Der Tower ist seit Mai im Besitz eines Immobilienentwicklers aus Bayern. Foto: Weber

Bruchköbel/Erlensee

Museum auf dem Fliegerhorst muss warten

Erlensee/Bruchköbel.  Das Projekt klang vielversprechend. Im Februar dieses Jahres hatte der ehemalige hessische Landesarchäologe Professor Egon Schallmayer vor einem interessierten Publikum die Pläne für das Dokumentationszentrum Fliegerhorst skizziert. Da war von etwas Einmaligem die Rede, von einem Projekt, das Zeugnis über die Geschichte des ganzen vergangenen Schicksalsjahrhunderts der Deutschen ablegen könne

Von Holger Weber

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Viele, die dem Vortrag des Historikers in der Erlenhalle folgten, verließen nachher hellauf begeistert den Veranstaltungsort. Doch seitdem ist nicht mehr viel passiert. Mehr noch: Es ist ziemlich still geworden um das ehrgeizige Vorhaben.

Projekt noch nicht gestorben

Das solle aber nicht bedeuten, dass das Projekt gestorben sei, meint Erlensees Bürgermeister Stefan Erb (SPD) auf Nachfrage unserer Zeitung. Erb selbst ist ein glühender Anhänger der Idee, auf dem ehemaligen Militärflughafen eine Erinnerungsstätte für die Nachwelt zu schaffen, deren Bedeutung und Strahlkraft über die Grenzen der beiden Fliegerhorstkommunen Erlensee und Bruchköbel hinausgeht. Doch haben sich laut Erb in der Zwischenzeit die Rahmenbedingungen verändert. In Erlensee musste der bereits für dieses Jahr geplante Rathausumbau verschoben werden, weil es nicht genug Kinderbetreuungsplätze in der schnell wachsenden Kommune gibt. In Bruchköbel sieht man sich den enormen Kosten des Innenstadtumbaus gegenüber, mit dem ebenfalls bereits in diesem Jahr begonnen werden soll. Eine große Unbekannte ist bisher auch noch die sogenannte Hessenkarte, ein neues Entschuldungsprojekt der Landesregierung. Diese will Kommunen zur Seite springen, die seit Jahren ihre Kassenkredite, eine Art Girokonto für laufende Kosten, überzogen haben und den Schuldenberg allein nicht mehrabtragen können. Zu den

Finanzielle Belastungen

260 Kommunen im Land gehören auch Erlensee und Bruchköbel, die beide zweistellige Beträge mit sich herumschleppen. Jedoch hat sich das Finanzministerium in Wiesbaden noch nicht eindeutig darüber geäußert, welche Sparauflagen mit der Stundung der Kredite einhergehen. Kurzum: Es herrscht sowohl in Bruchköbel als auch in Erlensee nach Ansicht von Erb derzeit nicht das richtige Klima, um eine so ehrgeizige und auch kostenaufwendige freiwillige Leistung wie das Dokumentationszentrum voranzutreiben.Laut den Berechnungen von Schallmayer würde allein die Installation des Dokumentationszentrums in dem alten Tower rund 1,3 Millionen Euro kosten. Was aber noch viel schwerer wiegt, sind die laufenden Kosten, die ein solches Zentrum mit sich bringen würden. Erb schätzt diese auf rund 200 000 Euro jährlich. Damit müssten unter anderem ein hauptamtlicher Mitarbeiter und auch die Miete für das Objekt bestritten werden.Der denkmalgeschützte Tower gehört seit Mai dieses Jahres einem Immobilienentwickler aus Bayern, der dem Zweckverband die Möglichkeiten eingeräumt hat, einen Teil des Areals für das Dokumentationszentrums anzumieten. Diese Option gilt aber nur für die kommenden zwei Jahre. Und wie es ausschaut, wird der Zweckverband die Frist wohl auch ausreizen, ehe eine endgültige Entscheidung fällt. Abgesehen von einem Grundsatzbeschluss, der vor langer Zeit einmal gefällt wurde, ist das Thema weder in Erlensee noch in Bruchköbel in einem politischen Gremium besprochen worden. Und auch im Zweckverband selbst, der am16. August das nächste Mal tagt, ist die Geschichte des Militärstützpunkts bisher noch kein Thema gewesen.Fraglich ist auch, ob die Bruchköbeler Stadtverordneten genauso viel Herzblut zeigen für das Projekt wie ihre Kollegen in Erlensee. Stefan Erb zeigt sich hinsichtlich dieser Frage optimistisch: „Der Flughafen hat für beide Kommunen eine große Bedeutung gehabt.“ Zudem gehe es ja nicht nur darum, den Fokus auf die lokale Geschichte zu richten. Gegenstand solle ja eine weitaus übergreifende Betrachtung der deutsch-amerikanischen Beziehungen werden.

Wie positioniert sich Bruchköbel?

Und doch gibt es einige Indizien dafür, dass das Interesse an einem solchen Zentrum nicht gleichermaßen vorhanden ist. In Erlensee besteht ein großer Teil einer seit einigen Jahren an dem Thema arbeitenden Arbeitsgruppe aus Mitgliedern des örtlichen Geschichtsvereins. In Bruchköbel hingegen zeigte sich Bürgermeister Günter Maibach ein wenig enttäuscht darüber, dass der Geschichtsverein kaum Interesse am Fliegerhorst bekundet hat. Interessant dürfte sein, wie sich Bruchköbels Stadtverordnete positionieren werden.Frühestens Anfang kommenden Jahres soll das Dokumentationszentrum dann auch Thema in den Stadtparlamenten werden, glaubt Birgit Behr, Erste Stadträtin in Erlensee und zudem Vorsitzende der Arbeitsgruppe Dokumentationszentrum Fliegerhorst. Derweil soll im Hintergrund an dem Projekt weitergearbeitet werden, wie Stefan Erb versichert. Schallmayer und sein Team sollen weiterhin Daten sammeln und Zeitzeugen befragen. Rund 100 000 Euro hat der Zweckverband bereits für die Konzepte sowie die Recherchearbeiten der Experten ausgegeben. Gut investiertes Geld, glaubt Erb. Denn selbst wenn irgendwann die Entscheidung getroffen würde, kein Dokumentationszentrum zu errichten, blieben die Informationen und Daten für die Nachwelt erhalten und könnten in einem Buch Niederschlag finden. Doch Erb glaubt weiterhin an den großen Wurf. „Es ist eine einmalige Chance. Auch wenn das Projekt derzeit noch warten muss.“

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