Die Handschellen klicken: Wie lange Mario L. jetzt innerhalb der Psychiatrie bleiben muss, ist unbestimmt. Die Unterbringung ist zeitlich unbefristet. Foto: Rainer Habermann

Hanau

Nach Angriffen auf sieben Menschen - Täter muss in die Psychatrie

Hanau. Was bringt einen im Tatzeitraum von Dezember 2018 bis Februar 2019 29-jährigen, gebürtigen Hanauer mit italienischen Wurzeln dazu, in der Steinheimer Ludwigstraße, aber auch am Hanauer Postcarré, wahllos sieben verschiedene Personen zu überfallen, körperlich anzugreifen, zu bedrohen und teils erheblich zu verletzen?

Von Rainer Habermann

Einfache, aber vordergründige Antwort: Drogenkonsum. Jedoch auch gepaart mit einer schweren psychischen Erkrankung: paranoide Schizophrenie.

Unter diesem Aspekt, nämlich der Schuldunfähigkeit jeweils zum Tatzeitpunkt, begann am Montag der Prozess vor der 2. Großen Strafkammer des Hanauer Landgerichts unter Vorsitz von Richterin und Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel gegen Mario L. als Sicherungsverfahren. Und endete am gleichen Tag mit dem Urteil: Einweisung in eine psychiatrische Klinik auf unbestimmte Zeit.

Zeugen bewiesen Zivilcourage

Dass es für die sieben Opfer nicht schlimmer kam, sie nur jeweils kleinere Blessuren davontrugen, ist auch der schnellen Hilfe vieler Zeugen zu verdanken, die das Tatgeschehen jeweils mitbekommen und beherzt eingegriffen hatten. Ein 24-jähriger Zeuge verfolgte den flüchtenden Mario L. sogar mit einem Fahrrad, das er sich kurz nach dessen Überfall am Abend des 12. Dezember 2018 vom Opfer „ausgeborgt“ hatte.

Oder zwei junge Männer, die einer Dame, der L. ins Gesicht geschlagen hatte und die daraufhin um Hilfe schrie, auch zu Hilfe eilten. Einer der beiden ist Arzt, er konnte die leichten Wunden der Frau gleich erstversorgen, bevor der Rettungswagen kam. Bei diesen Zeugen, die eine gehörige Portion Zivilcourage gezeigt hatten, bedankte sich Wetzel ausdrücklich.

Von zu Hause ins Obdachlosenasyl

Im Rahmen der Untersuchungshaft in einer Frankfurter JVA hatten zwei Heidelberger Professoren, die forensischen Psychiater Dr. Niels Habermann und Dr. med. Johannes Schröder, den Beschuldigten „exploriert“, wie sich die Untersuchung im Psychologen-Deutsch nennt. Sie berichteten übereinstimmend von der schweren psychischen Störung L.s, der angab, bereits im Alter von 13 Jahren mit dem Konsum von Cannabis begonnen zu haben. Auf rund ein bis zwei Gramm Marihuana sei er täglich gekommen, finanziert mit Geld, das er irgendwie von den Eltern gehabt haben muss, aber später auch von Hartz IV, wie er einräumte.

Einen Hauptschulabschluss hatte L. irgendwann mal gemacht, eine Lehre angefangen, aber auch abgebrochen. Und mehrmals als Leiharbeiter in der Produktion gejobbt. Mit etwa 27 Jahren reichte es dann seiner Mutter und seinem älteren Bruder, bei denen er noch wohnte. Er zog aus – und direkt ein in ein Steinheimer Obdachlosenasyl. Was wie eine Drogenkarriere wirkt, ist aber keine.

Gutachten spricht eine klare Sprache

Dr. Schröder stellte in seinem Gutachten ausdrücklich fest, dass die Erkrankung keine „drogeninduzierte Psychose“, also keine psychische Störung aufgrund von Drogenkonsum sei, sondern eben eine schwere Form von Schizophrenie. Das passt zu den Wahnvorstellungen von Verfolgung, von „Anschauen“, über die weitere Zeugen berichtet hatten. Richterin Wetzel meinte in ihren Schlussworten, dass möglicherweise sogar frühere Taten, für die Mario L. Strafen von verschiedenen Gerichten wegen Körperverletzung, Diebstahl und Nötigung erhalten hatte, unter dem Einfluss der Krankheit erfolgt sein könnten.

Doch die Urteile (Geldstrafen) sind gesprochen. Was diesen recht kurzen Prozess anbelangt, also Anklageverlesung, knapp ein Dutzend Zeugenaussagen, zwei Sachverständigengutachten, Plädoyers von Staatsanwalt Dr. Alexander Voigt und Verteidiger Benjamin Düring, alles an einem Tag: Da muss klar sein, dass es bei diesem Sicherungsverfahren um Hilfe ging. Hilfe für den Beschuldigten, der krank war und noch krank ist.

Unterbringung sei unbefristet

Obwohl die Behandlung mit therapeutischen Psychopharmaka bereits gut angeschlagen habe, wie die Sachverständigen meinen. Richterin Wetzel sprach Mario L. direkt an bei ihrer Urteilsverkündung am späten Nachmittag. Er könne sich an keine einzige Tat erinnern – das hatte sein Verteidiger, Rechtsanwalt Düring, schon eingangs festgestellt. Wie lange Mario L. jetzt innerhalb der Psychiatrie bleiben muss, ist unbestimmt: Die Unterbringung ist zeitlich unbefristet. Derzeit stelle der Beschuldigte eine Gefahr für die Allgemeinheit dar, meinte die Richterin. Doch jemanden für immer wegzusperren: Das sei nicht Aufgabe und Inhalt des deutschen Rechtssystems.

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