Nicht am Brunnen vor dem Tore, aber immerhin am historischen Brunnen vor dem modernen Gemeindezentrum der Wallonisch-Niederländischen Gemeinde, lässt sich Pfarrer Torben W. Telder ablichten, der hier seit zehn Jahren Wahlhanauer ist. Foto: Degen-Peters

Hanau

Pfarrer Torben W. Telder fühlt sich in Hanau am richtigen Fleck

Hanau. Berbandus rechts, Blevetus links und mittendrin ein schmunzelnder Pfarrer Torsten W. Telder. Im neuen Hanauer Zentrum der 400 Jahre alten Wallonisch-Niederländischen Gemeinde sind Historie und Moderne miteinander verknüpft. Das freut Pfarrer Telder, der zwischen den altehrwürdigen Namen für frischen Wind sorgt.

Von Jutta Degen-Peters

Der zeitgenössische Bau an der Gärtnerstraße ist noch wie neu. Die beiden Vortragsräume im ersten Stock sind nach den ersten Pfarrern benannt, die in der Wallonischen Gemeinde Dienst taten.

Humor gehört für den 40-Jährigen Wahl-Hanauer einfach dazu. Auch im Gottesdienst, den die Menschen schließlich nicht besuchten, um sich sagen zu lassen, wie schwer und mühsam das Leben sei, sondern den sie beschwingt und voller Hoffnung verlassen wollten. Auch auf einer Beerdigung könne Humor angebracht sein. Gefeiert werde auch dort schließlich das Leben. Telder lacht gerne und oft, was wir feststellen, während wir uns zum Ferienporträt treffen.

Am richtigen PlatzMit dem Gemeindezentrum an der Gärtnerstraße hat Telder gemeinsam mit dem Konsistorium eines seiner Ziele umsetzen können: ein Zentrum mitten in der Stadt, nahe an der Kirche und doch in einem Viertel, das eben nicht zu den privilegierten gehört.

In Hanau fühlt sich der gebürtige Hofheimer am richtigen Platz. Dass die Stadt für ihn ein völlig unbeschriebenes Blatt war, als er vor zehn Jahren hier ankam, amüsiert ihn jetzt geradezu. An Hanau mag er, dass es keine typische Großstadt ist. „Hier geht es sehr familiär zu, viele kennen viele“, findet er. Vieles lasse sich auf dem kleinen Dienstweg regeln.

DiplomatischAußerdem begeistert sich der Pfarrer für den Grundriss der Stadt, den er als echtes Highlight sieht. Umso mehr, als die Anlage mit den fünf Plätzen ein Vermächtnis der Glaubensflüchtlinge sei, die die Wallonisch-Niederländische Gemeinde begründeten. Allerdings sieht Telder auch die Schattenseiten. „Je weiter ich mich von den Plätzen und von der Innenstadt wegbewege, desto mehr nimmt der Reiz ab“, sagt er, der den Stadtplanern für den Innenstadtumbau Anerkennung zollt. Nachkriegsbausünden seien revidiert worden, die Stadt zum Wachsen gebracht worden. Damit sei ein großer Wurf gelungen, findet er.

Bei der Frage nach dem Umbau des Platzes an der Wallonischen Kirche gibt er sich diplomatisch: „Der Platz gehört nicht uns, wir werden uns nicht einmischen“. Und ein zweiter weiser Satz entfährt ihm: „Stadtplaner kommen und gehen, die Städte bleiben“. Hier sieht Telder eine Gemeinsamkeit mit den Pfarrern. Auch die Gemeinde bleibe, wenn der Pfarrer gehe.

Bindung an die Menschen als PrivilegDabei ist es keineswegs so, dass Telder nach zehn Jahren in Hanau über ein anderes Einsatzgebiet nachdenkt. Nicht nur, dass er erst seit gut einem Jahr im neuen Verwaltungsgebäude arbeitet. Er genießt es seinen Worten zufolge auch, dass er in den zehn Jahren seines Wirkens in Hanau fast in jeder Familie eine „Amtshandlung“ abgehalten hat. Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten und Beerdigungen – mit der Zeit wachsen dem Pfarrer die Menschen ans Herz, er kennt ihre Freuden und ihre Nöte und sieht in dieser Form der Bindung ein Privileg des Pfarrers.

