Das Boden-Graffiti wird aufgetragen – Monika Kühn-Bousonville und Sanja Zivo sprühen Kreidefarbe auf die Schablone.
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Das Boden-Graffiti wird aufgetragen: Monika Kühn-Bousonville und Sanja Zivo sprühen Kreidefarbe auf die Schablone.

Tag gegen Gewalt an Frauen

Orange Day: Stadt Hanau und Künstlerin setzen Zeichen in der Fußgängerzone

  • Kerstin Biehl
    vonKerstin Biehl
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Weltweit wird am 25. November der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen begangen. Auch in Hanau fanden Aktionen dazu statt. Mit Graffiti auf dem Boden wird auf den Orange Day aufmerksam gemacht.

Hanau – Es zischt. Feiner orangefarbener Nebel kommt aus der Spraydose. Für ein paar Sekunden lassen Sanja Zivo und Monika Kühn-Bousonville die grelle Farbe entweichen. Dann ziehen sie die Blechschablone behutsam vom Bodenpflaster ab. Es erscheint eine ausgebreitete Hand mit der Aufschrift „Stoppt Gewalt“ und dem Venussymbol, dem weiblichen Genderzeichen.

Am Orange Day, dem internationalen Tag der UNO gegen Gewalt an Frauen, der jedes Jahr am 25. November stattfindet, hat sich das Frauenbüro der Stadt Hanau in Kooperation mit der Künstlerin Sanja Zivo diese besondere Aktion, die auch unter Corona-Bedingungen stattfinden kann, ausgedacht.

Hanau: Mit Boden-Graffiti Zeichen gegen Gewalt an Frauen setzen

„Wir wollen in der Fußgängerzone und auf den Plätzen der Innenstadt mit diesem Boden-Graffiti ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen setzen“, sagt Kühn-Bousonville. Die Kreidefarbe haftet, je nach Witterung, bis zu zwei Wochen auf dem Boden.

Die kommunale Frauenbeauftragte hat schon zahlreiche solcher Aktionen ins Leben gerufen oder mit initiiert: Die Tanzaktion One Billion Rising, die Brottütenkampagne „Gewalt kommt mir nicht in die Tüte“, den Stadtlauf oder das Verteilen von Schutz-Armbändern und Schutz-Stöpseln gegen K.O.-Tropfen. „Man kann und muss viel tun, um auf diese Problematik aufmerksam zu machen“, sagt sie. Deshalb finden Angebote zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ das ganze Jahr über statt.

Thema soll aus der Tabuzone geholt werden

Ein erklärtes Ziel des Frauenbüros ist es, das Thema aus der Tabuzone zu holen. „Denn es ist mitten unter uns. Jeden Tag versucht ein Partner beziehungsweise Ex-Partner, seine Partnerin zu ermorden – und jeden dritten Tag gelingt es“, schildert Kühn-Bousonville. Mehr als 100 Frauen kommen so jedes Jahr in Deutschland ums Leben. Inzwischen gibt es dafür sogar einen eigenen Fachbegriff: Femizid.

Stoppt Gewalt ist auf dem Boden-Graffiti zu lesen. Darunter das Venussymbol. Die Tags werden über die gesamte Innenstadt verteilt.

Zwar sinke die Zahl der Straftaten generell, die der häuslichen Gewalt aber nicht. Nach einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Jugend, Senioren und Frauen hat jede dritte Frau zwischen 18 und 80 Jahren eine Gewalterfahrung gemacht. Allein in Hanau stieg die Zahl der Opfer im Jahr 2018 auf 115 im Vergleich zum Vorjahr mit 63 Frauen.

Corona-Pandemie verschärft Problematik: Alle Plätze im Hanauer Frauenhaus belegt

„Die jetzige Corona-Situation verschärft die Lage. Die Menschen hängen aufeinander. Im Hanauer Frauenhaus sind aktuell alle Plätze belegt. Das Hilfetelefon ist ausgelastet. Auch wir hier im Frauenbüro merken eine deutliche Zunahme der Anrufe“, so die Frauenbeauftragte.

