Ein bisschen Heimat im kalten Wohnzimmer: Joel Ernesto Rodriguez kommt aus der Dominikanischen Republik. Seit März 2016 lebt er mit seiner Familie in der Daimlerstraße. Auf dem Bild sind Joel (9) und Yanira (8), die fünfjährige Angela und Rodriguez' Lebensgefährtin waren nicht zu Hause. Foto: Bender

Hanau

Ohne Heizung, Nachbarn und mit Schimmel in der Daimlerstraße

Hanau. Ein Zuhause, das keines mehr ist: Joel Ernesto Rodriguez lebt mit seiner Familie in der Daimlerstraße 6 – ohne Heizung, Nachbarn dafür mit Schimmel im Badezimmer. Wir haben uns mit ihm und seiner Familie vor Ort getroffen.

Von Yvonne Backhaus-Arnold

Es ist Freitagabend. Regen prasselt auf die abmontierten Kühlschränke, die links neben dem Eingang liegen. Rechts steht ein Container mit zerhackten Fliesen – vier Meter breit, acht lang, mindestens. In drei Wohnungen in der Daimlerstraße Nummer 6 brennt Licht, in den übrigen Wohnungen sind die Menschen schon ausgezogen. Türen gibt es hier nicht mehr. Im Erdgeschoss ist ein einsamer Bauarbeiter gerade dabei, Tapete von der Wand zu kratzen. Kabel liegen im dunklen Treppenhaus. Der Putz ist abgeklopft. Die Kernsanierung läuft. Auf Hochtouren. Kaum zu glauben, dass hier noch Menschen ihr Zuhause haben.

In der dritten Etage zum Beispiel. Ein Schlüssel steckt an der Tür. Wir klopfen. Joel Ernesto Rodriguez öffnet. Er ist gerade von der Arbeit gekommen. Kommissionierer ist er, in einem Baumarkt in Dietzenbach. Zwischen 1000 und 1800 Euro bringt er mit nach Hause. Rodriguez ist kein „Sozialschmarotzer“, er ist ein Arbeiter. Schon immer gewesen. Die Wohnung hat er so schön gemacht, wie es eben ging – neuer Teppich, Parkett im Flur, frische Farben, Bilder. Über der Couch im Wohnzimmer hängt die Fahne der Dominikanischen Republik. Alles einfach, aber ordentlich.

Unbefristet. 700 Euro warm. Drei Zimmer. 78 Quadratmeter.Der 35-Jährige mit den dunkelbraunen Rastas kommt aus Santo Domingo, der Inselhauptstadt. „Nur im Urlaub schön“, sagt er und lacht. Keine Arbeit, keine Sozialversicherung, keine Perspektive. Rodriguez ist eigentlich Maurer, Friseur kann er auch. Er verlässt seine Heimat, lebt zehn Jahre in der Nähe von Santander in Nordspanien.

Mutter und Bruder sind da schon in Hanau. Freigerichtstraße. Der junge Mann, seine spanische Frau und die drei Kinder Joel, Yanira und Angela wagen den Umzug in die Brüder-Grimm-Stadt. Im März 2016 ziehen sie in die Daimlerstraße, sind froh, überhaupt eine Wohnung gefunden zu haben. Der 35-Jährige holt den Ordner mit dem Mietvertrag aus dem Schrank. Unbefristet. 700 Euro warm. Drei Zimmer. 78 Quadratmeter. Vorbesitzer Jürgen Harrmann hat alles mit Bleistift ausgefüllt.

Es ist kompliziertDie familiären Verhältnisse sind schwierig – genau wie das Wohnumfeld. Die Mutter der Kinder verlässt Hanau, zieht wieder zurück nach Spanien, im April 2017 holt sie die Kinder zu sich, ist überfordert, schickt sie im Juni wieder zurück zum Vater. Der hat inzwischen eine neue Lebensgefährtin aus Kuba. Im Mai erwarten sie ein gemeinsames Kind.

