Skeptische Blicke: Turgut Yilmaz (im Auto), Ali Ildiz (Mitte) und Yilmaz Yazici fahren kaum noch oder gar nicht mehr abends und nachts. Foto: David Scheck

Hanau

Nach Überfallserie: Das sagen Hanauer Taxifahrer zum Berufsrisiko

Hanau. Eine Infoseite im Internet zu Berufsunfähigkeitsversicherungen klärt über die 13 gefährlichsten Tätigkeiten auf, darunter Bombenentschärfer, Fensterputzer, Feuerwehrmann, Pilot, Dachdecker, Soldat, Polizist oder Stuntman. Welche Branche in der Auflistung nicht genannt wird: Taxifahrer.

Von David Scheck

Auch sie leben gefährlich, wie vier von ihnen in den vergangenen Wochen erfahren mussten. Wie geht man damit um, wenn die Angst mitfährt? Darüber haben wir mit Hanauer Taxifahrern gesprochen.

"Die Angst fährt immer mit"

Es ist Freitagmorgen, am Taxistand auf dem Vorplatz des Hanauer Hauptbahnhofes. Eine ungefährliche Zeit, keine dubiosen Gestalten, keine aggressiven Gruppen, die Ärger machen könnten. Turgut Yilmaz ist seit sechs Jahren als Taxifahrer auf Hanaus Straßen unterwegs. Von den Überfällen auf seine Kollegen hat er gehört, vor allem beschäftigt ihn aber auch der Raub auf seinen Chef im vergangenen November, bei dem dieser verletzt wurde.

Seit diesem Überfall fahre er nicht mehr nachts, sagt der 59-Jährige. Auch wenn er selbst noch nicht überfallen wurde: „Die Angst fährt immer mit.“ Wie stark die ausgeprägt ist, hängt natürlich von der Kundschaft ab. Aber wenn zwei, drei männliche Fahrgäste und vielleicht noch einer auf dem Beifahrersitz im Auto saßen, habe er schon „ein mulmiges Gefühl“.

Die Frage ist, wie man als Taxifahrer bei einem Überfall richtig reagiert, ob es überhaupt ein richtiges Verhalten gibt. Denn eine Garantie, dass potenzielle Räuber sie körperlich unversehrt lassen, wenn Yilmaz oder seine Kollegen auf deren Forderungen eingehen, gibt es nicht. „Man ist nie sicher, selbst wenn man das Geld herausgibt.“

Pfefferspray für den Notfall

Fahrerkabinen, die durch eine schusssichere Scheibe von der Rückbank abgetrennt sind, wie in New York oder London, haben deutsche Taxis nicht. Die Fahrer hier müssen sich also auf ihre Intuition und ihre Menschenkenntnis verlassen. „Für den Notfall habe ich das hier“, sagt Yilmaz und holt eine Dose Pfefferspray aus seinem Taxi. Keine wirkliche Verteidigungswaffe, „aber es dabei zu haben, beruhigt“, so der 59-Jährige.

Ali Ildiz, der während des Gesprächs dazukommt, erzählt, dass er bereits seit rund 15 Jahren Taxi in Hanau fährt. Auch er wurde noch nicht überfallen, „zum Glück“, dennoch fährt auch er kaum noch in den Nachtstunden. Der 56-Jährige plädiert für schärfere Waffengesetze. „Es gibt ja zum Beispiel Sperrbezirke, in denen keine Messer getragen werden dürfen“, so Ildiz.

Taxifahrer begegnen Kunden oft skeptisch

Doch würden schärfere Gesetze potenzielle Räuber abschrecken? Da bleiben Zweifel. Fast entschuldigend erwähnt Ildiz, dass viele Kollegen schon von vornherein reserviert gegenüber den Fahrgästen auftreten würden. Aus Skepsis, vielleicht Angst, mit Sicherheit aus Vorsicht. „Aber das wird dann von den Kunden oft fälschlicherweise als Unhöflichkeit interpretiert“, benennt Ildiz das Dilemma.

Dabei sei ihm und seinen Kollegen natürlich klar, dass die ältere Dame, die zum Bahnhof gefahren werden will, keine Gefahr darstellt.

Fahrgäste wie die ältere Dame fahren allerdings auch meistens tagsüber mit dem Taxi. „Aber kommen Sie mal an einem Freitag- oder Samstagabend an den Freiheitsplatz und schauen Sie sich an, was da los ist“, empfiehlt Yilmaz. Flaschen werden zerschlagen, Prügeleien auf offener Straße. Er kürzlich sei er wieder Augenzeuge einer Schlägerei geworden.

Anschnallpflicht wird zum Problem

Was Yilmaz, Ildiz und Yilmaz Yazici, ein dritter Taxifahrer, der mittlerweile zur Gesprächsrunde dazugestoßen ist, gemeinsam kritisieren, ist die im Jahr 2014 beschlossene Anschnallpflicht für Taxifahrer. Das mag im ersten Moment erstaunen, dient der Gurt doch der eigenen Sicherheit. Doch beim zweiten Hinsehen wird klar, was die Fahrer meinen: Es geht um ihre Sicherheit, nicht vor dem Straßenverkehr, sondern vor Fahrgästen, die Schlechtes im Schilde führen.

„Angeschnallt kann man nicht so ohne Weiteres aus dem Auto flüchten“, beschreiben sie das Problem. Bei der Einführung der Anschnallpflicht in der Bundesrepublik in den 1970er Jahren waren Taxifahrer davon ausgenommen worden, da sie immer wieder Opfer von Überfällen wurden. Das Bundesverkehrsministerium begründete 2014 die Änderung des Gesetzes unter anderem damit, dass in der heutigen Zeit eine weitaus größere Gefahr von Verkehrsunfällen ausgehe als von Überfällen auf Taxifahrer.

Überfälle in der Region eher selten

Tatsächlich ist die Zahl der Angriffe auf Taxichauffeure in der Region überschaubar: In Hanau gab es im Zeitraum zwischen 2014 und 2018 insgesamt drei Überfälle, von denen zwei aufgeklärt werden konnten, wie die Pressestelle des Polizeipräsidiums Südosthessen auf Nachfrage unserer Zeitung mitteilt. Im restlichen Main-Kinzig-Kreis gab es im gleichen Zeitraum sieben Überfälle, von denen zwei ungeklärt blieben.

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