Kein anderer hat das Großauheimer Ortsgericht wohl so geprägt wie Karl Müller. Fast sein halbes Leben hat er dort als ehrenamtlicher Hausschätzer fungiert. Foto: Bormann

Großauheim

950 Objekte geschätzt: Bauschätzer legt Amt nach 42 Jahren nieder

Großauheim. Wenn man in Großauheim in den vergangenen vier Jahrzehnten den Wert einer Immobilie schätzen lassen wollte, kam man an einer Person in der Regel nicht vorbei. Die Rede ist von Karl Müller, der im vergangenen Dezember nach 42 Jahren sein Amt als ehrenamtlicher Hausschätzer am Großauheimer Ortsgericht niedergelegt hat.

Von Jonas Bormann

Egal ob in die Jahre gekommene Eigenheime, leerstehende Bürogebäude oder großflächige Industriebauten – der gebürtige Großauheimer Karl Müller hat in seinem Leben schon nahezu jede Art von Immobilie gesichtet und bewertet, die seine Heimatstadt zu bieten hat. Fast 42 Jahre lang fungierte Müller als ehrenamtlicher Hausschätzer am Ortsgericht Großauheim und schätzte in dieser Zeit nach eigenen Angaben rund 950 Objekte. Eine Zahl, die sich Müller wohl selbst in seinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt hatte, als er im Februar 1975 vom Amtsgericht Hanau zum Ortsgerichtsschöffen bestellt wurde.

Nachdem Müller 1945 im Alter von 14 Jahren eine Maurerlehre begonnen hatte und die nächsten fünf Jahre in der Branche tätig war, begann er 1951 in Friedberg ein Studium im Bereich des Bauingenieurwesens, das er im Sommer 1954 erfolgreich abschließen konnte. Anschließend begann der gebürtige Großauheimer bei einem Frankfurter Architekten sein Geld zu verdienen, ehe er dann ein Angebot des Staatsbauamts annahm.

BerufserfahrungZum Zeitpunkt der Einberufung zum Schöffen durch das Hanauer Amtsgericht hatte der heute 86-Jährige also bereits 21 Jahre Berufserfahrung vorzuweisen, sodass ihn die neue Aufgabe als Hausschätzer vor keine allzu großen Probleme stellte. „Ich habe damals ohne lange zu überlegen direkt zugesagt, weil ich ja auch schon vorher Häuser kalkuliert hatte“, erinnert sich Müller. „Ich brauchte im Grunde nur eine kurze Einarbeitung darüber, wie das Ganze beim Amtsgericht abläuft.“

Wie lange Müller das Großauheimer Ortsgericht mit seiner Tätigkeit tatsächlich geprägt hat, wird vor allem daran deutlich, dass er insgesamt drei verschiedene Ortsgerichtsvorsteher erlebt hat. Speziell an die Zeit unter Edmund Bergmann und Heinz Weigand, mit denen er bis 1993, beziehungsweise 2002, zusammengearbeitet hatte, denkt Müller auch heute noch gerne zurück. Mit ihnen hatte er nebenbei sogar ein freundschaftliches Verhältnis gepflegt.

Tätigkeit als Hausschätzer„Einen Punkt, an dem ich gedachte habe, ich habe keine Lust mehr, gab es nie“, beteuert Müller. „Mir hat die ganze Aufgabe einfach Spaß gemacht und grundsätzlich hat es mich immer interessiert, was gewisse Immobilien wert sind.“ Probleme, die Tätigkeit als Hausschätzer mit seinem eigentlichen Job als Architekt unter einen Hut zu bringen, hatte Müller nie. Weil die Besichtigungen in Großauheim ausschließlich samstags stattfanden, konnte sich Müller unter der Woche voll auf seine Arbeit beim Staatsbauamt in Frankfurt konzentrieren, wo er vor allem Großbauprojekte betreute.

Die regelmäßigen Besichtigungen samt anschließender Rechenarbeit, die gut und gerne vier bis fünf Stunden in Anspruch nahmen, verstand Müller nie als Arbeit im eigentlichen Sinne. Für den gebürtigen Großauheimer handelte es sich vielmehr um eine Art der Freizeitbeschäftigung, speziell nachdem er 1995 zu seinem 65. Geburtstag in Rente gegangen war.

Hochhaus an der Krotzenburger Straße„Da ist man froh, wenn man an manchen Samstagen noch etwas machen kann, was mit Bau zu tun hat“, lacht Müller. Angesprochen auf eine Schätzung, die ihm besonders in Erinnerung geblieben ist, nennt der 86-Jährige das Hochhaus an der Krotzenburger Straße, das auch ihn erst einmal hat staunen lassen.

Prinzipiell steht es Ortsgerichten zu, die Schätzung bestimmter Immobilien ab einer gewissen Größenordnung abzulehnen, wenn dafür nötige Sachkenntnis fehlen sollte. Dies sei mit ihm als Hausschätzer am Großauheimer Ortsgericht nie der Fall gewesen, berichtet Müller stolz. „Als es um das Hochhaus ging, habe ich meine Kollegen beim Staatsbauamt auch mal um Rat gebeten. Das hat geholfen.“

Tätigkeit als TanzsporttrainerFast 1000 Immobilien hat Müller in seinem Leben besichtigt und doch kann er sich an jede einzelne Schätzung noch genau erinnern. Das dem so ist, liegt vor allem daran, dass Müller jeden seiner Aufträge vom Großauheimer Ortsgericht für seine persönliche Chronik dokumentiert und archiviert hat. Bereits zu aktiven Zeiten habe ihm die detaillierte Dokumentation seiner bisherigen Schätzungen das Leben immer wieder erleichtert.

„Manchmal kam es vor, dass ich ein Haus bewerten sollte, was ich bereits vor 20 Jahren schon einmal geschätzt hatte“, erinnert sich Müller. „Dann konnte ich einfach nochmal in meiner Chronik nachgucken und vergleichen.“ Zwar sei ihm der Abschied nach 42 Jahren nicht leicht gefallen, doch der Zukunft blickt Müller dennoch optimistisch entgegen. Trotz seines stolzen Alters will er auch in Zukunft seiner Tätigkeit als Tanzsporttrainer nachgehen. Momentan steht er dienstags und donnerstags in Wolfgang und Klein-Auheim auf der Tanzfläche und betreut dort insgesamt fünf Gruppen. Langeweile wird so schnell also wohl keine aufkommen.

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