Gözde Saçiak, Projektkoordination der neuen Fachstelle (rechts), und Elke Hohmann, Leiterin der Hanauer Volkshochschule, wollen in den kommenden Jahren gezielt gegen rassistische Diskriminierung in der Stadt vorgehen.
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Gözde Saçiak, Projektkoordination der neuen Fachstelle (rechts), und Elke Hohmann, Leiterin der Hanauer Volkshochschule, wollen in den kommenden Jahren gezielt gegen rassistische Diskriminierung in der Stadt vorgehen.

Neue Hanauer Fachstelle soll Miteinander stärken

Kampf gegen Rassismus: „Dext“ setzt auf Beratung und Bildung

  • Christine Semmler
    vonChristine Semmler
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Gözde Saçiak hat eben erst das kleine Büro im neuen Zentrum für Demokratie und Vielfalt am Hessen-Homburg-Platz 6 bezogen. Im Besprechungsraum nebenan gehen während des Pressegesprächs noch die Handwerker ein und aus.

Hanau - Zu klein, zu versteckt, zu weit außerhalb: Noch entsprechen die Möglichkeiten im kleinen weißen Gebäude nicht den Vorstellungen. Aber erst mal besser als nichts: Hier sollen in der nächsten Zeit Beratungsgespräche stattfinden, Netzwerke geknüpft und Veranstaltungen geplant werden, die einen gemeinsamen Schwerpunkt haben: die Arbeit gegen rassistische Diskriminierung und für ein besseres Miteinander.

Gözde Saçiak besetzt seit einem guten halben Jahr die neue Hanauer „Fachstelle für Demokratieförderung und Extremismusprävention“ (Dext), gemeinsam mit Kollegin Antje Biertümpel. Dext ist eine vom Land geförderte Anlaufstelle, von denen es bereits 26 weitere in Hessen gibt.

Die Stelle wurde in Folge des Anschlags vom 19. Februar gegründet. „Das Land Hessen hat uns ermöglicht, uns außerhalb der Frist für das Programm zu bewerben“, erklärt Elke Hohmann. Die Leiterin der Volkshochschule ist Saçiaks Chefin. Denn die Stadtspitze hat sich dafür entschieden, die Stelle im Bildungsbereich anzusiedeln und nicht wie in anderen Kommunen oft üblich, im Ordnungsamt. „Rassismusbekämpfung und Förderung von Demokratie hat in unseren Augen einfach viel mit Bildung zu tun“, sagt Hohmann. Im Sommer wurde der Antrag bewilligt und dank eines zusätzlichen Sonderförderungsprogrammes für Hanau stehen der Stelle in den kommenden beiden Jahren Fördergelder in Höhe von 500 000 Euro zur Verfügung. Die Stadt Hanau finanziert die Stelle mit einem Eigenanteil von zehn Prozent.

Gözde Saçiak hat in Frankfurt Politikwissenschaft studiert, mit den Schwerpunkten rassistische Gewalt und Erinnerungskultur, war danach in der Bildungsarbeit tätig. „Das waren sehr gute Voraussetzungen für uns“, sagt Hohmann. Saçiak hingegen hatte neben dem fachlichen Interesse auch ein persönliches Anliegen, sich bei der Stadt Hanau zu bewerben: „Mich hat der Anschlag sehr beschäftigt, denn ich habe Freunde in Hanau. Ich hatte das Bedürfnis, hier etwas zu tun.“

Im Spätsommer wurde in Hanau schließlich das Zentrum für Demokratie und Vielfalt gegründet, das vier Stellen unter einem Dach vereint. Das sind neben der Dext-Fachstelle die Geschäftsstelle des Ausländerbeirats und die Programme „Demokratie leben“ sowie „Wir – Wegweisende Integrationsansätze realisieren“. Inzwischen ist hier schon ein bisschen was passiert. „Wir sind Teil diverser städtischer Runden, die den Jahrestag und ein Denkmal planen“, erklärt Saçiak. Außerdem unterstütze und vernetze die Stelle Akteure in Hanau, die den Geschehnissen des 19. Februar gedenken wollen. Das kann ein Erinnerungsort in einem Jugendzentrum sein oder die Aktion in einer Schule. Eine der wichtigsten Aufgaben der Stelle ist es, die Erinnerungskultur zum 19. Februar zu etablieren: Wie gehen die Stadt Hanau und ihre Bürger dauerhaft mit dem Anschlag um? Wie wollen sie der schrecklichen Gewalttat gedenken? Welche Fehler kann man hier vermeiden?

Um diese Fragen zu klären, hatte die Dext-Fachstelle Gastredner in verschiedene Gremien eingeladen. Darunter Ayse Güleç, die von den Erfahrungen und Erkenntnissen aus Kassel berichtet hat. „Eine wichtige Botschaft war, dass die gut gemeinten Aktivitäten nicht über die Köpfe der trauernden Betroffenen hinweg entschieden werden“, erläutert Saçiak und nimmt das geplante Denkmal als Beispiel, das ursprünglich zum ersten Jahrestag enthüllt werden sollte: „Wir müssen uns Zeit nehmen. Nicht die Deadline ist wichtig, sondern der Prozess.“ Da OB Claus Kaminsky von Anfang an im Austausch mit den Opferfamilien steht, sei man in Hanau auf einem guten Weg.

Die Mitarbeiter von Dextwollen Menschen stärken, die von Diskriminierung betroffen sind oder etwas gegen Rassismus unternehmen wollen. „Unser Ziel ist es, in die Breite der Stadtgesellschaft zu wirken“, so Hohmann. Im März soll eine dritte Mitarbeiterstelle besetzt werden. Das Team soll auf lange Sicht direkter Ansprechpartner für Ratsuchende werden.

„Manchmal wollen die Menschen, dass man ihnen einfach nur zuhört. Manchmal kann ich helfen, in dem ich den richtigen Ansprechpartner weiß, der weiterhilft. Ich kann aber auch ein klärendes Gespräch begleiten, beispielsweise, wenn es um Diskriminierung am Arbeitsplatz geht“, erläutert Saçiak.

Die Fachstelle organisiert außerdem einen Treff migrantischer Väter oder vermittelt anderen Organisationen Beratungsräume in Hanau.

„Kehren vor der eigenen Tür“, so bezeichnet Elke Hohmann einen weiteren Schwerpunkt: Auch in der Stadtverwaltung sollen die Menschen sensibler mit Diversität umgehen. Im März 2021 starten die ersten Weiterbildungen in Kooperation mit dem Projekt „Zusammenleben neu gestalten“, die sich an die jeweiligen Bedürfnisse der Abteilungen anpassen. „Die sehen im Schwimmbad sicher ganz anders aus als beim Gebäudemanagement“, so Saçiak.

Der endgültige Standort des Zentrums steht noch nicht fest. Er soll größer sein und näher am Zentrum liegen. „Hier soll ein lebendiger Ort entstehen, in den man einfach reingehen kann, auch ganz ohne Anliegen, einfach um einen Kaffee zu trinken“, erläutert die VHS-Leiterin. „Wir haben jetzt erst einmal unsere Energie in den Jahrestag am 19. Februar gesteckt“, so Hohmann. „Wenn der geschafft ist, werden wir konzeptionell richtig Fahrt aufnehmen.“

Von Christine Semmler

Übergangsdomizil des Zentrums für Vielfalt und Demokratie ist der Hessen-Homburg-Platz. Eine endgültige Lokalität wird noch gesucht.

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