Körperverletzung im Polizeigewahrsam? In einer Zelle am Freiheitsplatz soll ein Gefangener Fäkalienwasser bekommen haben. Ein Oberkommissar muss sich deshalb vor dem Amtsgericht verantworten. Archivfoto: Thorsten Becker

Hanau

Polizist vor Gericht: Fäkalienwasser für Gefangenen zu trinken

Hanau. Wegen schweren Vorwürfen muss sich Polizeioberkommissar B. vor dem Amtsgericht verantworten: Er soll im April vergangenen Jahres im Gewahrsam der Polizeistation Hanau I am Freiheitsplatz „einem Gefangenen mit Fäkalien verunreinigtes Wasser zum Trinken gegeben“ haben. So lautet die Anklage: Körperverletzung im Amt.

Von Thorsten Becker

Dass Ordnungshüter vor Gericht als Zeugen aussagen müssen, ist ein tägliches Bild in der Hanauer Justiz. Dass am Montag aber sämtliche Zeugen Polizisten sind und einer ihrer Kollegen auf der Anklagebank sitzt, ist eher ungewöhnlich.

Es ist Nacht auf der Polizeiwache, S. sitzt in Zelle 6 des Gewahrsamstrakts im Keller. Ihm wird eine Sexualstraftat vorgeworfen, die er bereits gestanden hat. „Ich habe nicht gedacht, dass mir hier etwas passiert“, sagt der Zeuge aus.

Zeuge identifiziert den Angeklagten

In der Nacht habe er noch einmal auf die Toilette gemusst. Es muss so gegen 1 Uhr gewesen sein. Danach habe der Polizist ihn noch angesprochen: „Kann ich Ihnen noch ein Wasser anbieten?“ S. bejahte, wurde dann aber zunächst in der Zelle eingesperrt. „Nach einer Weile öffnete sich die Luke und ich bekam einen Becher Wasser“, so der Zeuge.

Als er ansetzt, habe er sofort einen „beißenden Geschmack“ im Mund gehabt. „Ich habe das sofort wieder ausgespuckt. Ich weiß nicht, was das war. Aber Wasser war das nicht“, sagt S. aus und identifiziert den Angeklagten als denjenigen Beamten, der gefragt und ihm den Becher gegeben haben soll.

Der Becher verschwand

S. klingelt und will den Vorfall melden. „Es hat etwas gedauert, dann kam ein anderer, viel jüngerer Polizist. Ich bat darum, dass der Becher sichergestellt wird und wollte Wasser, um mir den Mund auszuspülen.“

Der Becher mit der zunächst unbekannten Flüssigkeit verschwindet jedoch auf mysteriöse Weise auf Nimmerwiedersehen. Dafür werden ihm zwei neue Becher gereicht, einer davon leer. „Ich habe meinen Mund gespült und in den anderen Becher gespuckt“, gibt S. zu Protokoll, „diesen Becher habe ich in die Ecke gestellt.“

Beschuldigter wurde vin Kollegen mit den Vorwürfen konfrontiert

Was immer in dieser Nacht passiert ist, versucht nun Strafrichterin Miriam Bärenz aufzuklären. Dass sie auf Beweise zurückgreifen kann, liegt offenbar daran, dass der Vorwurf gegen einen der eigenen Kollegen auf der Wache am Freiheitsplatz ganz offenkundig nicht unter den Teppich gekehrt worden ist. Denn als am Morgen die Frühschicht ihren Dienst antritt, wiederholt S. seinen Vorwurf, man haben ihm „irgendwas ins Wasser getan“. Ein 40-jähriger Polizist nimmt daraufhin den verblieben Becher und sichert die Flüssigkeit. Und er meldet den Vorfall an die Vorgesetzten. Flasche und die Vermerke werden auf dem Dienstweg immer weiter nach oben gereicht.

„Wir haben die betroffenen Kollegen zu einem Gespräch gebeten und sie mit den Vorwürfen konfrontiert“, sagt der inzwischen pensionierte Polizeioberrat K., ehemaliger Chef der Polizeistation, aus. Der Oberkommissar habe daraufhin die Aussage verweigert. Und auch das Wachkontrollbuch wird unter die Lupe genommen. „Es muss davon ausgegangen werden, dass er in dieser Nacht im Gewahrsam war“, berichtet K. dem Gericht.

Flüssigkeit wurde analysiert

So landet der Fall zunächst bei Kriminaloberkommissarin S., die interne Ermittlungen einleitet. „Wir haben die Flüssigkeit ins Labor des Landeskriminalamts geschickt.“ Was dann in Wiesbaden analysiert wird, berichtet die Ermittlerin peinlich berührt: „Es hieß, das Wasser sei eine Mischsubstanz, in der sich auch Urin befindet. Das Labor hat berichtet, es könne sich um Wasser handeln, das aus einer Toilette geschöpft wurde.“ Danach übernimmt Oberstaatsanwältin Dittmann die Leitung der Ermittlungen.

Der Angeklagte, der inzwischen an ein anderes Polizeipräsidium versetzt ist und gegen den ein Disziplinarverfahren eingeleitet wurde, schweigt am ersten Prozesstag. Und er ist nicht der einzige. Auch zwei seiner Kollegen aus dieser Nachtschicht verweigern ebenfalls die Aussage – gegen sie wird auch ermittelt.

Prozess wird fortgesetzt

Neben der Körperverletzung im Amt werden dem Oberkommissar auch noch drei Fälle von Beleidigungen gegen Grünen-Politiker im Internet vorgeworfen. Denn als die Kollegen sein inzwischen sichergestelltes Smartphone untersuchten, stießen sie auf Textnachrichten, in denen die Bundestagsabgeordneten Renate Künast und Claudia Roth übelst tituliert werden, wobei „Hexe“ und „Schwerverbrecherin“ noch die mildesten sind.

Der Prozess wird am Montag, 21. Oktober, mit weiteren Zeugenvernehmungen fortgesetzt.

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