Das prunkvoll verzierte Kreuz wird während des Gottesdienstes von den Gläubigen geküsst. Foto: Habermann

Hanau

Neue geistliche Heimat für Orthodoxe Eritreische Gemeinde

Steinheim. Ein mehr als 500 Jahre altes römisch-katholisches Gotteshaus im Herzen der Steinheimer Altstadt: Es ist das neue Domizil für einen orthodoxen Gottesdienst in Hanau. Sonntags zelebriert in der St.-Johann-Baptist-Kirche künftig die Orthodoxe Christliche Gemeinde Eritreas ihre traditionelle Messe unter dem Tonnengewölbe.

Von Rainer Habermann

Vorgestern fand die erste statt, es duftete nach Weihrauch, das Kirchenschiff war über mehr als zwei Stunden erfüllt vom rituellen Gesang der ostafrikanischen christlichen Gemeinde.

Rund 200 Menschen umfasst die eritreische Gemeinde im Main-Kinzig-Kreis. Für sie sei die Steinheimer Kirche gedacht, um ihre Religion auszuüben, wie Siegfried Jorda, Sprecher der ökumenischen Flüchtlingshilfe, erklärt.

Froh und glücklichDie zurzeit einzige Möglichkeit, einem eritreisch-orthodoxen Gottesdienst beizuwohnen, sei sonntags um 6 Uhr in einer evangelischen Kirche in Frankfurt-Höchst. Kostengründe und der Fahrplan des RMV machten eine Teilnahme dort für die Gläubigen aus Hanau, Gelnhausen und anderen Orten nur schwer möglich. Die eritreische Gemeinde war aus diesem Grund auf der Suche nach einem geeigneten Raum in Hanau.

„Wir sind sehr froh und glücklich, dass die Gespräche mit der katholischen Gemeinde St. Johann Baptist, namentlich mit Pfarrer Lukasz Szafera, auf so fruchtbaren Boden gefallen sind“, zeigt sich Gebrab Kuflom, Vorsitzender der eritreischen Gemeinde in Hanau, begeistert von einer Idee, die ursprünglich Jorda hatte. Er kam auf den Gedanken, zu prüfen, inwieweit die Nutzung der Alten Pfarrkirche in Steinheim für den eritreischen Gottesdienst geeignet sei.

Schuhe aus zum GebetDieses Kleinod, eine ursprünglich im gotischen Stil erbaute Kirche, werde von der katholischen Pfarrgemeinde nur noch wenig für Gottesdienste genutzt und sei am Sonntagvormittag nicht belegt. Dass sie geeignet ist und dass sich die Gläubigen hier wohlfühlen, das war am vergangenen Sonntag unübersehbar.

„Es ist gut“, waren die Begrüßungsworte Jordas an diesem Morgen. „Es ist gut, weil ihr hier in Sicherheit seid. Es ist gut, weil ihr hier keine Angst zu haben braucht um euer Leben, um eure Freiheit, wie in eurer Heimat.“ Priester Yeham Serafaeul Bahibili leitete zusammen mit einem ebenso in golden schimmernden Gewändern gekleideten Kollegen den orthodoxen Gottesdienst, der nicht gerade Welten von einem katholischen entfernt scheint. Zumindest für Glaubenslaien. Markante Unterschiede: Die meisten Gläubigen ziehen ihre Schuhe aus, bevor sie das Gotteshaus betreten.

Besondere Zeichen und AtmosphäreDas weiße Kopftuch und das weiße Gewand sind überwiegend Frauen vorbehalten, die sich auch auf der gegenüberliegenden Seite der Männer-Kirchenbänke wiederfinden. Das weiße Gewand symbolisiert die Reinheit des Glaubens. Männer ganz in Weiß lassen sich wohl am ehesten mit den Ministranten in katholischen Messen vergleichen, sie tragen einen weißen Stab vor sich. Die Priester schwingen das Weihrauchfass („Turibulum“), sie bewegen sich mit ihm und dem prunkvoll verzierten Kreuz durch die Reihen, ein jeder und eine jede küsst das Kreuz.

Während nahezu des gesamten Gottesdienstes erfüllen rituelle Gesänge das Kirchenschiff, die manchmal an gregorianische Choräle erinnern. Es herrscht eine andächtige, friedliche Atmosphäre, die bei einem unabhängigen Betrachter das Gefühl von Erhabenheit – über die Leiden, welche die Menschen auf der Flucht aus und in ihrer Heimat erduldet haben müssen – erweckt.

Erhabenheit der Gläubigen, nicht des Betrachters. Der sich daran erinnert, wie viele von ihnen auf dem Weg über das Mittelmeer, auf der Flucht, umgekommen sind.

Schöner Gesang schon bekanntJorda dankt vor allem der katholischen Gemeinde St. Johann Baptist mit ihrem Obmann des Verwaltungsrats, Lothar Müller, und auch dem Vorsitzenden des Verwaltungsrats Alte Pfarrkirche, dem bekannten Steinheimer „HR-Börsenguru“ Frank Lehmann, für die Kooperation bei der Überlassung der sakralen Räume. Das „gemeine Volk“ auf der Straße scheint die Entscheidung zu goutieren. „Sie wollen sicher zum eritreischen Gottesdienst, wo so schön gesungen wird“, wies eine Dame unserem Reporter den Weg.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema