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Niedecken: "Die Coolness-Polizei geht mir am Arsch vorbei"

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Wolfgang Niedecken tritt mit BAP im Hanauer Amphitheater auf. Archivfoto: Tina Niedecken
Wolfgang Niedecken tritt mit BAP im Hanauer Amphitheater auf. Archivfoto: Tina Niedecken

Hanau. Wolfgang Niedecken tritt mit der Band BAP am 14. September um 19.30 Uhr im Hanauer Amphitheater. Im Interview mit unserer Zeitung erklärt er, dass zynisch und cool zu sein keine Lösung ist. Außerdem spricht er unter anderem über seinen Schlaganfall, Existenzängste und Flüchtlinge.

Von Olaf Neumann

Wolfgang Niedecken sitzt auf einem Sessel in einem Designhotel im Hamburger Stadtteil St. Georg. Sein Haar leuchtet grau und er wirkt deutlich jünger, als er in Wirklichkeit ist. Ausgeschlafen ist er und bester Dinge, und wenn es um Ungerechtigkeit oder das Flüchtlingsdrama geht, kann er sich immer noch in Rage reden.

Seit vier Jahrzehnten widersteht Niedecken jeglichen Trends und Moden und schreibt beharrlich Songs im kölschen Dialekt. Das brachte ihm sogar die Aufmerksamkeit von Bob Dylan und Bruce Springsteen ein – sowie Tourneen in China oder in der Sowjetunion. Jetzt ist er mit BAP auf Jubiläumstournee, am 14. September kommt die Band ins Hanauer Amphitheater. Unser Mitarbeiter Olaf Neumann hat mit Niedecken gesprochen.

Herr Niedecken, Sie sind im März 65 geworden. Macht Sie das Alter gelassener?„Ja. Aber auch melancholischer. Es gibt einfach Sachen, an denen man sich abarbeiten kann, wie man will ohne etwas zu erreichen. Ich will aber nicht als Frustrierter enden! Ich habe immer noch genug Kraft in mir, dass ich weiter gegenhalten kann. Unser aktuelles Album ist wie ein Vexierbild: auf der einen Seite sehr melancholisch, auf der anderen auch sehr kraft- und humorvoll. Ich bin einfach eine melancholische Frohnatur. Ohne meinen Humor könnte ich wahrscheinlich einiges nicht mehr ertragen. Gottlob bin ich nie zum Zyniker geworden. In dem BAP-Lied 'Absurdistan' heißt es sinngemäß, zynisch und cool zu sein, ist keine Lösung. Die Coolness-Polizei geht mir sowieso am Arsch vorbei.“

Herrscht bei Ihnen vier Jahre nach Ihrem Schlaganfall wieder business as usual oder haben Sie an Ihrem Leben dauerhaft etwas geändert?„Ich habe schon einiges geändert, es gab ganz klar eine Zäsur. Wenn so eine Sache nicht passiert, könnte es sein, dass man die Endlichkeit des Lebens vergisst. Aber das war deutlich. In dem halben Jahr in der Reha wurde mir bewusst, dass ich keine Zeit mehr zu verplempern habe. Manche Leute hatten vielleicht ein bisschen Schwierigkeiten damit, dass da nach dem Schlaganfall plötzlich ein anderer Wolfgang Niedecken war. Ich bin entschlussfreudiger geworden.“

BAP wird dieses Jahr 40. Wie waren die Bedingungen bei Ihren ersten Tourneen mit dieser Band?„1980 haben wir zum Beispiel im Raschplatz-Pavillon in Hannover gespielt. Ich erinnere mich noch genau ans Catering: Es gab einen Kasten Bier und verschwitzte Käsebrötchen. Das Bier haben wir ausgetrunken, die Brötchen gegessen und geschlafen wurde irgendwo in einer Wohngemeinschaft. Am nächsten Morgen bin ich dann mit einem unfassbaren Schädel wach geworden. 1980 war der Major gerade zu uns gestoßen, damals pennten wir auf Tour fast immer in irgendwelchen WGs oder teilweise sogar mit Schlafsack auf dem Billardtisch im Venue.“

