Sind für alle Betroffenen da: Die Opferbeauftragten Dr. Silke Hoffmann-Bär (Zweite von links) und Dr. Maria Haas-Weber sowie Koordinator Robert Erkan (links) wurden von OB Claus Kaminsky eingesetzt.  Foto: PM

Hanau

Opferbeauftragte: Für Angehörige und Zeugen im Einsatz

Hanau. Robert Erkan ist im Telefonat anzumerken, dass ihn seine Aufgabe emotional mitnimmt. Das ist mehr als verständlich. Es kann einen nicht kaltlassen, wenn man mit beinahe allen Angehörigen der Opfer und Augenzeugen des Anschlags spricht, das große Leid und die Trauer der Menschen spürt.

Von Christian Dauber

Wenn das Helfen selbst zur Mammutaufgabe wird, man über sich hinauswachsen muss. Erkan ist Leiter der Koordinierungsstelle Angehörige, die die Stadt am Freitag geschaffen hat . Mit den Opferbeauftragten Dr. Maria Haas-Weber und Dr. Silke Hoffmann-Bär versucht Erkan, Stadtverordneter und Mitglied des Ausländerbeirats, die Familien zu unterstützen, wo es nur geht.

Am Anfang galt es, mit einem Team des Ausländerbeirats einen Kontakt zu den Familien zu bekommen. Das habe über eine enge Beziehungsebene funktioniert. „Wir haben ihnen gesagt: Wir sind für euch da“, berichtet Erkan.

Man habe die Bedürfnisse ermittelt, die sich zunächst um das Thema Begräbnis gedreht hätten und darum, dass die Toten von der Gerichtsmedizin freigegeben werden. Zu berücksichtigen seien unterschiedlichste Hintergründe der Opfer, von muslimisch über orthodox bis hin zu Sinti und Roma – mit ihren Besonderheiten wie etwa rituelle Waschungen.

Tätigkeit sei hoch belastend

„Wir sorgen dafür, dass unkompliziert Hilfe vor Ort geleistet werden kann“, sagt Erkan. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, ohne Bürokratie: keine Formulare, keine Anträge, keine endlosen Telefonate. Dazu zähle das Opferbeauftragten-Team auf die Unterstützung des im CPH eingerichteten Stabs aus Stadtspitze und Verwaltung. Viel erklären, viel kommunizieren – so beschreibt Erkan seine Aufgabe. Und die beschäftige ihn wie die Kollegen des „großartigen Teams“ fast rund um die Uhr. „Die letzten Tage waren wir alle von 9 Uhr morgens bis 3 Uhr nachts im Einsatz. Geschlafen haben wir nicht viel.“

Die Tätigkeit sei hochbelastend, räumt er ein. Währenddessen funktioniere er, aber danach gebe es auch Zeiten, „da geht gar nichts mehr“, sagt Erkan. Aber dennoch: „Es ist klar, dass wir das tun müssen.“ Beeindruckend seien der Zusammenhalt und die überwältigende Anteilnahme. „Es ist eine richtige Welle, die ankommt.“

„Wir organisieren Hilfestellungen aller Art“

Die Arbeit des gesamten Teams werde noch lange Zeit weitergehen, man werde sich mit den Familien kümmern um die Themen Erbe und Wohnen, um die starke Traumatisierung vieler Opfer. Diese kann einen mit Wucht treffen. „Ich habe eine betroffene Frau getroffen, die war ganz klar im Kopf. Zwölf Stunden später war sie hinüber.“ Geplant sei, die Arbeit nachhaltig auf feste Füße zu stellen, die „Akutphase in Verstetigung zu bringen“.

Um den medizinischen Teil der Opferhilfe kümmern sich die Ärztinnen Dr. Maria Haas-Weber und Dr. Silke Hoffmann-Bär. „Wir organisieren Hilfestellungen aller Art“, erklärt Haas-Weber im Gespräch mit unserer Zeitung. Auch Augenzeugen des Geschehens finden bei der Vorsitzenden des Hanauer Ärztevereins und ihrer Kollegin schnelle Hilfe. Beispielsweise knüpfe man den Kontakt zu Traumatherapeuten. Auch eine Therapeutin mit türkischen Wurzeln sei darunter.

Hausarzt als erster Ansprechpartner

„Ich übernehme eine Gatekeeper-Funktion und sortiere bei den Anfragen, was wichtig und dringlich ist. Es geht um Priorisierung.“ Für ihre Arbeit liege ihr eine Liste aller Er‧mordeten, Verletzten und Augenzeugen vor. „Ich bin24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche erreichbar. Wir kontaktieren aber niemanden von uns aus. Wir wollen nicht übergriffig sein“, betont die seit 30 Jahren niedergelassene Ärztin. Sie ist schwer getroffen von dem grausamen Verbrechen. „Ich fühle eine Schwere über der Stadt.“

Das Team arbeite eng mit Kemal Kocak zusammen, dem Besitzer des Kiosks neben der „Arena-Bar“ in Kesselstadt. Fünf Menschen waren dort ermordet wurden. Kocak habe engen Kontakt zu vielen Angehörigen. „Er schaut sich um, wer Hilfe benötigt, und vermittelt sie zu uns“, erklärt Haas-Weber. „Der vertraute Hausarzt ist erst einmal der beste Ansprechpartner, wenn man ein Trauma erlebt hat“, rät Haas-Weber, die in Hanau seit Jahrzehnten auch in der Palliativmedizin engagiert ist. Auch ein Seelsorger der jeweiligen Religionsgemeinschaft könne wichtige Unterstützung bieten.

Unterstützung vom Beirat

Das Allerwichtigste in einer solchen Situation seien Familie und Freunde. Sie böten Halt und könnten einen auffangen. Für Betroffene sei es zudem essenziell, sich mit anderen Opfern austauschen zu können. „Ein traumatisierter Mensch fühlt sich in der Gruppe wohler als alleine. Das relativiert das eigene Erlebte. Zusammen ist man stärker“, so Haas-Weber. Für Begegnungen dieser Art solle noch diese Woche ein eigener Raum im Hanauer Rathaus geschaffen werden.

Unterstützt wird das Team um Erkan, Haas-Weber und Hoffmann-Bär von zwölf weiteren Beiratsmitgliedern. Hilfe bietet auch der Main-Kinzig-Kreis. Nach Auskunft von Haas-Weber hat der Kreis für jede Familie einen Sozialarbeiter engagiert, der sich etwa um die Themen Finanzen und Wohnen kümmert.

Kontakt zum TeamDen Kontakt zu Haas-Weber und Hoffmann-Bär sowie Erkan vermittelt das Bürgertelefon, das unter der Telefonnummer 0 61 81/27 75 70 erreichbar ist. SpendenAufgrund vieler Nachfragen hat die Stadt Hanau ein Spendenkonto eingerichtet. Die IBAN lautet: DE 74 5065 0023 0000 1364 65 (Spendenkonto Opfer 19.2.2020).

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