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Ein ganz besonderes Erinnerungsstück: Erich Wild führt Redakteurin Jutta Degen-Peters die „Scheuerbambel“ vor, die sein Vater aus Gefangenschaft mit nach Hause brachte. Diese Maschine zum Schneiden der ebenfalls mitgebrachten Tabakblätter erwies sich in der Nachkriegszeit als Gold wert.

Themenschwerpunkt: Zeit zum Erinnern

Die Mutter als Fels in der Brandung: Erich Wild, heute 85 Jahre, war als Junge Vollversorger der Familie

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Angst? Nein. Angst hat Erich Wild nie gehabt. Der am 11. Juni 1934 in Bruchköbel geborene pensionierte Polizist, der mit Mutter und Großvater in der Hauptstraße 37 lebte, erlebte seine Mutter wie einen Fels in der Brandung. Zum Zeitpunkt der Bombardierung Hanaus war Erich Wild zehn Jahre alt.

 „Die Mutter hat mir ein Gefühl der Sicherheit gegeben“, sagt der Rentner voller Wertschätzung. Nach dem Angriff am 19. März, vor dem die aus Großvater, Mutter und dem Zehnjährigen bestehende Familie sich in den Keller des massiven Backsteinhauses geflüchtet hatte – auch Nachbarn und Untermieter fanden dort Zuflucht – schaute Erich aus dem Fenster seines Dachstübchens in die Stadt: „Ein Qualm, ein Rauch, ich konnte gucken bis zur Dunlop, weil alles niedergewalzt war.“ 

Am Sonntag nach dem Angriff sei er mit seiner Mutter in die Stadt gelaufen, schaut Erich Wild zurück. „In der Frankfurter Straße, der Krämerstraße und am Heumarkt war alles kaputt. Nur ab und zu ragte ein Schornstein aus den Trümmern empor“. Auf einem Schuttberg habe die aus einen Meter zusammengeschrumpfte verkohlte Leiche in Uniform gelegen. 

Wild als "Vollversorger der Familie"

Der Zehnjährige funktioniert in den Tagen und Wochen nach dem Angriff als „Vollversorger der Familie“. Diese musste zwar keinen Hunger leiden, unter anderem zog die Mutter während des Krieges sieben Putenküken groß. Dennoch fehlte es auch hier an vielem. Erichs Schule, die Bezirksschule IV in Kesselstadt, war Informationszentrum für die Jungen. „Dort erfuhren wir, dass es am Hauptbahnhof Waggons mit Kerzen gibt oder dass wir zum Damm bei der Hassia ziehen konnten, weil ein Schiff mit nass gewordenem Waschpulver angelegt hatte. Die Leute stürzten sich regelrecht drauf“, so Wild. 

In diesem massiven Basaltgebäude an der Hauptstraße 37, der heutigen Jakob-Rullmann-Straße, lebte Erich Wild mit Mutter und den Großeltern.

Auch, dass im ausgebrannten Gebäude des Heeresverpflegungsamtes an der „Wiener Spitz“, gegenüber der heutigen Brüder-Grimm-Schule, Konserven mit Corned Beef zu holen war, wurde in Erichs Klasse kundgetan. „Die Solidargemeinschaft funktionierte“, sagt der 85-Jährige. „Das war Überlebenskampf pur. Da war keine Zeit zum Weinen.“ Erichs Vater, der den elterlichen Hof in Kesselstadt geerbt hatte, war von 1933 bis 1944 bei der Dunlop als Gummiarbeiter beschäftigt. Als das Unternehmen zerstört war, wurde der Vater zum Volkssturm eingezogen, erinnert sich Wild. 

Wild sprang nach Kriegsende oft für seinen Vater ein

Von der Rückkehr des Vaters aus dem Krieg existiert noch ein Bild: Mit dem Wagen brachte der Vater zwei weitere ehemalige Kriegsgefangene mit.

Da er als Landwirtssohn etwas von Pferden verstand, habe er bei seiner Rückkehr aus dem Krieg Beutepferde mitgebracht. Mit diesen begründete er ein Fuhrunternehmen, das bis 1952 bestand. Wenige Tage nach dem Kriegsende kam der Vater mit zwei weiteren Soldaten mit einem Pferdewagen angefahren. „Auf dem Wagen hatte er einen Sack mit Tabak aus der Pfalz, der später Gold wert war, und eine Scheuerbambel (eine Maschine, zum Tabakschneiden, Anm. d. Red.).“

In den Monaten und Jahren nach Kriegsende wurde Christian Wild häufig zum Ehrendienst mit den Pferden eingeteilt. Hin und wieder sprang auch Sohn Erich für den Vater ein. „Ich bin als Zwölfjähriger ins 'große Rohr' gefahren zum Ehrendienst.“ Dort, zwischen dem Standort des heutigen Netto-Marktes und dem Hauptbahnhof, fuhr der Junge auf dem Sumpfgelände den Karbidschlamm in die Innenstadt, der beim Wiederaufbau als Mörtelersatz benötigt wurde. 

Erinnerungsstücke sollen an den Geschichtsverein übergeben sollen

Mit den schlimmen Verwundungen, die der Krieg verursachte, wurde Erich Wild ebenfalls früh konfrontiert. Er begleitete die Mutter, die als Mitglied der Frauenhilfe regelmäßig das Lazarett in der Hohen Landesschule besuchte, und kam dort in Kontakt mit kieferverletzten Soldaten. „Den Soldaten wurden Hautwülste von der Brust ans Kinn genäht, damit sie dort anwuchsen. Später formte man ihnen daraus ein neues Kinn“, schildert Wild seine Eindrücke. 

Aus dieser Zeit hat Erich Wild eine Mappe behalten, die ein Soldat aus Röntgenaufnahmen nähte und der Mutter schenkte, eine der Beschäftigungen, mit denen sich die Soldaten im Lazarett die Zeit vertrieben. Diese will er den Hanauer Geschichtsverein mit weiteren Erinnerungsstücken übergeben: „Der Scheuerbambel, die der Vater mit nach Hause brachte, und ein Einwohnermeldebuch von Hanau aus dem Jahr 1930.“

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