Beeindruckendes Bild: Kurz nach 11 Uhr setzt sich der Konvoi mit den Lkw, Reisebussen und Begleitfahrzeugen in Bewegung. Zum Abschied wird gewunken und ordentlich gehupt. Foto: Patrick Scheiber

Hanau

Mit 170 000 Paketen: Weihnachtlicher Hilfskonvoi startet in Hanau

Hanau. Was für ein Bahnhof im Industriepark in Wolfgang: Am Samstag startete hier der 19. Weihnachtspäckchen-Konvoi Richtung Osteuropa. Mehr als 170 000 Pakete haben die Lkw an Bord. Zum Abschied gab es viele lobende Worte, heißen Tee und ein Gruppenfoto mit allen fast 300 Helfern, die bis kommenden Samstag unterwegs sind.

Von Yvonne Backhaus-Arnold

Niko Palosu hat einen Becher Kaffee in der Hand. Noch ein paar Minuten, dann geht es los für ihn. „Mein Lkw ist der mit der Nummer 5“, sagt der gebürtige Finne und deutet nach hinten, dorthin, wo die Lastwagen wie an einer Perlenkette aufgereiht stehen. Der 50-Jährige ist einer von 76 Fahrern, die sich gleich auf den Weg nach Osteuropa machen – ehrenamtlich und voller Vorfreude. Niko Palosu ist das erste Mal dabei.

Förster in Finnland, Helfer in Deutschland

Zum Konvoi kam er über einen Arbeitskollegen. „In Finnland sind alle Förster, haben Wälder zu bewirtschaften“, erzählt er und lacht. Klar, dass man da auch einen Lkw-Führerschein habe. Das Förster-sein ließ der große Mann irgendwann hinter sich, studierte Journalismus. Heute arbeitet der Wahl-Kölner in der Kommunikationsabteilung von Covestro in Leverkusen.

Die Covestro AG ist ein börsennotierter Werkstoffhersteller, der 2015 aus der ehemaligen Kunststoffsparte der Bayer AG hervorgegangen ist. Der Kollege erzählte von der Aktion, sagte: „Das ist das Tollste, was man im Dezember machen kann.“ Niko Palosu war sofort überzeugt und irgendwie auch begeistert von der Idee, die Päckchen seiner Kollegen nach Osteuropa zu bringen.

Geschenke an Kindergärten, Waisenhäuser und Kliniken

Insgesamt sind es 293 Helfer, die sich gleich auf den Weg nach Bulgarien, Moldawien, Rumänien und in die Ukraine machen, um unglaubliche 173 161 Geschenke in Kindergärten, Schulen, Kinderheimen, Waisenhäusern und Kliniken zu verteilen. Kinder, Familien, Firmen aus ganz Deutschland haben sich an der Aktion beteiligt.

Allein 540 Päckchen haben die Mitarbeiter von Evonik in Hanau beigesteuert. Hier, im Industriepark in Wolfgang, startet der Konvoi seit neun Jahren. Der Konzern stellt nicht nur den Platz für die Lkw zur Verfügung, sondern übernimmt auch die komplette Zollabfertigung. „Als Industrie leisten wir hier einen wichtigen Beitrag und übernehmen gesellschaftliche Verantwortung“, erklärt Hermann Becker von Evonik.

Los geht es schon nach den Sommerferien

Bereits kurz nach den Sommerferien gehen die ersten Päckchen bei den regionalen Sammelstellen von Round Table, Ladies’ Circle, Tangent Club, Old Tablers sowie Freunden und Unterstützern ein – deutschlandweit. In den Sammelstellen werden die Päckchen sortiert und im Zentrallager bei Raben Trans European Germany in Mülheim-Kärlich für den Konvoi reisefertig auf Paletten gesetzt.

Angefangen habe alles mit einem Hilfsprojekt in Rumänien, erzählt Stephan Zipperlen vom Orga-Team. Die Service-Clubs engagierten sich hier beim Bau eines Ausbildungszentrums. Bei einer Materialfahrt nahmen sie kurzerhand auch ein paar Weihnachtspäckchen für Kinder mit. Das ist jetzt 19 Jahre her und der Anfang einer wunderbaren Erfolgsgeschichte.

53 Fahrzeuge im Einsatz

In diesem Jahr werden die Päckchen von 38 Lkw, sechs Reisebussen und neun Begleitfahrzeugen transportiert. Vor Ort in Hanau ist alles generalstabsmäßig organisiert. Für die Helfer gibt es an diesem kalt-sonnigen Samstagmorgen noch viele lobende Worte, heißen Tee, Leberkäse und Brezeln.

Auch Oberbürgermeister Claus Kaminsky ist vor Ort. Für ihn läutet der Termin in Wolfgang – „genauso wie die Eröffnung des Hanauer Weihnachtsmarktes“ – die Adventszeit ein. Der OB lobt neben der organisatorischen vor allem die humanitäre Leistung.

1500 Kilometer Strecke

Für Niko Palosu geht es nach Drobeta an der Donau. Die Stadt an der Grenze zwischen Serbien und Rumänien ist fast 1500 Kilometer von Hanau entfernt. „Schauen Sie“, sagt Palosu und öffnet die Türen seines Lkw. 5000 Päckchen hat er an Bord, alle gestapelt auf Paletten. Im Fahrerhaus stehen ein Plüsch-Elch und ein Weihnachtsmann.

Palosu ist nicht allein im Lkw. Jens heißt sein Co-Fahrer; alle vier Stunden wechseln sie sich ab der Fahrer. „Ein finnischer Förster und ein Biergartenbetreiber aus Franken auf einem Weihnachtskonvoi“, sagt Niko Palosu, „wo gibt's denn so was? Das ist doch wunderbar!“

Mit der Fahrt allein ist die Arbeit allerdings noch nicht getan. Auch beim Entladen in kleinere Lieferwagen werden die Fahrer helfen – und beim Verteilen sowieso. Seit Wochen ist der Konvoi Thema. Palosu lobt die Organisation und das Briefing vorab. Er freut sich auf die neue Erfahrung.

Oft die einzigen Geschenke

„Die Kinder freuen sich auf die Menschen in den roten Jacken, auf ihr Päckchen, was oft das einzige Weihnachtsgeschenk ist, das sie bekommen“, sagt Konvoi-Leiterin Sabine Zange. Sie schickt „die Überbringer des Glücks“ schließlich auf die Reise.

Kurz nach 11 Uhr rollt der Lastwagen mit der Nummer 5 vom Evonik-Gelände. Niko Palosu winkt, drückt auf die Hupe. Die anderen Fahrer tun es ihm gleich. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Lkw um Lkw passiert die Kreuzung Richtung Autobahn. Heute und morgen kommen sie an, laden die Päckchen aus und sorgen dann für mehr als 170 000 Glücksmomente.

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