Hanau

Für nachfolgende Generationen

Andrea Plotzitzka und Kai Heckele kümmern sich nicht nur um verschiedene Obstbäume auf ihrem Grundstück, sondern auch um einige bretonische Zwergschafe. (Foto: Hackendahl)

Hanau-Steinheim. Herbstzeit ist Erntezeit. Und ernten wollen sie ihr angestrebtes Zertifikat noch in diesem Jahr. Andrea Plotzitzka und Kai Heckele machen eine einjährige Ausbildung zum zertifizierten Landschaftsobstbauer mit Schwerpunkt Streuobstwiese.

Von Holger Hackendahl

An sieben Wochenenden besuchen die beiden aus Klein-Auheim und Steinheim in Steinau-Marborn eine vom Landschaftspflegeverband Main-Kinzig-Kreis angebotene naturnahe Ausbildung.

In den zwölf Monaten lernen sie dabei die theoretischen und praktischen Grundlagen zur Veredelung von Obstgehölzen. Samstags und sonntags heißt es für das Paar büffeln – ganz im Sinne nachfolgender Generationen. Die angehenden Landschaftsobstbauer, deren persönlicher Fokus auf den alten Obstsorten von Apfel, Birne, Pfirsich, Zwetschge, Reneclode und Quitte liegt, nennen unweit des Häuser Wegs ein Obstbaugrundstück ihr Eigen. Zudem haben sie eines von 15 Grundstücken auf der Hanauer Gemarkung des Gailenbergs – auf einer Lichtung zwischen Steinheim und Lämmerspiel – erworben.

Fortbestand alter Streuobstwiesenbestände gewährleisten

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Dort wurden in den letzten Monaten im Rahmen einer Renaturierungsmaßnahme zum Erhalt des wichtigen und in der Region charakteristischen Landschaftstyps Streuobstwiese die verbuschten Wiesen mit altem Obstbaumbestand von wuchernden Büschen gerodet und der Boden gefräst. „Im Herbst wollen wir auf unserem Grundstück junge Obstbäume pflanzen – damit der Charakter als Streuobstwiese erhalten bleibt“, erläutert Heckele. „Nun planen wir – um alte Obstsorten zu erhalten –, mit erfahrenen Obstbauern in Steinheim und Klein-Auheim in Kontakt zu kommen“, so der Naturfreund weiter.

Um den Fortbestand alter Streuobstwiesenbestände zu gewährleisten, möchte das Paar alte Obstsorten „veredeln“, sprich zwei junge Obstgehölze zusammenführen, auch unter den Begriffen „pfropfen und kopulieren“ bekannt. „Wir ziehen derzeit schon Apfelsämlinge heran, kappen diese nach ein bis zwei Jahren mit schrägem Schnitt und verbinden den jungen Trieb als Unterlage mit einem Edelreis, dem jungen Zweig eines alten Obstbaums“, erklärt der angehende Landschaftsobstbauer. „Beide Triebe – Edelreis und Unterlage – werden mit speziellem Baumwachs verklebt. Auf dem jungen Spross wächst und lebt die alte Obstsorte dann weiter.“

Mit Menschen in Kontakt kommen

Durch die Erlangung besonderer Kenntnisse im Rahmen der Ausbildung wollen Heckele und Plotzitzka alte Apfelsorten wie Goldparmäne, Landsberger Renette, Schafnase, Freiherr von Berlepsch, Hochzeitsapfel, Gravensteiner, Bohnapfel, Ontario und Boskoop auf den Streuobstwiesen in der Steinheimer Gemarkung erhalten. Denn viele Streuobstwiesen etwa die am Gailenberg oder auf dem Amerikafeld weisen einen überalterten Baumbestand auf.

„Wir wollen mit Menschen in Kontakt kommen, die etwa hinterm Haus oder auf einem Grundstück Bäume mit alten Obstsorten stehen haben. Vielleicht können wir von dem Baum einen jungen Zweig abschneiden, mit dem wir einen jungen Baum veredeln können“, hofft das Paar, das mehrere bretonische Zwergschafe hält. Auch auf ihrem Ackergrundstück, das Kai Heckele vor vier Jahren von seiner Großmutter erbte, stehen noch einige alte Obstbäume. „Die haben wir wieder kultiviert. Bei der Suche nach Baumpflegetipps und Obstbaumschnitt sind wir auf diese Ausbildung gestoßen“, erzählt der 45-jährige Vater einer Tochter.

Ausgleich zu Jobs in der Industrie

„Unser Ziel ist die Pflege unserer heimischen Streuobstwiesen. Als zertifizierte Landschaftsobstbauern wollen wir dann Hobby-Obstbauern beraten und schulen“, erzählen beide, und dass sie 2018 dann mit einer Ausbildung als Streuobstpädagogen beginnen wollen.

„Die Ausbildung und das naturnahe Hobby sind Ausgleich zu unseren Jobs als Führungskräfte in der Industrie“, erzählen die beiden. „Auch das Marmeladekochen und Apfelweinkeltern machen uns viel Spaß. Es ist zwar mit Arbeit verbunden, aber selbstgemachte Produkte schmecken besser als die aus dem Discounter und wir holen uns ein Stück Natur ins Haus“, haben sie festgestellt. Kontakt haben sie auch bereits mit dem Pomologenverein Landesgruppe Hessen gemacht, denn die darin zusammengeschlossenen Obstbau-Experten haben sich den Erhalt alter Apfelsorten auf die Fahne geschrieben.

Wichtiger Lebensraum für Insekten und Vogelarten

„Streuobstwiesen sind wichtiger Lebensraum für viele Pflanzen, Insekten und Vogelarten“, berichtet Heckele, der bereits 15 junge Obstbäume veredelt hat. „Sie wachsen allerdings noch geschützt zu Hause. Unsere Baumkinderstube wird gehegt, gepflegt und gegossen“, schmunzelt Heckele und berichtet, dass die Bäume im Freiland dann bis zu ihrem endgültigen Standort öfter verpflanzt werden sollen. „Die ersten sieben Jahre eines Obstbaums sind das Kinder- und Jugendalter. Erst nach einem Erziehungsschnitt (Formschnitt) werden sie an den endgültigen Standort gepflanzt“, weiß Heckele.

Ab einem Alter von 20 bis 25 Jahren stehen Obstbäume voll im Saft. Es ist ihre Hauptzeit, in der sie besonders ertragreich sind und viele Früchte tragen. „Durch richtige Pflege können Obstbäume alt werden und die ertragreiche Zeit lässt sich durch richtige Pflege hinauszögern“, erläutert der angehende Obstbau-Experte, dass Apfel- und Birnbäume bei richtiger Pflege bis zu 100 Jahre alt werden können. Auch nachfolgende Generationen können dann noch ernten und so von der Weitsicht vorangegangener Generationen profitieren.

Telefon 0 17 4/40 33 48 6, E-Mail: Service@Landschaftsobstbauer-Hanau.de

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