Die Passionszeit lädt zum Innehalten ein. Sie steht für eine Zeit, in der der Mensch erfährt, dass er in der Gemeinschaft stärker ist und darin Leid besser aushalten kann. Foto: Pixabay

Hanau

Passionszeit: Kirchen laden zur Ethik des Genug

Hanau. Unter dem Eindruck der schrecklichen Ereignisse in Hanau ist es schwer, die Gedanken auf andere Dinge zu richten als auf die Opfer, die betroffenen Familien und die Frage, wie es nun weitergeht in einer Gesellschaft, die an vielen Stellen auseinanderdriftet.

Von Jutta Degen-Peters

In dieser Gesellschaft hat sich in Hanau gezeigt, wie eng die Bürger zusammenstehen, Bürger mit und ohne Migrationshintergrund, wie Einzelpersonen, Institutionen und Gruppen Trost und Zuspruch spendeten und dies auch weiterhin tun.

Margit Zahn, Pfarrerin des Kirchenkreises Hanau, hat als Seelsorgerin auch versucht, die Betroffenen zu stärken, hat viele Gespräche geführt, Menschen beigestanden, die Furcht und Trauer empfinden. Die mit dem heutigen Aschermittwoch beginnende Passionszeit, so sagt sie, stehe für die Zeit, in der sich die Menschen gemeinsam dem Leid stellten. Das Leid Christi zeige, dass wir in der Lage seien, Schmerz, Kummer und Not auszuhalten: „Die Stärke der Fastenzeit liegt darin, dass sie uns hilft und stärkt, denn sie gibt uns die Kraft, Schlimmes oder Tragisches gemeinsam auszuhalten.“

„Sieben Wochen ohne“

Auch ohne die aktuellen Geschehnisse lade uns die Passionszeit ein, die Gemeinschaft zu suchen. „Wir leben als Christen nicht losgelöst von der Welt, sondern beziehen uns offenen und wachen Auges auf das, was um uns herum geschieht“, sagt Zahn. Die Passionszeit sorge für eine Unterbrechung in unserem Leben, so wie auch die tragischen Ereignisse in Hanau für eine Zäsur gesorgt haben. Die Gemeinschaft, so Zahn, versetze uns in die Lage, das Leben auch mit all seinen schwarzen Seiten auszuhalten, indem wir solche schrecklichen Geschehnisse eben nicht ausblendeten, weil sie Teil unseres Lebens seien.

Die Aktion der Evangelischen Kirche „Sieben Wochen ohne“ hat für dieses Jahr das Motto „Zuversicht! Sieben Wochen ohne Pessimismus“ ausgewählt, lange bevor es Hanau oder Volkmarsen gegeben hat. Sie will dazu ermuntern, Zukunftsangst und Misstrauen zu überwinden. „In der Geschichte von Tod und Auferstehung, der Fastenzeit und Ostern gewidmet sind, lebt neben Glaube und Liebe das Prinzip Hoffnung, wie es Paulus in seinem Brief an die Korinther beschreibt“, heißt es auf der Homepage der Evangelischen Kirche.

Fastenzeit solle aufmerksam machen

In der aktuellen Situation mag es manchem schwer fallen, den Pessimismus beiseitezuschieben. Aber das gemeinsame Tun hat etwas Tröstendes. Und es bietet Raum und schafft Energie für aktives Handeln.

Neben der Aktion, die zur Zuversicht aufruft, gibt es auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Aktionen, die sich ganz praktischen Belangen zuwenden. Die Fastenzeit, so Pfarrerin Zahn, strebe auch danach, auf etwas aufmerksam zu machen, das auch jenseits der abgegrenzten Fastenzeit sinnvoll sei: Neben dem Innehalten das Maßhalten, seine Grenzen zu kennen, nicht im Überfluss zu verharren.

Klimafasten als Alternative

In den 40 Tagen der Fastenzeit gelte es, zu entschleunigen und auf das zu schauen, was der Mensch gemeinhin im Alltag nicht hinterfrage. „Wo bin ich zu schnell unterwegs, mute mir in zu kurzer Zeit zu viel zu? Wo sollte ich entschleunigen, meine Geschwindigkeit verringern, wo mir mehr Muße gönnen?“ können solche Fragen sein. Aber auch Überlegungen, auf Plastikverpackungen zu verzichten, auf die Nutzung des Autos, übermäßigen Alkoholgenuss oder zu intensives Fernsehen, werden von Initiativen thematisiert.

Die alte Tradition des körperlichen Fastens, bei der es darum geht, Überflüssiges beiseite zu lassen, sich auf das Notwendige zu beschränken, lässt sich nach den Worten Zahns heute mit konkreten Fastenangeboten auf andere Bereiche beziehen. So bietet etwa die Kirche am Limes in Großauheim/Großkrotzenburg eine Aktion zum Klimafasten an, Initiativen laden ein, in der Gruppe auf klimaschädliche Formen der Fortbewegung zu verzichten.Gegenwartsbezogene Aktionen, so Margit Zahn, machten deutlich, dass das Fasten etwas mit unserem Leben zu tun habe.

Ziel sei es nicht ein schlechtes Gewissen zu vermitteln

„Das gibt uns Gelegenheit, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren, uns zu fragen, was wir wirklich brauchen.“ Beispiel hierfür ist die Aktion Klimafasten, zu der evangelische und katholische Christen gemeinsam auffordern. Diese „Ethik des Genug“ erinnert an die Wüstenwanderung von Jesus, bei der an jedem Tag Brot aus dem Wüstensand gesammelt werden konnte, um den Hunger zu stillen. Über den tatsächlichen Bedarf hinaus gesammeltes Brot musste weggeworfen werden.

Es gehe beim Aufruf, an Fastenaktionen teilzunehmen, nicht darum, den Menschen wegen ihres Lebensstils ein schlechtes Gewissen zu machen. Ziel sei vielmehr, so Zahn, den Blick auf das zu richten, das, woraus der Mensch Kraft schöpfen könne. Sich zu begrenzen und maßzuhalten sorge auch dafür, dass für unsere Nachkommen noch Ressourcen da seien. ›› www.klimafasten.de

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