Prozess um einen Plastikbecher: Das Verfahren vor dem Amtsgericht gegen einen Polizeioberkommissar geht weiter. Ein Gutachter des Landeskriminalamts hat am zweiten Verhandlungstag für Verwirrung gesorgt. Symbolfoto: Pixabay

Hanau

Polizist vor Gericht: Gutachten der Flüssigkeit liegt vor

Hanau. Einem Polizeibeamten wird vorgeworfen, er hätte einem Inhaftierten Fäkalienwasser zu trinken gegeben. Besagter Polizist muss sich nun vor Gericht verantworten. Nun liegt das Gutachten der Flüssigkeit vor, die der Insasse zu trinken bekommen haben soll.

Von Thorsten Becker

Es ist ein Anruf aus Wiesbaden, der eine Lawine von internen und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen auslöst. Bei der Flüssigkeit, die aus dem Gewahrsam der Polizeistation am Freiheitsplatz stammt, handele es sich um „eine Mischsubstanz, in der sich auch Urin befindet“. Es liegt der Verdacht nahe, dass das Wasser „aus der Toilette geschöpft“ worden sei. So das Ergebnis aus dem Labor des Hessischen Landeskriminalamts (HLKA). Das Ergebnis stammt aus dem Frühjahr 2018.

Oberstaatsanwältin Sandra Dittmann ist überrascht und nimmt diesen Hinweis sowie das schriftliche Gutachten aus der Landeshauptstadt sehr ernst, denn es könnte sich um eine Körperverletzung im Amt handeln. Polizeioberkommissar B. gerät ins Fadenkreuz seiner eigenen Kollegen.

Gutachten erst vor einem Monat eingetroffen

Er soll einem Gefangenen, der des sexuellen Missbrauchs eines Kindes verdächtigt wird, den Becher mit dem verunreinigten ‧Wasser absichtlich gereicht haben. Zudem werden auf ‧seinem Smart‧phone Whats-App-Nachrichten mit übelsten Ausdrücken über Politikerinnen der Grünen entdeckt – mindestens drei Fälle von Beleidigung.

Am Montag ist es Dr. Wolfgang Dreiseitel, Forensischer Chemiker des HLKA, der innerhalb von wenigen Minuten die Oberstaatsanwältin und alle anderen Prozessbeteiligten überrascht. Er vertritt seinen Kollegen, der inzwischen eine andere Stelle angetreten hat. „Ich habe dieses Gutachten erst vor einem Monat bekommen mit dem Auftrag, es vor Gericht zu vertreten“, sagt er aus.

Gutachter düpiert die Staatsanwaltschaft

Tatsächlich hätten sich in der sichergestellten Flüssigkeit Ammoniumphosphat, Kaliumverbindungen sowie Dimethyldisulfit befunden, und die Substanz habe einen „fäkalienähnlichen Geruch“ gehabt. „Das ist ein Hinweis auf bakteriell verunreinigtes Wasser“, so der 39-jährige Wissenschaftler.

Und dann düpiert der HLKA-Gutachter die Oberstaatsanwältin sowie seinen Kollegen, der das Gutachten erstellt hat, mehrfach. Es könne „kein Rückschluss auf Urin oder Fäkalien geschlossen werden“. Selbst durch Speichel und Essensreste könnten diese Verunreinigungen entstehen, so Dreiseitel, der diese Erkenntnis „nur von der Akte her“ wissen will. Mit dem vorgenommenen Test könne nur der Anteil der Harnsäure im Gemisch analysiert werden.Oberstaatsanwältin Dittmann ist nur kurz sprachlos.

„Grundsätzlich tragen die Kollegen das ein.“

„Das ist etwas ganz anderes, als das, was das HLKA bislang mitgeteilt hat“, stellte sie sichtlich verärgert fest und und hakt nach. Dann fängt der Wissenschaftler plötzlich an, herumzueiern und legt sich in bester Gutachtermanier nicht fest: „Das ist nicht auszuschließen, das kann ich nicht bestätigen.“Strafrichterin Miriam Bärenz belässt es nicht dabei. Die Differenz zwischen dem schriftlichen Gutachten und der Aussage von Dr. Dreiseitel sind offenbar zu groß. Deshalb geht der Prozess in die dritte Runde, dann soll der ursprüngliche Gutachter des Landeskriminalamts, der die Analyse vorgenommen hat, vernommen werden.

Vielleicht kristallisiert sich dann heraus, welche Meinung das HLKA-Labor tatsächlich vor der Justiz vertritt.Außerdem ist die Polizeipräsenz an diesem Verhandlungstag wieder sehr hoch. Zwei Beamte der Station Hanau-Land berichteten, dass sie den Festgenommenen in das Gewahrsam am Freiheitsplatz eingeliefert haben.Bislang ist nicht zu klären, wer den Mann entgegengenommen hat. Auch der Wachhabende in dieser Nachtschicht konnte sich vor Gericht nicht mehr daran erinnern: „Grundsätzlich tragen die Kollegen das ein.“ Aber die Juristen blättern vergeblich in den Kopien des Gewahrsamsbuchs.

WhatsApp-Nachrichten als Beweismittel

Dass es einen Verdacht gibt, in Zelle 6 des Gewahrsams könnte nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein, ist nur Stunden später „das Thema“ am Freiheitsplatz. Auch die Beamten der Nachtschicht ahnen offenbar schnell, dass gegen sie ein Verdacht besteht, denn es sind bereits „Gespräche“ angesetzt worden.

Das geht aus den sichergestellten WhatsApp-Nachrichten hervor, die zwischen B. und einem Kollegen verschickt worden sind. Richterin Bärenz verliest diese Nachrichten, in denen beide den Fall diskutieren. „Reizgas im Wasser“ wird darin vermutet, sogar das Wort „Diszi“ fällt – die Kurzform für Disziplinarverfahren, das die Polizisten nun offenbar befürchten, dem aber betont gelassen entgegensehen.

Und dann ist da ein ominöser WhatsApp-Satz, der wieder den Verdacht nährt, dass in dieser Aprilnacht im Polizeigewahrsam nicht alles ordnungsgemäß gewesen sein könnte: „Hoffe, dass der T. es weggeschüttet hat.“

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