Mit der gestrigen Boden-Graffiti-Aktion und all den anderen Aktionen sollen Frauen, aber auch Beobachtende, ermuntert werden, den Gewaltexzess zu unterbrechen und sich an Hilfestellen zu wenden. Frauenhaus, Lawine, Frauenberatungsstelle, Hanauer Hilfe, Weisser Ring oder Pro Familia sind einige von vielen weiteren Einrichtungen, an die sich Frauen und auch Mädchen, die zuhause Gewalt erfahren, wenden können.

Frauenbeauftragte: Häusliche Gewalt in der Gesellschaft allgegenwärtig

Denn Gewalt gegen Frauen, sagt Kühn-Bousonville, sei kein Problem am Rand unserer Gesellschaft. Sie betreffe vielmehr Frauen aller Nationalitäten, Kulturen, Religionen und Schichten. „Häusliche Gewalt ist allgegenwärtig, sie findet täglich und mitten unter uns, in ganz normalen Familien statt“, sagt sie. Dabei ist der Tatort nicht auf der dunklen Straße, sondern dort, wo Menschen Sicherheit und Geborgenheit erwarten – in der Familie oder Partnerschaft.“

Die Geschichte des Orange Day

Der Tag erinnert an ein Verbrechen, das sich am 25. November 1960 in der Dominikanischen Republik ereignete. Auf Befehl des damaligen Diktators Trujillo hatten Soldaten vier Frauen verschleppt, vergewaltigt und drei von ihnen getötet, weil sie sich gegen das politische Regime auflehnten. Dieser Tag wurde zum Symbol, um auf die Gewalt gegen Frauen und Mädchen hinzuweisen. Der Aktionstag ist 1990 von den Vereinten Nationen zum internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen erklärt worden. Weltweit finden seitdem Aktionen statt. kb

Die Gewalt wird dabei überwiegend von Männern gegenüber Frauen ausgeübt. Ein besonders hohes Risiko auch eskalierender Gewalt mit schwerster Körperverletzung, bestehe, laut Kühn-Bousonville, während der Trennungsphase einer Ehe oder Partnerschaft. Oftmals sei schon die Absicht einer Frau, sich trennen zu wollen, Auslöser für Gewalthandlungen des Partners.

Opfer von Gewalt haben oft ihr Leben lang mit Folgeschäden zu kämpfen

„Häusliche Gewalt gehört leider immer noch zu den Hauptursachen von Gewalterfahrungen von Frauen. Weltweit, auch in Deutschland, ist häusliche Gewalt die häufigste Ursache von Verletzungen bei Frauen. Häufiger als Verkehrsunfälle“, so Kühn-Bousonville.

Dabei verletzte Gewalt Menschen in ihrer Würde und in ihrem grundgesetzlich verankerten Recht auf körperliche Unversehrtheit mit weitreichenden gesundheitlichen und sozialen Folgen. Opfer von Gewalt tragen oft ein Leben lang an den Folgeschäden und sind in ihrer Entfaltung behindert.

Weitere Aktionen am Orange Day in Hanau

Mit der gestrigen Sprayaktion zogen Kühn-Bousonville und Zivo jedenfalls die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich. „Wir glauben, dass eine solche Botschaft auf dem Boden noch mehr auffällt als auf einem Plakat“, so Zivo. Das Bild der Schablone, die von der Künstlerin gestaltet wurde, wollten die beiden Frauen gestern über die gesamte Innenstadt verteilen.

Am Nachmittag wurden auf dem Marktplatz zudem Fahnen gehisst, die für ein freies Leben, ohne Gewalt werben. Und am Abend wurde, initiiert von den Hanauer Serviceclubs, unter anderem der Congress Park in Orange angestrahlt.

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