Außerdem habe er noch so viele Ideen und Visionen, die er verwirklichen wolle, da sieht er seine Perspektive in der Brüder-Grimm-Stadt. Dazu gehören Überlegungen, was man mit der Gemeinde und mit anderen gesellschaftlichen Gruppierungen interaktiv unternehmen könnte, um die Stellung der Kirche besser zu positionieren: etwa durch die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Politik, Kirche und Kunst oder Kirche und Wirtschaft.

„Ich muss keine Angst haben, etwas zu wagen.“An der Wallonisch-Niederländischen Gemeinde gefällt ihm, dass er – anders als Gemeinden, die einer Landeskirche angehören – keiner übergeordneten Stelle Rechenschaft ablegen muss. Alles werde im Haus in sehr demokratischen Verfahren diskutiert. „Ich muss keine Angst haben, etwas zu wagen.“

Das Konsistorium hinterfrage zwar kritisch, lasse sich nach dem Austausch aber auch begeistern. Etwa dafür, das Arbeitsfeld Musik stärker zu betonen und für die Orgelerweiterung Geld in die Hand zu nehmen.

Für alle offenBisweilen sieht sich Telder mit dem Vorwurf konfrontiert, die Wallonisch-Niederländische Gemeinde sei mit ihren vielen wohlhabenden Gemeindemitgliedern privilegiert. „Unsere Kirche ist für alle Menschen offen, und wir schauen beim Eintritt nicht auf die gesellschaftliche Position“, sagt er dann mit Verweis darauf, dass die Gemeindeglieder einen guten Querschnitt der Gesellschaft darstellten. Gerade in der Zusammenarbeit mit der Kathinka-Platzhoff-Stiftung würden auch Menschen in Notsituationen erreicht, sagt Telder und nennt das neue Angebot „Mittendrin“, in dem Grundschüler Förderung erfahren.

Telder begegnet den Kritikern auch gerne mit der Gegenfrage, wieso die großen Volkskirchen seit Jahren steigende Kirchensteuereinnahmen einführen und dennoch immer von Sparzwang redeten.

Unabhängig vom StaatDie Wallonisch-Niederländische Kirche erhalte keinerlei staatliche Subventionen für ihre Gebäude oder den Kirchenbetrieb. Das unterscheide sie von den großen Volkskirchen – mache sie aber eben auch unabhängig.

Musik spielt für Telder im Gottesdienst eine wichtige Rolle. Sie transportiere Botschaften und Emotionen, sei für die Stimmung sehr wichtig. An dieser Stelle muss Telder lachen. Er erinnert sich an die Zeit, als er mit 14 begann, Orgel zu spielen. „Da habe ich als Anfänger dem Pfarrer manche Predigt verhunzt“, glaubt er.

Über Umweg zurück zum PfarrberufOrgel spielt er immer noch. Für dieses Instrument hatte er sich entschieden, „weil ich irgend etwas mit Kirche machen wollte“, räumt er ein. Auch über den Beruf sei er sich schon früh im Klaren gewesen, erklärt der Sohn eines Ingenieurs. Doch nach dem Theologie-Studium in Mainz, Münster und Heidelberg und nach zwei Jahren als Vikar im Hochtaunus entschied er sich zunächst dafür, zwei Jahre in der Marketingabteilung eines Medienhauses in Frankfurt zu arbeiten. Damals gab es nicht genug Pfarrstellen, darum die „Schleife“. Doch als sich dann die Chance ergab, nach Hanau zu gehen, ergriff er sie beim Schopf. Und hat es nicht bereut.

Der Satz „Sie joggen doch sicher“ entlockt ihm neben dem spontanen „bitte kein Sport“ auch den Hinweis, dass er sein Privatleben gerne aus der Öffentlichkeit heraushält. Doch so viel verrät er schon: Er ist überzeugt, dass er mit seinen Vorlieben für klassische Musik und kirchentheologische oder -historische Romane das „Klischee des langweiligen Pfarrers“ bediene. Darüber hinaus hat er sein Hobby zum Beruf gemacht und sammelt auch dann Ideen und Eindrücke für seine Tätigkeit als Pfarrer, wenn er eigentlich im Urlaub entspannen möchte.

Das könnte Sie auch interessieren