan sei von den Liberalen herbeifantasiert und viel harmloser als prophezeit. Wer sich davon überzeugen ließ, blieb auf der Strecke, Bestes Beispiel für „Wetter-Fake-News“.

Laut Pörksen gab es auch früher kein „goldenes Zeitalter der Wahrhaftigkeit“. Wer von einem postfaktischen Zeitalter spreche, habe bereits aufgegeben, ist der Medienwissenschaftler überzeugt. Zu einer Zeit tektonischer Verschiebungen der Informationsarchitektur gehe es aber darum, der tiefgreifenden Öffnung des kommunikativen Raumes etwas entgegenzusetzen.Sechs Trend-Diagnosen zu Öffentlichkeit und der Verbreitung von Nachrichten, die der Medienprofessor mitgebracht hatte, sollten den Zuhörern zu denken geben:

1. Die neuen Medien sorgen für eine neue Geschwindigkeit. Dank Facebook, Twitter und Whatsapp würden Live-Geschehnisse und Fotos vom anderen Ende der Welt ruckzuck durchgestochen. Dieses Tempo setze die herkömmlichen Medien unter Druck. Der Grundkonflikt zwischen Schnelligkeit und Genauigkeit habe sich in neuer Schärfe aktualisiert.

2. Es gibt eine neue erlebbare Ungewissheit, sagt der „Aufklärungs-Enthusisast“. Der Amoklauf in München mit neun Toten vom Juli 2016, der fast live im Netz erschien, habe unzählige Tweets und Reaktionen ausgelöst. Gerüchte und Falschmeldungen brachen sich Bahn und sorgten für Panik in anderen Teilen der Stadt. Schließlich sei der Eindruck entstanden, die ganze Stadt sei in der Hand von Terroristen. Der alte Satz, mehr Informationen machten den Bürger mündiger, sei hier ins Gegenteil verkehrt worden.

3. Neue Anreize führten zur Orientierung am Extrem und am Hype. Heute lasse sich in Echtzeit messen, was am meisten interessiere, welche Artikel am häufigsten geklickt würden. „Die Echtzeitexperten verändern das kommunikative Klima“, lautet Pörksens Botschaft.

4. Neue Manipulationsmöglichkeiten gefährden die demokratische Basis der medialen Welt. Jeder könne überall mitmischen, Videobeweise ließen sich fälschen, Nachrichten zielgruppengesteuert zustellen.

5. Neue Verarbeitungsdanymiken sorgen dafür, dass wir nicht wissen, was andere von uns denken. Dies belegte Pörksen mit dem Beispiel des Modedesigners Tommy Hilfiger, über den von 1996 bis 2003 digitale Kettenbriefe kursierten. Hilfiger, ein Mann mit Einfluss, Geld und guten Anwälten, habe 15 Jahre gebraucht, um Gerüchte über seine angeblich rassistische Aussage zu entkräften. Im Netz war behauptetworden, Hilfiger habe in einer Talkshow von Oprah Winfrey gesagt, er hätte sich weniger Mühe bei der Entwicklung seiner Labels gegeben, wenn er gewusst hätte, dass die Mode hauptsächlich von Schwarzen und Latinos getragen werde.

6. Die neue Sichtbarkeit fordere ihren Tribut. Diese Aussage verdeutlichte Pörksen am Beispiel des Schwächeanfalls, den Hillary Clinton bei der Gedenkfeier für die Toten des 11. September 2001 erlitten hatte. Ein Privatmann, der sein Handy zückte, habe die Bilder ins Netz gestellt. „Die Schutzzonen und Reservate der Unsichtbarkeit werden sich weiter verringern“, sagt Pörksen voraus. Einen solchen Schutzraum genossen Politiker früher schon. Der Tübinger nannte das Beispiel von US-Präsident Roosevelt, der an Kinderlähmung litt und die meiste Zeit im Rollstuhl saß, was kaum ein Bürger wusste. Von Roosevelt im Rollstuhl existieren aus seiner Amtszeit zwischen 1933 bis 1945 genau drei Fotos. Der Präsident habe seine Inszenierung der körperlichen Unversehrtheit aufrecht erhalten können, indem er sich vor den Blicken Neugieriger abschirmen ließ. Wer dennoch fotografierte, dem wurden die Filme abgenommen. Die Bevormundung der Menschen in Gestalt von mehr Gesetzen oder Wissenstests vor Wahlen schafften keine Abhilfe, ist Pörksen überzeugt. Er sieht in der Orientierung an Aufklärung und Mündigkeit beim gleichzeitigen Kampf gegen Desinformation eine gigantische Bildungsherausforderung. „Eine Wertedebatte alleine reicht hier nicht aus“, betonte Pörksen.

Zurück zum guten Journalismus

Der „bekennende Bildungs-Optimist“ gab dem Publikum Vorschläge mit auf den Weg, wie man zurückfindet zu den Maximen eines guten Journalismus: prüfen, skeptisch sein, die andere Seite hören und Transparenz beweisen im Umgang mit eigenen Fehlern. Außerdem will Pörksen Medienmündigkeit und -praxis zum Schulfach machen. Journalismus müsse stärker den Dialog suchen, sich öffnen und zeigen, wie Informationsströme kanalisiert würden. „Wir brauchen einen besser organisierten Pakt zwischen Mediengesellschaft und Publikum“, betonte der Autor zahlreicher Bücher und Artikel.

Eine kluge Form der Plattform-Regulierung müsse die Netzbetreiber in die Verantwortung nehmen. Ziel müsse eine große Debatte über das öffentliche Bewusstsein sein. Für seinen Schlusssatz: „Wir müssen medienmündig werden, weil die Öffentlichkeit als geistiger Lebensraum liberaler Demokratie genau jetzt definiert wird“, erhielt Pörksen kaum enden wollenden Beifall.

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