"Dem Leben mehr Qualität geben!": Die Hausärztin und Palliativmedizinerin Dr. Maria Haas-Weber stellt häufig fest, dass alte und mehrfach kranke Menschen ins Krankenhaus kommen, obwohl die dort unternommenen Maßnahmen ihre Lebensqualität nicht verbessern. Foto: Jutta Degen-Peters

Hanau

Palliativmedizin: "Es geht am Ende um Lebensqualität"

Hanau. Maria Haas-Weber ist eine lebensbejahende und dem Leben zugewandte Ärztin: „Ich lehne jede Form von Sterbehilfe ab“, sagt sie. Seit

Von Jutta Degen-Peters

17 Jahren ist die in Mittelbuchen als Hausärztin niedergelassene Medizinerin Vorsitzende des Fördervereins Palliative Patientenhilfe. Und in den 17 Jahren des Bestehens dieses Vereins hat die 67-Jährige tatkräftig den Aufbau eines Netzwerks aus Ärzten, Pflegekräften und Ehrenamtlern in der Region Hanau mit vorangetrieben, von dem heute Patienten am Lebensabend, Angehörige und Ärzte profitieren.

Als jüngste Initiative machte ein Leuchtturm-Projekt von sich reden, das im Lortzing-Wohnstift die geriatrische Pflege ergänzt. Dabei geht es vorrangig darum, die Lebensqualität für alte und mehrfach kranke Menschen zu verbessern. „Wir brauchen dazu Menschen, die den Patienten ganzheitlich begegnen, die den ganzen Menschen sehen“, weiß Haas-Weber und fordert daher immer wieder, dass mehr und gut ausgebildete Pflegekräfte eingesetzt werden.

Auf ihrem Weg hat Haas-Weber in der Region schon viel erreicht. Seit einiger Zeit treibt sie nun ein Thema um, das sie mit größter Vorsicht anspricht. Denn es ist ebenso sensibel wie das Thema Palliativmedizin oder aktive Sterbehilfe und wird bisweilen missverstanden. Es geht darum, Therapien dann zu begrenzen, wenn klar ist, dass der Zustand des Patienten nicht mehr verbessert werden kann.

Wieder und wieder ins Krankenhaus

Immer wieder erlebt die Palliativmedizinerin, dass Patienten an ihrem Lebensende wieder und wieder ins Krankenhaus eingeliefert werden. „Oft kommen hochaltrige multimorbide Senioren als Notfälle in die Klinik“, sagt Haas-Weber, gebrechliche, schwache, hinfällige Frauen und Männer mit altersbedingten Schluckbeschwerden. Diese Beschwerden ließen sich durch die Gabe von Medikamenten kaum beheben. Für die Patienten aber sei der Wechsel aus der vertrauten Umgebung in die Klinik immer wieder aufreibend, die nutzlosen Therapien zermürbend.

Angebracht ist in solchen Situationen nach Meinung Haas-Webers, dass im Zweifel auf die Gabe von Antibiotika verzichtet werde. Die Ärzte müssten dafür sorgen, dass schmerz- und fieberstillende Medikamente verabreicht würden. Eingriffe oder Operationen, die keinerlei Verbesserung für den Patienten bringen, seien oft eine Belastung für den Betroffenen. „Die Anforderung besteht nicht darin, dem Leben mehr Zeit zu geben. Es geht um ein Mehr an Qualität“, betont die Medizinerin. Und die sei gegeben, wenn Alte und Schwerkranke nicht einsam seien, in ihrer vertrauten Umgebung bleiben könnten, gutes Essen erhielten, gut gepflegt würden und nachts ruhig schlafen könnten.

Wenn das alles nicht mehr gegeben sei, wenn Schwäche und Bettlägerigkeit zu Autonomieverlust führten, gelte es, im Einverständnis mit dem Patienten, mit den Angehörigen und dem Pflegeteam und dem behandelnden Arzt die für den Betroffenen beste Lösung zu finden. Bringe alles, was der Arzt in einer solchen Situation tue, keinen Fortschritt, müsse die Beschränkung der Therapie auf die Linderung von Schmerzen und weiteren Symptomen in Betracht gezogen werden. Immer vorausgesetzt, dass die Betroffenen, also der Patient (wenn er noch dazu in der Lage ist) und die Angehörigen, diese Vorgehensweise gutheißen.

Großveranstaltung in Hanau

Im nächsten Jahr wird diese Frage nach den Grenzen der Therapie zweifelsohne beim Deutschen Palliativtag der Landesärztekammer in Wiesbaden thematisiert. Anlässlich dieses Tages ist laut Haas-Weber auch im Congress Park Hanau eine Großveranstaltung geplant.

Auch mit Blick auf diesen Termin weist Haas-Weber erneut auf den Unterschied zwischen aktiver Sterbehilfe und palliativer Patientenhilfe hin: Bei der aktiven Sterbehilfe geht es darum, das Leben zu beenden. Die palliative Medizin, die den Menschen als Ganzheit von Körper, Geist und Seele betrachte, trachte danach, die Symptome zu lindern. „Es geht nicht darum, die technischen Möglichkeiten um jeden Preis auszuschöpfen.“ Der Patient sei am besten aufgehoben, wenn ihm eine individuelle und würdevolle Pflege zuteil werde.

In der Tatsache, dass sich der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, bei einem Besuch im Wohnstift der Alten- und Pflegezentren Main-Kinzig in Hanau unlängst über die Palliativoase und das Expertenteam für Palliative Pflege (EPP-Team) informierte, sieht Haas-Weber eine Bestätigung, dass Hanau auf dem richtigen Weg sei. Allerdings könne man bei diesem Leuchtturmprojekt nicht stehen bleiben. Einzelne gute Palliativangebote wie das EPP-Team versorgten schließlich nur einen sehr geringen Teil der Menschen, die auf solche Angebote angewiesen sind. „Menschenwürde darf auch im Alter keine zwei Klassen kennen“, betont sie.

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