Für den Beruf des Künstlers braucht man eine überdurchschnittlich hohe Risikobereitschaft und Flexibilität. Hatten Sie diese Eigenschaften schon immer?„Ja. Aber es gehört auch eine gewisse Naivität dazu. Ich war jedenfalls unendlich glücklich, endlich kein Mathe, Latein oder Physik mehr lernen zu müssen und auf die Kunsthochschule gehen zu dürfen, wo ich malen konnte. Die acht Semester bis zum Examen waren pure Freude. Das habe ich auch meinen Kindern vererbt. Meine große Tochter studiert in Berlin Modedesign – und sie liebt es.“

Hatten Sie jemals Existenzängste?„Natürlich habe ich mich manchmal gefragt, wie ich jemals das Geld verdienen will, das ich zum Leben brauche. Aber das habe ich natürlich auch gern verdrängt. Es hat sich schon irgendwie gefügt. Nach dem Studium fing ich wieder an, Musik zu machen, und arbeitete eine Zeit lang als freier Maler. Wenn ich kein Geld mehr hatte, war ich für den WDR als Aushilfsgrafiker tätig. Mein Existenzminimum habe ich mir immer irgendwie verdient. Ich wusste, meine Lebensqualität kommt aus dem, was ich tue und nicht aus dem Geld, dass ich mit einem Scheißjob verdienen würde. Für mich gibt es nichts Schöneres als sich hinzusetzen und ein Lied zu schreiben, sich ein Cover oder eine Setlist auszudenken. Diesen wunderschönen Beruf darf ich jetzt seit 40 Jahren ausüben. Wahnsinn!“

Wie bezeichnen Sie Ihren Beruf?„Wenn ich im Ausland danach gefragt werde, sage ich immer: 'Ich bin Singer und Songwriter.' Dann wissen die Leute sofort, was ich tue, und ich fühle mich damit wohl. Gott sei Dank darf ich das mit einer guten Rock-n-Roll-Band im Rücken machen.“

Mit dem Erfolg nahmen auch die Begegnungen mit „Vollkasko-Desperados“ zu. Damit bezeichnen Sie Menschen, die Ihnen vorwerfen, zu kommerziell geworden zu sein. Was ist Kommerz?„Man muss einfach nur mal unsere Sachen richtig anhören, dann kommt man gar nicht auf den Gedanken, uns Kommerz vorzuwerfen. 'It’s all in the songs', hat Bob Dylan schon gesagt. Der Song 'Die Ballade vom Vollkasko-Desperado' war auch mal nötig. Vielleicht wird der eine oder andere ja jetzt mal darüber nachdenken. Das könnte schon mal helfen.“Wie sehr treffen Sie solche Vorwürfe?„Gott sei Dank ist es ein satirisches Stück geworden und sogar fast noch versöhnlich: 'Hört doch mal richtig hin, vielleicht können wir dann ja noch mal sprechen'“ Aber ich rede darin auch Klartext, denn diese Typen gehen mir manchmal einfach nur noch tierisch auf den Sack!“

Schließen Kunst und Kommerz sich aus?„Nicht unbedingt. Ich habe mich jedenfalls nie von Radiotauglichkeitsregeln kirre machen lassen. Ich wollte lieber erst mal ein Album machen und dann gucken, ob eventuell eine Single dabei ist, die man dann speziell fürs Radio bearbeitet. Ich richte mich nach keinen Vorgaben und stelle meine Spielregeln selber auf, und der Vollkasko-Desperado hätte gerne, dass ich sein Ersatzleben führe. Das werde ich aber nicht tun, ich führe mein eigenes Leben!“

