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Pikant bis heftig: Ingo Appelt ist der Matador der Gürtellinie

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Nahm auch bei seinem Auftritt im Congress Park Hanau kein Blatt vor den Mund: Ingo Appelt. Foto: Habermann
Nahm auch bei seinem Auftritt im Congress Park Hanau kein Blatt vor den Mund: Ingo Appelt. Foto: Habermann

Hanau. Eins vorweg: bei Ingo Appelt darf man nicht zimperlich sein. Davon war das Publikum des Comedians am Freitagabend im Congress Park Hanau (CPH) auch weit entfernt. Keiner verlies den Saal, während gut drei Stunden Wortkaskaden ohne Punkt und Komma.

Von Rainer Habermann'Obwohl (oder vielleicht grade deshalb?) bei nahezu jedem zweiten Halbsatz der schwarze F-Wort-Balken hätte aufblitzten müssen. Oder – im Fernseher– der Piepser wohl nahezu ununterbrochen geplärrt hätte. Ingo Appelt, wie er live auf der Bühne steht, eben.

Wo ist die Gürtellinie? Gleich unterhalb der Knie, so könnte man sie beim Ruhrpott-Comedian in der Glitzer-Jacke sicher verorten. Sein neues Programm heißt „Besser ... ist besser – Das Update: jetzt noch besser!“. Es ist eine Mischung aus schon Gehörtem und neuen Ausbrüchen der Kategorie Schwanz, Pussi undamp; Co.Eineinhalb Stunden sehr politischUm aber (über die beiden vorstehenden Begriffe hinaus) überhaupt etwas zum Auftritt im CPH schreiben zu können, das nicht ausschließlich der von nahezu allen Medien sich selbst auferlegten Zoten-Zensur zum Opfer fällt, muss gesagt werden: Nazi, Flüchtling, Merkel, Gabriel, Seehofer und Trump kommen auch vor, im Programm. Hauptsächlich in den ersten anderthalb Stunden, wo Appelt sehr politisch wird – was immer man darunter verstehen will.

Die zweite Hälfte nach der Pause ist dann F- und V-Wort pur. Abgesehen vom Schluss, wo er sich ans Keyboard setzt und das tut, was er in absoluter Perfektion beherrscht: Herbert Grönemeyer parodieren und damit durch den Kakao ziehen. „Der mit seiner präejakulativen Gesangstechnik: ich möchte nicht wissen, wie viele Lieder Grönemeyer beim Kacken geschrieben hat.“ Appelt geht dazu natürlich breitbeinig in die Knie und reckt den Hintern raus. Er sei aber mit dem Sänger befreundet, schiebt er nach.Parodie als SpezialgebietDie „Zugaben“ sind dann wieder aus der Kategorie katholische Messdiener-Witze nach dem Motto: einer geht noch rein. Kostprobe: „Was sagt ein katholischer Priester zum Messdiener, der auf seinem Schoß sitzt? – Es steckt ein großes Talent in dir.“

Apropos Parodie: das Spezialgebiet, mit dem Ingo Appelt ursprünglich mal bekannt wurde. Frei von der Leber weg fällt er in den Duktus von „Mutti“, einschließlich der „Bundesmöse“. Pardon: das ist Originalton Appelt. In den Medien spricht man lieber von der „Bundesraute“, welche die Kanzlerin üblicherweise mit ihren Händen bildet. Dazu passt das Bild mit Schulz und Merkel, ganz aktuell zu den Koalitionsgesprächen: „Der Schulz, der muss nach Golgatha, auf dem Kreuz, da sitzt die Angela. Und ruft: ‚Nu mach ma schnella!“Auch Pausenankündigung wird zur zehnminütigen ShowEtliche Politiker – und auch Comedy-Kollegen wie Dieter Nuhr und Mario Bart – kriegen auf ähnliche Weise ihr Fett weg vom Atemlos-Comedian, Perpetuum-mobile-Kabarettisten, permanent-an-den-Schritt-Greifer. Appelt „sächselt, fränggelt, bayerlt“. Und wenn er „balinert“, dann ist das ja irgendwie dem Dialekt des Ruhrpott-Zotenjongleurs verwandt. Das alles ohne jegliche Pause zwischen den Sätzen und Halbsätzen, ununterbrochen.

Selbst aus der Pausenankündigung macht er eine zehnminütige Show um das, was Frauen – und auch manche Männer – in einer Pause normalerweise tun (nicht trinken: das Gegenteil). Man fragt sich unwillkürlich: wann holt der eigentlich mal Luft? Wahrscheinlich nach der Show, in der Tiefsee-Druckkammer. Auf der Bühne brüllt er, säuselt er, regelrecht hyperaktiv. Niemand kann jedenfalls sagen, Appelt verausgabe sich nicht. Er hat seinen tosenden Applaus verdient.

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