Joel ist heute neun. Mit einem Kuscheltier sitzt er auf der Couch. Das Kinderfernsehen läuft. Er und seine achtjährige Schwester Yanira gehen auf die Anne-Frank-Schule. Ihre kleine Schwester Angela besucht den Margareten-Kindergarten. Joel würde gern Wissenschaftler werden. Im Moment stehen die Chancen dafür schlecht. Da sind auf der einen Seite die schwierigen Familienverhältnisse, da ist die Wohnsituation. Es war schon immer kalt in den Räumen, jetzt ist es eiskalt. Das Thermometer kommt nur schwer über die Zehn-Grad-Marke, im Badezimmer drückt der Schimmel durch die Tapete. Am Türrahmen zur Küche sitzt eine Kakerlake.

Bedenkliche ProblemeDass die Heizung nicht gehe, sei schon immer so gewesen, sagt Anna Kurz, Geschäftsführerin des neuen Investors auf HA-Nachfrage. Rodriguez sagt, dass sie mal ging und mal nicht. Seit mehr als zwei Wochen geht gar nichts mehr. Ein mit Strom betriebener kleiner Heizlüfter gibt im Wohnzimmer sein Bestes. Kalt ist es dennoch. Der Parkettfußboden im Flur hat sich vor ein paar Tagen gehoben. Überall sind Dellen. Den Zustand im Bad kann man bedenkenlos gesundheitsgefährdend nennen. Hier sollte niemand leben müssen.

Der Zustand im Treppenhaus? Die Investorin hat da eine andere Meinung: „Früher war hier alles vollgeschissen und vollgepinkelt, jetzt ist zwar der Putz abgeklopft, aber es ist sauber.“ So sei das halt bei einer Baumaßnahme. Er blende das alles aus, sagt der Mieter Rodriguez. Was bleibt ihm auch anderes übrig?

Mietaufhebungsvertrag mit Wirkung zum 31. Januar 2018Gerüchte über den Verkauf der Immobilie habe es schon lange gegeben. Irgendwann im Oktober lag eine Karte im Briefkasten. Eigentümerwechsel. Die Familie lehnte die Gutschrift für einen schnellen Auszug ab. Wohin sollten sie auch ziehen?

Irgendwann, sagt der 35-Jährige, stand eine Vertreterin des neuen Investors Finest Property aus Offenbach vor seiner Tür. Von Hand sei etwas ausgefüllt worden, die Worte fristlose Kündigung gefallen. Vielleicht fühlte der Familienvater sich unter Druck gesetzt. Schließlich unterschrieb er. Es ist ein Mietaufhebungsvertrag mit Wirkung zum 31. Januar 2018.

Nun haben die spanisch sprechenden Familien in der Daimlerstraße, anders als die Roma, keine Unterstützung durch den Internationalen Bund. Überhaupt haben sie kaum Hilfe. Und so ist es eine glückliche Fügung des Schicksals, dass Joel und seine Schwester Yanira ins „Mittendrin“ gehen. Montags bis freitags von 11.30 bis 16 Uhr sind die beiden in der Betreuungseinrichtung der Kathinka-Platzhoff-Stiftung. Hier gibt es ein warmes Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung, Sicherheit, Wärme.

UngewissheitDas Durcheinander in der Daimlerstraße und die Ungewissheit, wie es weitergeht, seien jeden Tag Thema, sagt „Mittendrin“-Leiterin Christine Fuchs im Gespräch mit unserer Zeitung. Sie erzählt von zwei wissenshungrigen Kindern, die gut Deutsch sprechen. Joel habe super Noten, sei ein Mathe-Profi, so Fuchs. Sie sieht Potenzial in dem Jungen, hofft, dass nach dem Schuljahr der Wechsel auf eine Realschule gelingt.

Die Familie hat den Mietaufhebungsvertrag angefochten, die Mängel angezeigt, Mietminderung verlangt. Die Mitarbeiter des „Mittendrin“ haben sie dabei unterstützt. Auch beim Gespräch heute ist jemand aus der Einrichtung dabei, übersetzt das Spanisch des 35-Jährigen.

Wohnungssuche und Wunsch nach RuheUnd jetzt? Wir suchen eine andere Wohnung, sagt Joel Rodriguez. Er hat seinen Arbeitskollegen Bescheid gegeben. Er hofft, dass sie etwas finden. Rechtzeitig. am besten aber so schnell wie möglich. Sie würden gern in Hanau bleiben, auch, weil er jeden Tag mit der S-Bahn nach Dietzenbach zur Arbeit fährt, weil die Kinder hier ihre Freunde haben. Ruhe wünscht er sich. Ein normales Familienleben.

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