In dem aktuellen BAP-Album „Lebenslänglich“ singen Sie erstmals auch hochdeutsche Strophen. Was wollen Sie damit ausdrücken?„Die Texte habe ich zunächst alle auf Kölsch geschrieben. Und dann gab es Stellen, die irgendwie merkwürdig klangen und bei denen ich mich wie ein Mundartpfleger fühlte. Aber dafür ist BAP nicht angetreten, das ist eher ein Nebeneffekt. Als ich diese Zeilen dann auf Hochdeutsch sang, war da plötzlich ein Fluss drin. Ich vertraue immer meinem Gefühl. Innerfamiliär heißt das, wenn Vatter die Nackenhaare hochgehen, ist irgendwas falsch.“Hängt es auch damit zusammen, dass Sie heute wieder viel Kontakt mit jüngeren, auf Hochdeutsch singenden Musikern haben?„Das kann sein. Wenn es eine Selbstverständlichkeit und innere Notwendigkeit hat, dann singe ich halt teilweise hochdeutsch. Früher war es genau andersrum: Da hatte ich bei Hochdeutsch oft das Gefühl, dass es gestelzt klingt. Es ist schön, dass wir viele Kölner Bands dazu gebracht haben, auch auf Kölsch zu singen. So dauert es ein bisschen länger, bis diese Sprache ausstirbt, denn aussterben wird sie auf jeden Fall, denn die Menschen haben im sozialen Alltag kaum noch die Möglichkeit, Dialekt zu sprechen.“

Sie selbst waren als junger Mann sehr zornig, singen Sie in „Alles relativ“. Sind Sie es noch immer?„Kommt drauf an, was gerade los ist. Aber ich spring nicht mehr so schnell auf den Tisch wie früher. Mit 64 hat man schon einiges erlebt, aber ich kann schon noch sehr zornig sein. Zum Beispiel bei unverschämten Ungerechtigkeiten, bei Ignoranz.“

Können Sie die zornigen jungen Muslime verstehen, die voller Hass gegen die westliche Welt sind?„Also, ich verstehe das, aber ich verzeihe es nicht. Das ist ein großer Unterschied. Gerade junge Menschen haben hochtrabende Ideale im Kopf und die können furchtbar missbraucht werden. Diese jungen Männer im Nahen Osten werden manipuliert. Aber es gibt auch eine altersbedingte Abenteuerlust und so was wie Revolutions-Chic. Auch damit lassen sich manche auf Wege führen, die unmenschlich sind. Sie sind vollkommen manipuliert und das ist bitter. Aber wenn ich mal an meine eigene Entwicklung zurückdenke: Wie viele laufen immer noch mit einem Che-Guevara-T-Shirt rum, obwohl schon lange ersichtlich ist, dass Guevara es in der Kubakrise auf einen Atomkrieg ankommen lassen wollte. Seitdem ich das weiß, habe ich mit dem Mann ein Problem. Wir sind alle manipulierbar.“

Wie schützen Sie sich davor?„Ich versuche, mich ständig zu informieren. Als ich dieser zornige junge Mann war, habe ich meinem Vater Vorwürfe gemacht, wie er sich zur Nazizeit verhalten hat. Da war ich selbstgerecht, aber die Jugend darf das sein. Irgendwann stellte ich mir natürlich die Frage, wie ich mich denn verhalten hätte, wenn ich im Nationalsozialismus eine Familie zu ernähren gehabt hätte. Hätte ich mich angepasst oder nicht? Das geht nur, wenn man sich selbst immer wieder hinterfragt. Heute tut mir vieles leid, was ich meinem Vater damals an den Kopf geworfen habe.“

Bereits in den 80ern tourten Sie in China, Mozambique, Nicaragua und der Sowjetunion. Ausschließlich mit kölschen Songs?„Für die China-Tournee hatten wir die Stones-Nummer 'Gimme Shelter' eingeprobt. Die Chinesen haben aber nicht mal gemerkt, dass das eine andere Sprache war! Kennen Sie etwa den Unterschied zwischen Chinesisch, Japanisch, Koreanisch und Vietnamesisch? Die kannten weder Elvis noch die Beatles geschweige denn die Rolling Stones. 1987 war das Land noch komplett dicht. Diese Tournee ist deswegen entstanden, weil Heinrich Bölls Übersetzerin bei dessen Gedenkfeier in Köln zugegen war, wo wir zwei Unplugged-Stücke gespielt haben.“

War sie ein Fan von BAP?„Diese Dame meinte, das wäre so schön gewesen und das müsste die Jugend Chinas doch auch mal erleben. Wir hielten das für Party-Smalltalk, aber auf einmal kam die Einladung. Und dann ist unser damaliger Manager Balou zusammen mit unserem Techniker dahingeflogen – und musste feststellen, dass wir in den größten Hallen auftreten sollten! Die Bühnen waren aber deutlich zu klein, weil die Chinesen dachten, die Band würde im Orchestergraben spielen und auf die Bühne kämen nur die Sänger und die Tänzer. Sie hatten wirklich keine blasse Ahnung!“

