Der Hanauer Marktplatz in den 1960er Jahren. Archivfoto: rz

Hanau

Das Neustädter Rathaus hat eine bewegte Geschichte

Hanau. Jede Stadtgesellschaft braucht Orte der Selbstvergewisserung. Dies ganz besonders in Zeiten globalisierter Warenströme und Produktionsabläufe, angesichts weltumspannender Kommunikation in Echtzeit und nie gekannter Mobilität.

Von Werner Kurz

Das Wort „Identität“ hat an Gewicht gewonnen. Nur allzu leicht fließt es vor allem so manchem Politiker von den Lippen. Kommt es dann aber zum Schwur, so zeigt sich das Dilemma: Identität braucht mehr als nur schöne, schnell daher gesagte Worte, Identität braucht auch Orte, markante Orte. Und die wollen erhalten und gepflegt werden.

Als sich nach dem 19. März 1945 über den Trümmern des von britischen Bombern in Schutt und Asche gelegten Hanau der Rauch verzogen hatte, da sahen sich die Bürger nicht nur ihres materiellen Vermögens, ihres Eigentums beraubt. Mit dem Untergang des alten Hanau waren neben sieben Jahrhunderten Stadtgeschichte ausgelöscht worden, und auch das persönliche Erleben in dieser, die Erinnerung an diese Stadt hatte Schaden genommen. Stadtbildprägende Gebäude wie das Stadtschloss, das Altstädter Rathaus, die Wallonisch-Niederländische Doppelkirche waren zerstört; wie auch vom Neustädter Rathaus standen nur noch verkohlte Mauern mit leeren Fensterhöhlen.

1964 nach Wiederaufbau eingeweiht

Nach und nach erstanden diese Bauwerke wieder. In dem Maße, in dem Hanau neu aufgebaut wurde – übrigens viel schneller als es die Planer, die etwa fünf Jahrzehnte ansetzten, erwartet hatten – wurden auch diese stadtbildprägenden Bauten wieder zu Wahrzeichen städtischen Lebens, und städtischer Identität. Die Einweihung des wiederaufgebauten Neustädter Rathauses 1964 ist insofern auch eine starke Hanauer Wegmarke in der Nachkriegszeit, als nun der Wiederaufbau komplett war. Hanaus Bürger hatten ihr Rathaus wieder – und mit dem neuen alten Bau zugleich ein symbolträchtiges Wahrzeichen.

Der imposante Bau am Neustädter Markt war ursprünglich in die Häuserfront an der Nordseite des Platzes eingebunden. Nun entwickelte er eine ganz neue Wirkung. Freigestellt und von einem modernen, als offenes Viereck gebautem Verwaltungsgebäude im damals modernen Waschbeton umgeben, trat das Haus als Solitär aus dem einstigen Verbund hervor. Es war dies durchaus Intention des planenden Architekten: Durch die Herauslösung aus der Häuserfront sollte dem Gebäude eine hervorgehobene Stellung gegeben, zugleich der Gegensatz zwischen historischer und neuer Architekturform verdeutlicht werden.

Schönheitsfehler korrigiert

Quasi als Nebenwirkung kam durch die Verwirklichung der Pabst'schen Pläne der ursprünglich stark zurückgenommene repräsentative Charakter des Bauwerks umso mehr zur Geltung. Und dies ganz und gar nicht zum Nachteil des Stadtbildes.

In den 1980er Jahren korrigierte man dann noch einen Schönheitsfehler des Papst-Planes: Die Kubus-Architektur des Verwaltungsbaus wurde durch ein „barockisierendes“ Dachgeschoss aufgestockt, die Anmutung dadurch „entschärft“. Zugleich gewann man neuen Büroraum für die Verwaltung.

Diese war seit Kriegsende im Schloss Philippsruhe untergebracht. Bei der Auftragsvergabe 1960 zum Wiederaufbau des Rathauses am Neustädter Markt an den Darmstädter Architekturprofessor und Stadtplaner Theo Pabst (1905 bis 1979) war klar, dass das Neustädter Rathaus nach seinem Wiederaufbau nicht das Domizil für eine enorm gewachsene Stadtverwaltung sein konnte. So teilte Pabst das zukünftige Rathaus: Der umgebende Neubau sollte die Verwaltung aufnehmen, das äußerlich historisch rekonstruierte Rathaus von 1733 sollte für repräsentative Zwecke genutzt werden. Im Obergeschoss entstand der Stadtverordnetensitzungssaal, im Erdgeschoss Raum für Ausstellungen und Veranstaltungen.

Von seiner Geschichte her ist das Neustädter Rathaus Ergebnis der von Graf Philipp Ludwig II. initiierten Neustadtgründung durch Zuwanderer aus den spanischen Niederlanden, die mit zahlreichen Privilegien ausgestattet, ab 1599 eine neue Stadt errichteten. Dass es den Neubürgern weder an Kapital noch an bürgerlichem Selbstbewusstsein mangelte, zeigen die prachtvollen Giebel der Neustadt, aber auch die schiere Größe ihres Marktplatzes, eines der größten seiner Art in seiner Zeit.

Doch ein eigenes Rathaus ließ merkwürdigerweise auf sich warten. Schon 1606 geplant, wurde der Grundstein erst 1725 gelegt, der Bau nach Plänen des gräflich-hanauischen Hofbaumeisters Christian Ludwig Hermann (1687 bis 1751) im Jahr 1733 vollendet. Auch Graf Johann Reinhard unterstützte den Bau, etwa indem er Bauholz aus den gräflichen Beständen zur Verfügung stellte.

Ort der Identifikation

Gleichwohl: Die repräsentative Barockfassade aus Miltenberger Rotsandstein zeugt vom nicht geringen bürgerlichen Selbstbewusstsein der Neustadtbewohner. Das Rathaus war neben der imposanten Doppelkirche sicherlich deren „Hanauer Indentifikationsort“.

Heute ist das vor über 50 Jahren wiederaufgebaute Neustädter Rathaus in die Jahre gekommen, eine grundlegende Sanierung steht an und ist auch vor der heutigen Stadtverordnetensitzung schon so gut wie beschlossen. Denn: Was wäre die Alternative? Als 1984 das Schloss Philippsruhe, Hanaus „Gute Stubb“ abgebrannt war, da gab es auch keine Diskussion um die Wiederherstellung.

Jede Stadt braucht nun einmal Orte, aus denen die Stadtgesellschaft ihre Identifikation ziehen kann, Orte der Selbstvergewisserung, an denen man sich durchaus auch einmal reiben kann. Besonders wenn es um ein Bauwerk geht, welches weit mehr ist, als der architektonische Hintergrund für das Brüder-Grimm-Denkmal.

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