Ein Zufluchtsort unter ausrangierten Türen - Dr. Elisabeth George von der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt Hanau zeigt, wo die auf Pioneer lebenden Zauneidechsen im Moment Schutz suchen: unter nicht mehr benötigten Türen der dortigen Abrisshäuser. Foto: Kerstin Biehl

Hanau

Auf Pioneer werden Eidechsen mit alten Zimmertüren gefangen

Hanau. Es ist ein illustres Bild, das sich auf dem Pioneer-Areal bietet. Hunderte von weißen, rechteckigen Flecken sprenkeln die Wiesenflächen des Baugeländes.Was es mit den ominösen Rechtecken auf sich hat, haben wir uns vor Ort von Dr. Elisabeth Goerge von der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt Hanau erläutern lassen.

Von Kerstin BiehlWir stehen auf einer großen Rasenfläche. Schon von Weitem sind die weißen Rechtecke auszumachen. Neben uns donnern große Baufahrzeuge vorbei, weiter hinten wühlen sich Bagger durchs Erdreich. Hier auf der Wiese ist es ruhig und friedlich. Heuschrecken tummeln sich im Gras, eine Biene sucht nach Nektar. Wir laufen geradewegs auf die Rechtecke zu. Bald ist zu erkennen, was sich dahinter verbirgt: Es sind Zimmertüren, die flach auf der Wiese liegen. Hunderte. Über das gesamte Pioneer-Aral verteilt. Ein Kunstprojekt? „Nein, nein“, lacht Goerge.

Schutz für Zauneidechsen

„Unter den Türen finden Zauneidechsen Schutz.“ Die nämlich gibt es zu Hunderten auf Pioneer. Seit die Amerikaner die Kasernen 2008 verlassen haben, lag das Areal brach. Für die Eidechsen war es ein wunderbarer Lebensraum. Keine Menschen, keine Maschinen und viele Unterschlüpfe zum Verstecken. Die Tiere konnten sich in Steinnischen, im Bauschutt, in Wurzeln oder im Gebüsch verstecken. Lebensraumhabitate für den Winter waren Steine oder Mauerspalten. All das ist nun Geschichte. Mit der Bebauung und damit der Reaktivierung der Fläche, wird der Lebensraum der putzigen Reptilien zerstört.

„Bevor der Bebauungsplan für Pioneer gemacht wurde, wurden artenschutzrechtliche Untersuchungen gemacht. Dafür wurde ein Gutachter beauftragt, der schon 2008 und 2010 und wieder seit 2017 Artenuntersuchungen macht. Er hat geschaut, welche streng geschützten Arten auf der Fläche hier vorkommen“, erklärt Goerge. Der Gutachter hat festgestellt, dass Pioneer der Lebensraum von zahlreichen Zauneidechsen ist. Die Fauna-Flora-Habitatsrichtline besagt, dass sie bei Planvorhaben berücksichtigt werden müssen. Es besteht nach dem Bundesnaturschutzgesetz ein Tötungs- und ein Abfangverbot. Heißt: Die Eidechsen müssen umgesiedelt werden.

Dafür müssen die flinken Tiere gefangen werden. Und das ist gar nicht so einfach. Doch der pfiffige Gutachter kam auf die Idee mit den Türen. Sie stammen von den Gebäuden auf Pioneer, sollten ohnehin entsorgt werden. Jetzt liegen sie auf der Wiese. Nachts, wenn es den wechselwarmen Reptilien zu kalt wird, kriechen sie darunter und finden dort einen warmen, sicheren Ort.

Sehr erfolgreiche Methode

„Morgens ganz früh kommen dann die Artenschutzgutachter. Einer hebt die Türe an und zwei fangen die Eidechsen, die darunter sind, ein. Diese Methode ist sehr erfolgreich. Bis letzte Woche wurden schon 80 Tiere gefangen und umgesiedelt“, berichtet Goerge. Gefangen werden die Tiere mit einem Schwamm, um sie nicht zu verletzen oder mit einer Leine.

„Jeder Fänger hat unterschiedliche Fangmethoden“, sagt die städtische Mitarbeiterin. Abgefangen wird mehrmals in der Woche, immer abhängig von der Witterung. Im hinteren Teil des Pioneer-Geländes gibt es ein unterirdisches Hochwasserüberlaufbecken. Über diesem, auf einer Fläche von rund 2000 Quadratmetern, sind mehrere Habitate für Eidechsen neu angelegt worden.

Wie das funktioniert? „Man gräbt ein Loch aus, etwa ein Meter tief, zwei Meter lang, füllt es mit Steinen und Todholz auf, kippt dann wieder Erde darüber. Damit entsteht ein frostfreies Habitat für die Eidechsen, in dem sie auch überwintern können. Dann wird die Oberfläche noch ein bisschen hergerichtet, es werden sonnige Bereiche, auf denen sich die Eidechsen sonnen können, geschaffen und solche die Schutz vor Fraßfeinden bieten“, erklärt Goerges.

Habitate bereits voll

Diese neu geschaffenen Habitate sind bereits voll. Deshalb wird derzeit in Steinheim auf der Südseite des Lämmerspieler Wegs neue Habitate eingerichtet. Auf einem großen städtischen Grundstück. „Wie viele Tiere letztlich dort ausgesetzt werden können, liegt auch am Nahrungsangebot“, so die Expertin. Wie viele Eidechsen genau auf Pioneer leben, könne man schlecht schätzen, sagt Goerge. Bei einer Kartierung im vergangenen Jahr seien auf Grund des Hitzesommers nicht viele Eidechsen gesehen worden. Man weiß aber aus Vorjahren, dass es auf dem Gelände etliche Eidechsen gebe.

„Die Fangaktionen haben Anfang/Mitte April begonnen. Vorher sind die Eidechsen in ihrem unterirdischen Versteck. Sie kommen erst raus, wenn es eine gewisse Temperatur hat. Ab April lagen die Türen aus“, berichtet Goerge.

Abgefangen wird so lange, bis keine Tiere mehr zu finden sind. „Wenn man frühzeitig anfängt zu Fangen, dann erwischt man die Eidechsen vor der Eiablage, was gut ist. Wenn man das nicht schafft, dann legen sie die Eier ab und schnell sind Jungtiere da und die laufen auf den Flächen dann noch bis September oder Oktober herum.“Also bleiben die Türen so lange wie möglich liegen. Erst wenn der Gutachter sieht, dass alle Tiere abgefangen sind, wird das Gelände freigegeben.

Schutz für Fledermäuse

Neben den Eidechsen gilt es zudem, die auf dem Areal lebenden Fledermäuse zu schützen. Deshalb wurden an Gebäuden, die jetzt schon renoviert werden, neue Fledermauskästen angebracht in der Hoffnung, dass sich die fliegenden Säuger dort ansiedeln. Außerdem lebt ein Turmfalke in einem der Gebäude, die auch als Zehn Brüder bekannt sind. Dieser kann aber dort weiter leben.

„Es gibt auch noch ein Artenschutzhaus auf dem Gelände, ein kleines Türmchen, das aussieht wie ein Taubenhaus, mit diversen Nistkästen für Vögel, die jetzt durch die Bauarbeiten gestört werden. Das wurde extra neu errichtet“, informiert die Expertin.

Trotz der Notwendigkeit von Umsiedlung oder der vorübergehenden Beeinträchtigung des Lebensraums der Tiere auf Pioneer, sorgt die Untere Naturschutzbehörde dafür, dass es den Tieren dort gut geht. Goerge: „Wir gucken genau und wir gucken streng. Und das funktioniert auch.“

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