BAP gilt als eine der ersten, wenn nicht gar die erste westliche Rockband, die jemals in China aufgetreten ist.„Vor uns war nur Modern Talking da, aber die zähle ich jetzt mal nicht zu den Rock-n-Roll-Bands. Es waren insgesamt acht Konzerte: Drei in Peking vor jeweils 18 000 Leuten, drei in Shanghai und zwei in Kanton. Je mehr wir nach Süden kamen, desto temperamentvoller ging es ab. In Kanton, also Guang‧zhou, unmittelbar neben Hongkong kannten sie schon die Beatles und die Stones. Vor den einzelnen Shows wurde dem Publikum gesagt, dass es nicht aufstehen durfte, dass das Klatschen nur für eine bestimmte Zeit zugelassen wäre, und es gab auch keine Zugabe. Das gehörte sich damals in China nicht. Deswegen war es auch die einzige Tour, bei der wir 'Verdamp lang her' nicht gespielt haben.“

Und jetzt gibt es sogar ein Lied, das die Geschichte Ihres größten Hits erzählt. Es heißt „Et ess lang her“.„Ich habe endlich mal erzählen können, was mich dazu gebracht hat, dieses Lied zu schreiben. Denn die meisten wissen ja nicht, wovon 'Verdamp lang her' handelt. Geschrieben haben ich es Rosenmontag 1981 in Morlitzwinden zwischen Nürnberg und Rothenburg o. d. Tauber. Wir sind dort hingefahren, um vor dem Karneval zu fliehen. Damals hatte ich noch meine Kasten-Ente. Mein Vater war im September 1980 gestorben und ich war seitdem immer nur unterwegs. In Morlitzwinden hatte ich dann endlich die Zeit gefunden, mal dieses Lied zu schreiben, um mich wirklich von meinem Vater zu verabschieden.“

War Ihnen sofort bewusst, dass es Hitpotenzial hatte?„Nein. Es wäre fast noch nicht mal auf dem Album 'für usszeschnigge' gelandet. Denn es hatte anfangs keinen Refrain und nur eine rudimentäre Akkordfolge. Als wir nach den Proben die Anlage abbauen wollten, fragte ich die anderen, was wir denn nun jetzt mit dem Lied für meinen Vater machen würden. Der Major war schon deutlich genervt und spielte dann eine Mischung aus 'Under My Thumb' und einem Police-Lick. Und den simplen Refrain sang er auch gleich dazu. Plötzlich hörten alle mit dem Abbauen auf, und wir fingen an, den Song doch noch zu probieren. Schließlich haben wir ihn sogar aufgenommen.“

Wie waren die Reaktionen darauf?„Obwohl es nicht die Single war, hat ein Radiomann vom WDR namens Wolfgang Neumann das Ding in seiner „Schlagerrallye“ laufen lassen. Und auf einmal spielten es alle. Ein absoluter Zufall!“

2012 wurde Ihnen das Bundesverdienstkreuz erster Klasse verliehen – für Ihr humanitäres Engagement für ehemalige Kindersoldaten in Afrika. Wie kamen Sie dazu, unmittelbar Nächstenliebe zu praktizieren?„Dieses Thema ist mir zugelaufen. Ich bin nach Nord-Uganda geraten zu der Zeit, als dort Bürgerkrieg wütete und ich sah, was dort mit den Kindersoldaten passiert, wenn sie bei einem Gefecht übrig bleiben. Das ist furchtbar: Sie sind von ihren Familien verstoßen und wissen nicht, wie sie weiterleben sollen. Diese Bilder haben mich verfolgt. Ich habe in jedem dieser traumatisierten Kids meine Söhne oder meine Töchter gesehen. Diese Kindersoldaten mussten zum Teil Familienangehörige umbringen, damit ihr Weg zurück verstellt ist. Das ist so unfassbar bitter!“

Für den Auftritt gibt es noch Stehplatz-Karten. Sie sind für 47,90 Euro im Hanau Laden, Am Freiheitsplatz 3, erhältlich.

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