Der Vize-Bundesvorsitzende der SPD Thorsten Schäfer-Gümbel sprach sich unter anderem für eine bessere Streitkultur und bezahlbarem Wohnraum im Kampf gegen gegen Populismus aus. Foto: Patrick Scheiber

Hanau

Neujahrsempfang: Schäfer-Gümbel bei der SPD Mittelbuchen

Hanau. Es sei gar nicht schwer gewesen, den prominenten Gastredner für den diesjährigen Neujahrsempfang zu gewinnen, berichtet Gabriele Bromboszcz. „Ich habe ihn gefragt, ob er bei uns zum Thema 'Bezahlbarer Wohnraum' referiert und er hat gleich zugesagt“, erklärt die Ortsvereinsvorsitzende der SPD Mittelbuchen.

Von Christine Semmler

So einfach war das. „Ich war selbst verblüfft“, sagt Bromboszcz lachend.

Bauen und das Schaffen von Wohnraum ist schließlich ein großes Thema im Wahlkampf von „TSG“ gewesen. Und weil die Umsetzung des geplanten Neubaugebiets Nordwest in diesem Jahr neben der Europawahl zu den wichtigsten Themen des Ortsverbands gehört, freut sich die Mittelbuchener SPD über Bestärkung durch den prominenten Politiker.

„Es ist gut für Mittelbuchen, dass Wohnraum geschaffen wird“, ist Bromboszcz überzeugt. Wobei es hier aufgrund der gewachsenen Strukturen ungleich schwerer sei, als anderswo. Das geplante Neubaugebiet ist bekanntermaßen in der Bevölkerung stark umstritten.

"Wir haben verlernt, in der Sache zu streiten"

Der stellvertretende Bundesvorsitzende und Vorsitzende der Landtagsfraktion mischt sich zunächst ganz locker und ohne viel Sicherheits-Brimborium unter die rund 50 Gäste im Heinrich-Fischer-Haus, hält hier und da einen Plausch. Mit den Ortsverbandsmitgliedern ist er, ganz nach Genossen-Manier, per „Du“.

Auf dem Podium zieht sich das Thema „Bezahlbarer Wohnungsbau“ durch Schäfer-Gümbels Ausführungen wie ein roter Faden. Aber sein eigentliches Thema ist, das was viele derzeit ebenso bewegt und besorgt: Nämlich wie die etablierten Parteien angesichts der nahenden Europawahl dem erstarkenden Populismus beikommen können.

„Ein Problem ist, dass wir verlernt haben, zu diskutieren und ernsthaft in der Sache miteinander zu streiten.“ Schäfer-Gümbel ist nicht der erste, der darin „ein Teil des Problems in der eigenen Partei“ sieht. Auch gesamtgesellschaftlich und vor allem zwischen den Parteien müsse man erkennen, dass möglicherweise „auch der andere recht hat“.

Wenn zudem politische Versprechungen und die Lebenswirklichkeit der Menschen auseinander liefen, erzeuge das große Verunsicherung in der Bevölkerung. Das führt er anhand von zahlreichen Beispielen aus: die zunehmende Ungleichheit durch eine globalisierte Arbeitswelt, die Verödung ländlicher Infrastruktur oder der Umgang mit der Digitalisierung, die unsere Lebenswelt derzeit unaufhaltsam revolutioniert.

Auch die Entwicklungen in der Wohnungspolitik seien freilich Faktoren, die Menschen ängstigten und sie empfänglich für die vermeintlich einfachen Lösungen der Populisten machten.

Thema Wohnungsbau

Vom aktuellen Bauboom profitierten in seinen Augen vornehmlich Besserverdienende: Alte Preisbindungen seien ausgelaufen, neuer sozialer Wohnungsbau fände fast keiner mehr statt, kommunale Wohnungsbaugesellschaften würden zunehmend privatisiert. „Die öffentliche Hand“, so Schäfer-Gümbel, „muss wieder mehr Verantwortung übernehmen.“

Und dabei gehe es nicht nur um den Bau von Sozialwohnungen. Bis 2020, so Schäfer-Gümbel, sei im Großraum Frankfurt mit einem Zuzug von 250 000 Menschen aller Einkommensklassen zu rechnen. „Es ist eine Großstadt die neu gebaut werden muss.“

"Ein Drittel des Einkommens für Wohnen"

Zwar habe die Landesregierung erklärt, die Fördermittel für den Wohnungsbau zu erhöhen. Doch fänden Wohnungssuchende mit mittlerem und niedrigen Einkommen nach wie vor keine Bleibe. Auch das sei willkommenes Futter für Populisten.

Auf die Frage von Ortsvereinsvorsitzender Bromboszcz, wie denn „bezahlbarer Wohnraum“ konkret zu definieren sei, beruft sich Schäfer-Gümbel auf eine eben von ihm erarbeitete Formel: Die Kosten für Wohnraum sollten nicht mehr als ein Drittel des Einkommens betragen.

Stehende Ovationen

Abschließend mahnt Schäfer-Gümbel noch einmal, die SPD müsse sich auf ihre „DNA“ konzentrieren: Nämlich mit Hilfe von tech‧nischem Fortschritt Wohlstand und soziale Sicherheit zu schaffen. Zudem habe man das Feld der Ökologie zu sehr den Grünen überlassen und damit einen Teil der jüngeren Wählerschaft verloren, der dieses Thema sehr wichtig sei.

Zum Abschluss seines kurzweiligen Beitrages erhält Schäfer-Gümbel zum Teil stehende Ovationen sowie ein Geschenk aus den Händen der Ortsvereinsvorsitzenden: Als Andenken an Hanau nimmt er eine Brüder-Grimm-Torte und Original Mittelbuchener Rindswurst mit.

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